Hemmungslos     

Foto: Michael Horowitz

Mondäner Treffpunkt des internationalen Jetsets und Liegeplatz der schönsten Yachten der Welt: der Hafen von Saint-Tropez

Hemmungslos     

Schöner Schein im Paradies der Provence. In Saint-Tropez wird überschwänglich Lebenslust inszeniert, als wäre die Bardot noch immer ein Männerschwarm.

Rosen, ein Hubschrauber, eine Wette. Es geht um die Sexgöttin mit dem Schmollmund, der wallenden blonden Mähne und dem atemraubenden Hüftschwung. Um Brigitte Bardot zu erobern, ließ Gunter Sachs 30.000 blutrote Rosen und einen Heiratsantrag auf Büttenpapier aus einem Helikopter regnen. Auf die Bardot-Villa in Saint-Tropez. Jener deutsche Paradiesvogel mit Geld und gutem Aussehen, der in der Nähe von Schweinfurt zur Welt kam, hatte es geschafft. Gerade als Playboy zwischen Sylt und St. Moritz etabliert, gewann Sachs 1966 die Wette. Bald feierten BB und der Millionenerbe rauschende Feste, zelebrierten freie Liebe – vor den Augen der Paparazzi. Am Heck des Motorboots, bei Vollmond im Pool, am frühen Morgen an der Tahiti Plage. Gunter Sachs heiratete Mamou, sein Schätzchen, in Las Vegas. „Du bist ein schönes Segelschiff. Und du brauchst Wind in den Segeln. Ich will dieser Wind sein“, beschwor Sachs die Liebe seines Lebens. Doch die Ehe hielt nur drei Jahre.

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Foto: Discovery 2010

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Foto: Michael Horowitz

Ein anstrengender Sonnentag an der Tahiti Plage geht zu Ende, ehe eine weitere lange Nacht in einem der berühmten Clubs von Saint-Tropez beginnen kann …

Geschichten, die wahr – oder fast wahr sind. Es wäre schade, sie nicht zu erzählen. Magische Plätze wie Capri oder Cannes, Portofino oder Saint-Tropez bilden eine ideale Kulisse. Und wecken Sehnsüchte und Assoziationen von prallem Leben.
Der Mythos Côte d’Azur. Die azurblaue Küste im Süden Frankreichs ist vermutlich die älteste, jedenfalls schillerndste Urlaubsregion der Welt. Ein Paradies in der Provence. Vor rund 150 Jahren entdeckten es britische Aristokraten. In der Belle Époque kamen Potentaten, Industriebarone und russische Großfürsten. Das Personal der Côte d’Azur war von Sultan Abdul Hamid entzückt. Weil er während der Promenade immer Seifenblasen in die Luft jagte – aber vor allem wegen der kleinen Diamanten, die er als Trinkgelder verteilte.
Zu dieser Zeit beschloss Zar Alexander II., dass sein Sohn, der damals zwölfjährige Zarewitsch, seiner zarten Gesundheit wegen nur mehr hier leben sollte. In Nizza errichtete man einen Palast, der ein Dutzend prunkvolle Salons, 200 Schlafzimmer und Ställe für 400 Pferde umfasste. Damit der junge Herr nur Wohlgerüche atme, wurden 200.000 Orangenbäume gepflanzt, die 800 Gärtner zu pflegen hatten. Das waren die Zeiten, als die Diener der Herren aus Russland auf den Fußmatten vor den Türen der Hotel-Suiten schliefen. Und genau wussten, wer in der Nacht über sie hinwegsteigen durfte.
Später zogen die Maler aus dem grauen Nebel der Städte hinunter in die strahlende Sonne. Paul Signac war der erste, der das verträumte Fischerdorf Saint-Tropez entdeckte. Es wirkte am frühen Morgen frisch wie bei der Geburt der Welt.

Signacs Künstlerfreunde Bonnard und Braque, Matisse und Seurat besuchten ihn – und ließen sich auch selbst bald hier nieder. Duftende Mimosen und Eukalyptusbäume, mächtige Palmen, leuchtende Farben, magisches Licht als neues pied-à-terre. Die Rechnungen in den kleinen Brasserien bezahlte die Künstlerkolonie mit ihren Bildern. Bald kamen Pariser Galeristen und kauften den ahnungslosen Wirten die Meisterwerke zu Spottpreisen ab.
Vor 50, 60 Jahren entdeckten Filmemacher und Literaten, Dandys aus New York und Industrielle aus Paris und dem Ruhrgebiet die kleine, verträumte Hafenstadt. Vorbei war’s mit der Ruhe, der Gelassenheit und der stillen Heiterkeit. Das 5.000-Einwohner-Städtchen Saint-Tropez war plötzlich ein Place to be. Ein Ort der Selbstdarstellung. Mit der Bardot als Ikone, Königin, ewiger Werbeträgerin. Das alljährliche Sommertheater begann.

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Saint-TropezOb im Café Sénéquier oder im Café des Arts, ob jung oder alt, schön oder reich, verliebt oder auf der ewigen Suche nach der Liebe, man wird gesehen oder will gesehen werden …


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Doch der ursprüngliche Charme des ehemaligen Fischerdorfs besteht bis heute. Man merkt es am Dienstag oder Samstag auf dem Wochenmarkt. Wo im Winter der schönste Eislaufplatz der Welt aufgebaut ist, Kinder auf Kufen ausgelassen Pappmaché-Eisbären hinterherfahren, wo im Sommer abends unter den mächtigen Platanen in aller Ruhe Pétanque gespielt wird. Hier auf der Place des Lices werden am frühen Morgen Knoblauch-Kränze und fette Würste, Lavendel und Bikinis angeboten. Jean-Pierre mit dem rissigen Strohhut und dem mächtigen Schnauzbart sieht aus wie George Brassens und hat das beste Bio-Gemüse. Die  resche, nicht unfesche Marktfahrerin preist im knappen, knallgelben Leiberl mit der Aufschrift I’m a virgin – but this is a very old T-Shirt lautstark ihre Weidenkörbe an.
In den Cafés rund um den Platz schwärmen die Herren  an der Budel beim ersten Pastis noch von der gestrigen Boule-Partie, während meine Frau in der Boulangerie Paul das zweite (dritte?) Croissant bestellt. Inzwischen verkauft das 125 Jahre alte Croissant-Imperium Paul weltweit Baguette und Patisserien. In zwölf Ländern Europas, auf Martinique und in Marokko, in Japan und Jordanien. Und so wie Louis de Funès als fahriger Gendarm, der ständig auf der Jagd nach Nudisten ist, macht Paul Saint-Tropez in aller Welt bekannt.

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Um der hochsommerlichen Gluthitze, dem Trubel am Quai Jean Jaurés zwischen Yachten, jungen Mädchen und juvenil gekleideten Herren reiferen Alters zu entfliehen, zieht man sich mittags am besten auf einen casse-croûte, einen Imbiss, in das kleine Fischgeschäft auf der Places aux Herbes zurück. Oder man fährt Richtung Gassin ins La Verdoyante. Der einzigartige Blick auf die Bucht von Saint-Tropez, ein famoses, dreigängiges Menü um 45 Euro (Gänseleber mit Feigen, Gambas auf Gemüsebeet, Ziegenkäse-Pyramide mit Oliven-Chutney) lassen die zumeist aberwitzigen Preise unten im Hafen schnell vergessen. Ein, zwei Gläser Rosé – es muss ja nicht der exquisite Chateau Miraval, den Angelina Jolie und Brad Pitt in der Provence produzieren lassen, sein … Die Leichtigkeit eines unendlichen Sommertages kann beginnen.
Am frühen Abend, vor dem Aperitif im Café des Arts, wo Mick und Bianca Jagger 1971 geheiratet haben, könnte man dann die paar alten Geschäfte, die noch zwischen all den Luxustempeln überlebt haben, besuchen: das Hutgeschäft der eleganten Modistin, wo  Borsalinos in der Auslage  verlocken einzutreten. Der Eisenwarenladen mit einem riesigen Angebot an Thermometern, Thermoskannen und allem, was ein wohlsortierter Haushalt sonst noch braucht. Oder das Sandalengeschäft in der Rue Georges Clémenceau. Der Großvater des heutigen Schusters hat die Sandales Tropéziennes mit den vielen dünnen Riemchen erfunden, die Bardot hat sie berühmt gemacht. Jeder einzelne Schuh wird weiterhin im Hinterzimmer von Hand gefertigt. Das Geschäft blüht seit jeher – High Heels würden die Mahagoni-Böden der Yachten zerkratzen.

 

Ort der Schönen und Reichen, der Natur- und Kunstgebilde sowie seit jeher abendlicher Treffpunkt der Boule-Spieler am Place des Lice


Ort der Schönen und Reichen, der Natur- und Kunstgebilde sowie seit jeher abendlicher Treffpunkt der Boule-Spieler am Place des Lice


Als Regisseur Roger Vadim 1955 Saint-Tropez als Kulisse für seinen Film „Und ewig lockt das Weib“ mit der Bardot und Curd Jürgens entdeckte und in einer kleinen Bude am Strand von Pampelonne eine Dame Würstel für ihre Familie grillen sah, fragte er Madame de Colmond, ob sie das Catering für seine Crew übernehmen könnte. „Mais oui, bien sur …“  
Der Aufstieg zu einem der legendärsten Beach-Clubs der Welt begann. Im 55, wo man unter gespannten Segeln high life zelebriert, feiert man heuer 60-jähriges Jubiläum. Bei gegrilltem Gemüse, zart gegarter Dorade oder Pfeffersteak vom Charolais-Rind perlt als Erfrischung Selosse-Substance-Champagne die Kehlen runter. Bis die Sonne langsam im Meer versinkt. Patrice, Cinquante-Cinq-Patron, der Sohn der eleganten Würstel-Grillerin, baut seit kurzem im provenzalischen Hinterland Minze und Erdbeeren an. Streng biologisch. Statt  Gift spritzt man Brennesselsud. Die Mojito- und Daiquiri-Liebhaber danken es ihm. Popstars unter Pinien, Alain Delon und die Deneuve, Bill Gates und Gorbatschow, U2-Legende Bono  – der längst die Sitzecke links hinten zur Irischen Botschaft erklärt hat. Ein einziges Mal hat sich Bademeister Gérard Bartolo, der seit 34 Jahren für die erlauchten Gäste die Strandliegen betreut, ein Autogramm geben lassen: von Mike Tyson. Schade, dass es in Instagram-Zeiten die Auslage des Fotografen in der Passage Gambetta nicht mehr gibt.

Foto: Michael Horowitz

„Der Gendarm von Saint-Tropez“ – mit diesem Film hat Louis de Funès mitgeholfen, die Hafenstadt berühmt zu machen. Sein Double wartet heute noch auf die Touristen. …  

Morgens ab zehn konnte man bis vor einigen Jahren die Ausbeute des letzten Tages bewundern. Jede Menge Celebrities. Ein Archiv der Selbstdarsteller. Abziehbilder von Luxus, Müßiggang und Ruhm. Manchmal auch von blasierter Langeweile. Françoise Sagan in ihrem Jaguar XK140-Cabrio, Bonjour Tristesse hatte sie in kurzer Zeit reich gemacht. Eliette und Herbert von Karajan, stolz auf ihre Yacht schreitend. Romy Schneider nachdenklich im Le Sénéquier. Die Dietrich als Matrose verkleidet, Mario Adorf mit einer schrill lachenden Verehrerin, vielleicht aus dem Sauerland. Die jungen Gipsy Kings, ausgelassen an der Tahiti Plage. Charles Aznavour, der rohe Knoblauzehen kaut, als ob es Mandeln wären. Pablo Picasso mit Ehefrau Jacqueline im Arm und Dackel Lump an der Leine. Clint Eastwood, der sich aus einer sechs-Liter-Methusalem-Flasche ein Glas Burgunder gönnt. Lady Di und Dodi, im Liebesspiel versunken.
Saint-Tropez, drei Silben, die sich über lange Zeit als Synonym für Überschwänglichkeit der Natur und ihrer Besucher gehalten haben. Bis heute. Mit rund fünf Millionen Touristen jährlich bleibt es einer der magischsten Orte der Welt. Voller Poesie, Lebensfreude und ursprünglichem Charme. Wo die Comédie Côte d“Azur, der Traum vom kurzen Urlaubsglück, hemmungslos ausgelebt wird.

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Saint-Tropez Tipps

Wohnen & Schlafen

 

„Sezz“


Wer in diesem Fünf-Sterne-Deluxe-Boutique-Design-Hotel residieren will, fragt nicht nach dem Preis.
www.saint-tropez.hotelsezz.com

 

La Bastide


Paradiesischer Park, elegantes Herrenhaus, herrlicher Swimmingpool unter dreihundertjährigen Olivenbäumen – wohnen wie Gott in Frankreich.
www.bastide-saint-tropez.com

 

Chateau de la Messardière


Fünf-Sterne-Palast aus dem 19. Jahrhundert. Atemberaubender Blick auf die Bucht von Saint-Tropez.
www.messardiere.com

 

Hotel des Lices


Ein Tipp für alle, denen drei Sterne genügen. Nettes, kleines, sauberes Hotel in allerbester Lage am Place des Lices inmitten der Altstadt.
www.hoteldeslices.com

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Shopping, Shopping, Shopping: Auch für Designer einer der teuersten Plätze der Welt


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Sehen & gesehen werden

Café Sénéquier


Das Treiben am Hafen beobachten, beim vielleicht teuersten Espresso der Welt.
www.senequier.com


Club Nikki Beach


Der ultimative Club und laut „The London Observer“ „The Sexiest Place on Earth“.
www.nikkibeach.com

 

Club 55


Am Plage Pampelonne gelegen und seit 60 Jahren das berühmteste Strandlokal der Welt. Und noch „immer lockt das Weib“, wie einst Brigitte Bardot.
www.club55.fr

Essen & Trinken

La Verdoyante


Geheimtipp außerhalb von Saint-Tropez Richtung Gassin. Abseits des Trubels inmitten von Weinbergen auf einer herrlichen Terrasse sitzen und großartiges Essen günstig genießen. la-verdoyante.fr

 

Café des Arts


Am Place des Lices zwischen den Platanen sitzen, einen Café oder einen Pernod trinken und danach ein ausgezeichnetes Steak essen und den Pétanque-Spielern zusehen, während sich das Licht der alten Laternen über den Platz legt … viel mehr geht nicht.
www.brasseriedesarts.com

 

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Foto: KURIER freizeit am Samstag


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