Legendär: Vor 20 Jahren startete die Karriere der Amy Winehouse

Cool war sie immer, aber der Bienenstock saß nicht von Anfang an auf ihrem Kopf: Eine Schau in London zeigt Amy Winehouse privat.

So schnell kann es gehen. Mit Sechzehn war ihre Berufsvorstellung „Rollschuhkellnerin und Hausfrau“. Zehn Jahre später konnte Amy Jade Winehouse keinen unbeachteten Schritt vor die Tür ihrer Wohnung setzen. Die britische Soul- und Jazzsängerin war eine Berühmtheit geworden. Und was für eine! „Einen Star wie Amy Winehouse hat die Welt noch nicht gesehen“, bringt es Emma Garland vom englischen Magazin Vice auf den Punkt. „Und das wird sie auch nicht mehr. Sie war einzigartig.“

Stimmt. Mit dem Abstand von mehr als einem Jahrzehnt wird das nicht nur ihren Fans bewusst, sondern auch der gesamten Musikwelt. Als Amy Winehouse am 23. Juli 2011 mit nur 27 Jahren tragisch an einer Alkoholvergiftung verstarb, hinterließ sie neben vielen Texten, Skizzen und Bühnenoutfits auch eine riesige Lücke.

Inspirierte eine ganze Generation

Ob Elektro-Pop-Musikerin Halsey („Ashley“) oder die Pop-Überstars Adele („Rolling in the Deep“) und Billie Eilish („Beginner“) – eine ganze Generation von Sängerinnen gibt an, von der Künstlerin mit dem starken Look inspiriert worden zu sein. Adele äußert in dem opulenten Bildband „Amy Winehouse. Beyond Black“: „Wegen ihr lernte ich Gitarre spielen und dank ihr schreibe ich meine eigenen Songs. Neunzig Prozent meiner Karriere verdanke ich ihr“.

Das Buch ergänzt perfekt die Tribute-Ausstellung in London „Amy: Beyond the Stage“. Die Schau im Londoner Design Museum läuft bis zum 10. April und versucht, das Andenken an Amy Winehouse in ein neues Licht zu rücken. Nicht eine Tragödin, die so früh von den Schattenseiten des Ruhms zerfressen wurde, steht dabei im Mittelpunkt, sondern ein Mädchen, das hungrig ist auf das Leben und die Liebe.

©EPA/VICKIE FLORES

Amy im schulterfreien Top beim Poolbillard, Amy im Waschsalon, Amy vor einem Vintage-Shop in ihrem geliebten Londoner Stadtteil Camden. Fotos wie diese – ob private Schnappschüsse oder PR-Aufnahmen – zeigen eine Sängerin in ihrer Hood, ihrem Pub, ihrer bevorzugten Umgebung. Live, aber fast nie ungeschminkt. Amy ohne Eyeliner? Undenkbar.

Hinter Vitrinen sind auch zahlreiche mit Bleistift und Kugelschreiber beschriftete Seiten zu sehen, auf denen sie die Texte zu ihren Songs krakelte. Wenn kein Blatt Papier da war, auch auf die Rückseite von Kassabons. Amy Winehouse wird so beinahe greifbar. Ein Star zum Anfassen. Schön wär’s, aber sie existiert eben nur mehr in unserer Fantasie. Hier jedoch, im 1989 von Stardesigner Terence Conran an der Kensington High Street Nr. 224 gegründeten Museum, wird die Legende wenigstens für ein paar Momente wieder lebendig.

©APA/AFP/DANIEL LEAL

Yellow Press am Pranger

Die Erinnerungsstücke wurden zum Großteil von ihren Eltern zur Verfügung gestellt. Sie wollen damit ihre Sicht auf die berühmte Tochter vermitteln. Eine Sicht, die das massive Suchtproblem Amys nicht ausspart, aber die Medien – und dabei nicht nur die berüchtigte britische Yellow Press – gehörig in die Mangel nimmt. Stimmt ja auch, die gesamte Presse muss sich nachträglich eigentlich dafür genieren, wie leichtfertig sie über die Essstörungen der Sängerin scherzte und sich über dem Alkohol geschuldete Ausrutscher auf der Bühne mokierte.

Amy Winehouse' Vater Mitch neben dem Straßenschild ihres Wohngebiets

©EPA/VICKIE FLORES

Natürlich ist das Drama der Amy Winehouse ebenso hausgemacht. Es entsprach offenbar ihrem Naturell, gehörig auf den Putz zu hauen. Musikerkollege Bryan Adams, für den sie auch für Fotos posiert hat, erinnert sich für den Bildband „Beyond Black“ an ein Shooting in der Karibik: „Sie fragte mich, ob ich ihr Fahrstunden geben könnte. Aber gerne. Tags darauf erklärte ich ihr Funktion von Kupplung und Bremse. Sie wollte einen Versuch wagen. Sobald sie hinter dem Steuer saß, trat sie das Gaspedal durch und bretterte mit mir als Passagier die Straße runter.“

Leben auf der Überholspur

Mr. Adams musste Amys Fahrstunde mit der Handbremse stoppen. Später sollte ihm bewusst werden, dass diese Episode ihr Leben am besten widerspiegelt: „Vollgas voraus, ohne zu bremsen.“

Besonders tragisch: Knapp vor ihrem Tod dachten sowohl ihr Vater Mitch als auch ihr Freundeskreis, sie sei nach einer weiteren Entziehungskur bereits über dem Berg. Ihre Freundin Catriona Gourlay schreibt in einem Essay für den Erinnerungsband „Amy Winehouse. Beyond Black“: „Nächste Woche wollte sie mit mir die letzte Folge der Harry-Potter-Filme im Kino anschauen.“

Das Buch zur Schau

"Amy: Beyond the Stage" mit vielen Fotos und Erinnerungen von Stars wie Bryan Adams ergänzt perfekt die Tribute-Ausstellung in London (Verlag Prestel, 288 S., 37,10 €.)

©Verlag

Die Schau im Londoner Design Museum läuft bis zum 10. April und versucht, das Andenken an Amy Winehouse in ein neues Licht zu rücken. designmuseum.org

©Exhibition identity by Studio Moross
Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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