Kein Essen, nur Suppe: Ein Selbstversuch mit Buchinger-Fasten

Wie es sich anfühlt, ohne feste Nahrung auszukommen, wann die "Superkräfte" kommen und wie viele Kilos purzelten.

Das hat man also vom Herumzappen. In einer Dokumentation eines deutschen Nachrichtensenders erklärt ein Wissenschaftler, wieviel Ballast die menschlichen Zellen im Laufe ihres Lebens ansammeln. Da will man gleich wieder wegschalten, bleibt dann aber doch hängen. Er spricht von einem Schaufelprinzip, bei dem das, was tagsüber in die Zellen reingeschüttet wird, von imaginären Bauarbeitern über Nacht weggeschaufelt würde – ist der Abstand zwischen den Mahlzeiten aber zu kurz, würde weiteres obendrauf geschüttet, ohne dass die Reste des Vortages schon weg wären. Ziemlich fleißig, diese Arbeiter, denke ich. Der Körper, ein Wunder. Aber auch eine ziemliche Sisyphusarbeit. Wie klappt das dann mit dem Abnehmen?

Wie gerufen, spricht der Forscher dann von Autophagie, also jenem Prozess in Zellen, mit dem eigene schadhafte Bestandteile gebaut würden und ein Erneuerungsprozess in Gang käme. Eine Art Recylingprogramm, zum Saubermachen, Entgiften, Entschlacken. Klingt logisch, wer beim Jahreszeitenputz entrümpelt, fühlt sich ja auch freier als zu vor, irgendwie leichter. Wie lange braucht man also, um das einzuleiten? Mindestens 14 Stunden, vollständig in Gang kommt die Autophagie einigen Wissenschaftlern zufolge aber erst nach rund 72 Stunden. Manche forschen an einer Pille, die das beschleunigen soll, heißt es. Doch das sei noch Zukunftsmusik. 72 Stunden also, in denen nichts gegessen werden sollte, auch wenn es nach dem Fastenprinzip nach Buchinger geht.

72 Stunden! Und danach heißt es weiterhungern. Denn erst, wenn die Autophagie eingesetzt hat, greift der Körper nach und nach auf bestehende Fettreserven zurück und zehrt daraus seine Energie. „Fasten ist so alt wie die Völker der Erde“, hat Otto Buchinger 1935 in sein Buch geschrieben. Na dann, eine Woche nichts essen, so schlimm kann das doch nicht sein.

Die Vorbereitung und Tag 1

Zugegeben, der Menüplan macht wenig Freude: 250 ml ungesalzene Gemüse-Suppe ohne Einlage und 250 ml Saft pro Tag sind erlaubt. Ansonsten nur Wasser und ungesüßter Tee. Es gibt auch Variationen, die hier andere Portionen und Bestandteile vorsehen, doch ich denke mir: Wenn, dann gleich ganz oder gar nicht. Die Suppe, natürlich selbstgekocht, portioniere ich für die halbe Woche vor und kühle sie ein. Bei den Säften bemühe ich mich um Vielfalt und greife zu naturtrübem Apfelsaft, dickem Marillen-, Karotten- und Tomatensaft. Dann der Gang zur Apotheke: ich brauche Glaubersalz. Damit beginnt das ganze Abenteuer nämlich erst. Vermischt mit einem halben Liter Wasser in einem Zug getrunken, soll der Darm entleert werden. Bei einem Teegeschäft besorge ich noch ungesüßte Teesorten. Zu Hause stelle ich meine Einkäufe für die ganze Woche auf den Tisch und denke mir erneut: So schwer kann das doch nicht sein. Falsch gedacht, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht.

Dieses Bild umfasst die gesamte Wochenration beim Buchinger-Fasten.

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Am selben Abend starte ich mit der Einnahme des Glaubersalzes. Das so genannte „Einfasten“ beginnt, es schmeckt als würde man im Meer vom Bananen-Boot fallen und Unmengen Salzwasser schlucken – nicht angenehm, ist aber auszuhalten. Vier Stunden später ist der Darm leer und ich fühle mich bereits leichter. Ein Zustand, der sich zwar bald ändern sollte, aber davon weiß ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nichts. Ich spüre Hungergefühl, auch Kopfschmerz setzt ein – vielleicht liegt das auch am Kaffee-Entzug. Statt meinem morgendlichen Espresso gab es nämlich nur Tee und Wasser. Das sollte auch für die ganze Woche so bleiben. Neben keinem Essen soll es nämlich auch kein Koffein und auch kein Alkohol mehr sein. Und Nikotin ohnehin nicht. Zunehmend kommen auch viele Gedanken: Schaffe ich das eine ganze Woche, so ganz ohne feste Nahrung? Wird mir schwindlig davon? Oder werde ich gar ohnmächtig, weil ich keine Kräfte mehr haben könnte? Es ist mittlerweile Abend und mich übermannt eine plötzliche Müdigkeit, über die ich aber gar nicht so unglücklich bin. Denn wenn ich schlafe, spüre ich ja keinen Hunger mehr.

Tag 2

Der Tag startet ohne Kaffee und mit weiterem Kopfweh. Ich habe gut geschlafen, doch die Schmerzen werden immer stärker. Interessanterweise ist das Hungergefühl bereits verschwunden, in einigen Internetforen lese ich, dass das bei anderen erst am dritten Tag der Fall war. Die aufwärmte Suppe, 250 ml, gibt mir Kraft, ich esse bzw. trinke sie in einem Zug zu Mittag aus. Nachmittags folgen 100 ml Karottensaft, immer verdünnt mit Wasser, 150 ml behalte ich mir für den Abend auf. Zu Hause angekommen, setze ich mich damit aufs Sofa und zelebriere das schluckweise Trinken. Normalerweise würde ich jetzt in einem Restaurant sitzen oder in meiner Küche am Herd stehen – doch die Essensplanung fällt weg, es tut sich plötzlich ein großes Zeitfenster auf. Ungewohnt fühlt sich das an. Ich schalte den Fernseher ein, suche eine Serie. Die Kopfschmerzen? Immer noch da.

Tag 3

Es kommt mir inzwischen komisch vor, an Essen zu denken. Seit Tagen keine feste Nahrung, kein Kaffee, kein Wein. Es fühlt sich an, als wäre mein Körper vollkommen leer. Ich fühle mich aber zunehmend dünnhäutig, es fröstelt mich. Also verteile ich die warme Suppe über den Tag in viele kleine Portionen und nehme abends eine lange, heiße Dusche. Die hilft mir sehr, über das Leeregefühl zu kommen, das sich zunehmend breit macht. Ich gehe nicht aus, meide nicht notwendige Wege, aus Angst, mein Körper könnte plötzlich zusammenbrechen. Was ich in dieser Woche lernen sollte, weiß ich an dieser Stelle noch nicht: Der Körper ist viel stärker, als man glaubt. Auf einmal verschwindet auch das Kopfweh, stattdessen aber zieht es enorm im unteren Rücken und bei den Nieren. Ich vermute, das liegt am vielen Tee und Wasser, das ich trinke und womöglich nicht gewohnt bin. Die Waage zeigt: 2,5 Kilogramm sind bereits verschwunden und ich bemerke auch, dass die Hosen beim Bauch weit geworden sind. Außerdem freue ich mich: Fast die Hälfte der Fastenwoche habe ich schon geschafft. Abends trinke ich ausnahmsweise 100 ml Buttermilch, das soll gut für die Knochen sein, habe ich gelesen.

Tee ist neben Wasser stets in einer Kanne neben mir auf dem Tisch drapiert, natürlich ungesüßt.

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Tag 4

Dunkel kann ich mich noch erinnern, was Hunger ist. Es kommt mir aber vor, als stamme dieses Gefühl aus einem anderen Leben. Den Geschmack von Kaffee? Habe ich ebenso fast vergessen. Das Ziehen im Rücken hat sich aber inzwischen auf die Oberschenkel ausgeweitet, es fühlt sich an, als läge ich auf einer Streckbank oder stünde unmittelbar vor einem grippalen Infekt. Beides aber ist es natürlich nicht, wahrscheinlich vielmehr die Autophagie, die einsetzt. Vor meinem geistigen Auge stelle ich mir vor, wie Fettzellen sich selbst zerschießen. Das baut mich auf und ich halte weiter durch. Etwas mühsam wird es inzwischen mit der Eintönigkeit der Suppe und Säfte, mein Ritual der heißen Dusche abends aber richtet mich wieder auf. Und sollten nicht langsam die Superkräfte kommen? Ich bin vielmehr müde, fühle mich wie in Watte gewickelt, dünnhäutig. Die Kilos purzeln weiter. Abends stelle ich mich an den Herd und koche Gemüsesuppe für die restliche Woche vor, die darin gekochten Karotten und den Lauch gebe ich den Nachbarn.

Tag 5

Eine furchtbare Nacht liegt hinter mir. Beinahe jede Stunde bin ich aufgewacht vor Schmerzen in den Oberschenkeln die sich bis zum Knie zogen. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Zum einen ist der Kühlschrank leer, zum anderen will ich die Fastenwoche nicht unterbrechen. Also begann ich zu googlen und fand Erfahrungsberichte anderer Fastender, denen es ebenso oder ähnlich ging. Wenn es gar nicht mehr ginge, schrieb einer, solle man zu Paracetamol greifen. Normalerweise vertraue ich ja nur auf den Rat meines Arztes, doch in der Not dieser Schmerzen kramte ich in der Hausapotheke, fand ein Thomapyrin, nahm es und schlief keine halbe Stunde später tief und fest ein. Es wirkte wie ein Wunder! Mein Körper, der es ganz offenbar nicht mehr gewohnt war, etwas zu bekommen, saugte den Wirkstoff auf wie ein Staubsauger den Staub. Auch nach dem Aufstehen und den ganzen Tag über: Keine Schmerzen mehr, kein Hunger, ich fühle mich wie neu geboren! Ein weiteres halbes Kilo ist verschwunden, und da ist sie plötzlich: diese unbändige Energie. Das ist also, wovon so viele Buchinger-Fastende sprechen.

Da ist sie plötzlich, diese unbändige Energie. Das ist also, wovon so viele Buchinger-Fastende sprechen.

Tag 6

Der Gedanke, jemals wieder zu essen, fühlt sich nicht nur fremd an. Er bereitet mir auch Unbehagen. Ich habe das Gefühl, jeder Bissen würde sofort und eins zu eins auf die Hüften wandern. Morgen schon ist ja bereits der Aufbautag. Ich habe das Gefühl, ich könnte das Fasten nun noch ewig durchhalten, aber irgendwie freue ich mich schon wieder darauf, etwas Festes beißen zu können. Der Kaffee fehlt mir überhaupt nicht mehr, Schmerzen und auch Müdigkeit sind wie weggeblasen. Einzig das abendliche Ritual rund ums Essen per se fehlt mir zunehmend. Ich genieße einfach viel zu gerne, als dass ich diesen Tagesabschnitt missen möchte. Kein Buch, keine Serie, keine Musik und auch kein Sport können das für mich ersetzen.

Tag 7, Fastenende

Ich bin ziemlich aufgeregt. Heute darf ich also wieder essen, empfohlen wird ein kleiner Apfel in Spalten. Zu Mittag trinke ich noch die letzte Portion der 250 ml Gemüsesuppe und schwöre mir, im ganzen nächsten Jahr keine solche mehr zu essen. Auch die Säfte sind leergetrunken, die Teekanne verräume ich im Küchenschrank. Genussvoll und ganz langsam beginne ich den Apfel zu essen, ich schmecke die Frische, die Säure. So intensiv habe ich das Aroma eines gewöhnlichen Apfels noch nie wahrgenommen. Ich trinke ein Cola, was man eigentlich wegen des Zuckers nicht tun sollte, und denke mir: So erfrischend, diese Kohlensäure! Abends probiere ich einen Schluck Wein und stelle fest: Mir ist weder schwindlig, noch tut es mir nicht gut. Also noch ein Schluck und noch ein Schluck. Schließlich werden es zwei Gläser Grüner Veltliner. Zu Hause findet sich inzwischen frisch aufgeschnittener Prosciutto im Kühlschrank, ein bisschen Parmesan und Oliven. Wie ein Festmahl richte ich es auf Tellern an, genieße jeden Bissen. Und bin stolz, durchgehalten zu haben.

Buchinger-Fasten: Das Fazit

Ich habe das Buchinger-Fasten in meinen Alltag integriert und bin dafür nicht in ein eigenes Detox-Hotel gefahren. Ich habe ganz normal gearbeitet, was gut war, denn so hatte ich kaum Zeit zum Nachdenken über das Essen oder Hungern. Mir wurde niemals schwindlig, obwohl ich das befürchtete, mein Körper hat alles durchgehalten. Die Schmerzen aber waren nicht nur überraschend, sondern so stark, dass ich eine solche Kur nicht nochmals ohne ärztliche Begleitung durchführen würde. Bei einer Buchinger-Fastenwoche sind außerdem Leberwickel, Ausdauersport und Gymnastik fixe Bestandteile, all das habe ich nicht gemacht. Ich habe in einer Woche in Summe fast fünf Kilo und vier Zentimeter Bauchumfang verloren. Emotional habe ich zwei wesentliche Dinge gelernt: Kaffee ist kein Muss am Morgen, es geht auch gut ohne. Und: Das Leben mit Kulinarik ist einfach besser als ohne. Das Gefühl, den Körper einmal "aufgeräumt" zu haben, fühlt sich innerlich wie äußerlich aber richtig gut an, ein fast schwebendes, erhebendes Gefühl. Ich vertraue meinem Körper jetzt noch mehr als zuvor, weiß, dass er noch viel mehr kann, was ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Auch das: etwas, das ich sonst nicht erfahren hätte.

Marlene Auer

Über Marlene Auer

Chefredakteurin KURIER-freizeit. War zuvor Chefredakteurin bei Falstaff und Horizont Österreich, werkte auch als Journalistin im Bereich Chronik und Innenpolitik bei Tages- und Wochenzeitungen. Studierte Qualitätsjournalismus. Liebt Medien, Nachrichten und die schönen Dinge des Lebens.

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