Erinnerungen an den Spitz von Izmir: Herbert Prohaska

Herbert Prohaska: "Adriano Celentanos Sohn wollte ein Autogramm“

Österreich ist im EM-Fieber – und auf Herbert Prohaska trifft das natürlich noch mehr zu. Für die "freizeit" nahm er sich dennoch Zeit, um über unsere Chancen, seine Karriere – und seine Liebe zu Italien zu sprechen.

Er ist unbestritten einer der besten österreichischen Fußballer aller Zeiten – und auch als Trainer war Herbert Prohaska durchaus erfolgreich.  Im "freizeit"-Interview erinnert er sich an Höhe- und Tiefpunkte, eine denkwürdige Begegnung mit Adriano Celentano, die Bedeutung von 3.500 Schilling Gehalt für einen Jung-Profi – und natürlich spricht er über die Fußball-Europameisterschaft, die von 14. Juni bis 14. Juli in Deutschland über die Bühne geht.

Wie fühlen Sie sich so knapp vor dem Anpfiff der Fußball-EM in Deutschland? Sind Sie matchfit?
 Ich freu mich narrisch. Es wird sicher ein harter Monat, weil auch, wenn wir im ORF nicht alle Spiele live übertragen, analysieren wir ja natürlich auch die anderen Begegnungen und zeigen Highlights. Also, da werde ich doch ziemlich beschäftigt sein.

Dann kommen wir gleich zum Kern der Sache: Wird Österreich Europameister?

(lacht) Ein Überraschungsangriff gleich nach dem Anstoß – das gefällt mir. Schauen Sie, ich musste meine Aussagen und Prognosen schon so oft revidieren, mich bringt in der Hinsicht so leicht nichts aus der Ruhe. Aber sagen wir einmal so: Wenn wir die Gruppenphase überstehen, und da bin ich trotz der schweren Gruppe doch optimistisch, dann werden schon sehr viele an den Titel denken.
Herbert Prohaska

Wer ist die Nummer eins? Der Schneckerl natürlich

©Kurier/Juerg Christandl
Zu Recht?
Natürlich. Denn ab der K. O.-Phase ist nun einmal wirklich alles möglich. Überraschungen sind praktisch vorprogrammiert.
Wie eng allerdings Euphorie und Enttäuschung beieinander liegen, haben Sie als Trainer auch schon selbst erlebt. 1998 brachten Sie Österreich ohne Niederlage zur EM-Endrunde in Frankreich ...
... und dann war’s nach zwei Unentschieden und einer knappen Niederlage auch schon wieder vorbei. Ja, so schnell kann’s gehen. Das war damals auch für mich persönlich sehr bitter, weil ich doch gehofft hatte, diese internationale Bühne nutzen zu können, um mich als Trainer für einen ausländischen Club empfehlen zu können.
Stattdessen kam dann gleich im nächsten Jahr das 0:9 gegen Spanien.
Und statt der internationalen Karriere mein Ende als Team-Trainer, genau. (lacht) Aber immerhin sorgt es für einen Fix-Punkt bei Interviews mit mir.
Merkwürdig eigentlich. Das 0:7 von Salzburg gegen Rapid  hatte für Giovanni Trapattoni keine Auswirkungen.
Es hat ja auch Ernst Happel mit Tirol 1:9 gegen Real Madrid verloren. Aber das waren halt damals schon Legenden, eine andere Trainer-Kategorie als ich. Die schickt man wegen so etwas nicht nach Hause.
Dabei kann es im Fußball immer einmal passieren, dass an einem Tag für ein Team alles daneben geht, auch wenn es eine ausgewiesene Klassemannschaft ist. Man denke nur an das Halbfinale 2014 zwischen Brasilien und Deutschland. Ein 1:7 und das in Brasilien!
Ja, selten aber doch. Die einen spielen sich in einen Rausch, bei den anderen funktioniert einfach nichts mehr – und je größer die Verunsicherung ist, desto schlechter wird es. Das lässt sich für den Trainer von der Seitenlinie auch nicht mehr beeinflussen. Wobei im Normalfall eben die Schuld dann schon beim Trainer gesucht wird. Der wird nämlich leider nicht nach seiner Arbeit beurteilt, sondern nur nach dem Resultat.
Herbert Prohaska

Für Herbert Prohaska dreht sich, seit er vier Jahre alt war, alles um Fußball. Jetzt als ORF-Experte

©Roman Zach-Kiesling / First Look / picturedesk.com
Sie kennen beide Seiten auf Spitzen-Niveau, Trainer und Spieler. Wo sehen Sie den wesentlichen Unterschied?
Meine Zeit als Spieler war sicher die unbeschwertere.

Sie wurden schon mit 17 Profi, waren nicht nur österreichischer, sondern auch italienischer Meister. Und das in der tragenden Rolle eines Mittelfeld-Strategen. Wie war das für Sie, als Sie mit 25 nach Italien wechselten?

Ich ging zuerst zu Inter Mailand, da gewannen wir in zwei Jahren einmal den italienischen Cup. Das war für die Chef-Etage dort zu wenig. Die großen Clubs im Norden, Juve, AC und Inter hatten damals IMMER den Anspruch, Meister zu werden. Alles andere war eine Enttäuschung. Und ja, natürlich, das ganze Umfeld war für mich atemberaubend. Solche Dimensionen kannte man in Österreich nicht. Was die Anlagen betrifft, aber auch die Organisation, das Management – den riesigen Trainer-Stab! Es dauerte, bis ich mir die Namen aller Co-Trainer gemerkt hatte.

Aber Sie sprechen noch immer sehr gut italienisch, habe ich gehört.
Sehr gut, na ja. Aber ich kann mich mit jedem unterhalten, das stimmt schon. Als Legionär war man damals ja noch etwas wirklich Besonderes, weil nur einer pro Team erlaubt war. Und so haben sich die Reporter dann gleich nach dem ersten Spiel auf mich gestürzt. 
©Kurier/Juerg Christandl

Hatten Sie bei all der Professionalität in so einem Spitzenklub keinen Dolmetscher?

Doch, natürlich. Einen persönlichen Dolmetscher vom ersten Tag an. Und nach dem hab ich mich auch verzweifelt umgesehen, aber der war nicht in Hörweite. Also stammelte ich eben ins Mikro, was ich so aufgeschnappt hatte. Und hab mir vorgenommen, bis zum nächsten Spiel drei, vier Sätze mehr zu können, und dann bis zum nächsten wieder – und so konnte ich nach einem halben Jahr eigentlich ganz passabel italienisch. Außerdem ist es ja auch so:  Ich red gerne mit anderen, im Team soll der Schmäh rennen – und ich will dabei sein. Aber aufgrund der strengen Ausländerregel saßen in der Kabine eben immer 25 Italiener und ein Simmeringer. In so einer Situation musst du dich halt entscheiden: Will ich ein Teil davon sein oder mach ich nur meine Arbeit und alles andere ist mir wurscht?

Und so ist auch Ihre große Liebe zu Italien entstanden?

Na ja, ich mochte Italien natürlich schon vorher, wollte auch unbedingt dort spielen. Aber es stimmt schon, je besser du dich in einem Land unterhalten kannst, desto besser lernst du es kennen – und so entsteht schon so eine Art Beziehung.

Wie empfanden Sie den Unterschied zwischen dem Norden, also Mailand, und dem doch wesentlich südlicheren Rom?

Das sind schon fast zwei Welten. Im Norden war der Druck enorm, da war alles perfekt und straff organisiert – weil’s eben wie gesagt als Ziel wirklich nur den Meistertitel gab. In Rom war in dieser Hinsicht die Stimmung entspannter, und das traf auch aufs tägliche Leben zu. Also ich hab’s dort wirklich geliebt. Sprachlich war’s ein enormer Unterschied, die Dialekte dort sind fast noch ärger als bei uns in Österreich. Die haben mich oft auf der Schaufel g’habt, weil ich schon wieder „mailändisch“ gesprochen hab. Aber ich mag das, den Schmäh. Auch wenn’s einmal auf meine Kosten geht. Das gehört dazu. 

Ich hab gehört, sie wollten einmal unbedingt ein Autogramm von Adriano Celentano – und haben es nicht bekommen. Wie kam das?

(lacht) Ja, das war noch in Mailand! Da waren meine Frau und ich in unserem Lieblingsrestaurant in Mailand, als ich dort unter Vertrag war. Und am Nebentisch sitzt Adriano Celentano mit seiner Familie! Ich wollt gleich hin, aber meine Frau hat mich zurückgehalten. Weil sie meinte, dass ich das auch nicht mögen würde, wenn mitten unterm Essen jemand kommt ...

Sehr rücksichtsvoll!

Ja eh – und dann kam plötzlich der Sohn von Celentano an unseren Tisch. Ob ich ein Foto mit Autogramm von mir hätte, wollte er wissen, weil sein Papa so ein riesiger Inter-Fan war. Also hab ich ihm natürlich eines gegeben. Und bis ich die Situation richtig verdaut und mich mit meiner Frau darüber unterhalten hatte – war der Adriano weg. Und so hat er zwar meines, aber ich hab seines nicht bekommen. Ein italienischer Fan hat die Story offensichtlich irgendwo gelesen und mir vor zwei Jahren ein signiertes Foto von Adriano Celentano geschickt. Das hat mich wirklich sehr gefreut!

Wie heißt dieses Lieblingsrestaurant von Ihnen in Mailand? Vielleicht ein Tipp für unsere Leser!

Das war das „Carlo ed Emilio“, das war so ein richtig herrliches Familien-Lokal, die Mama hat grandios gekocht, der Padre ist mit umgebundener Schürze von Tisch zu Tisch und hat G’schichtln erzählt, und die Söhne haben die ganze Servierarbeit gemacht.  Aber ich weiß nicht, wie es jetzt ist, es gab leider einen Besitzerwechsel. Seitdem war ich nicht mehr dort. 

Ihr liebstes Urlaubsziel in Italien?

Ach, wir sind mit der Familie tatsächlich schon den ganzen Stiefel abgefahren – und auf seine Art war es überall schön. Am liebsten waren und sind wir allerdings auf Ischia.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie am meisten freut, dass Ihr Sport Ihnen ermöglicht hat, mit der Familie schöne Urlaube zu machen. Die Bezahlung war zu Ihrer Zeit im Fußball ja noch tatsächlich überschaubar, oder?

Schauen Sie, das ist heute natürlich eine ganz andere Dimension. Und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das nicht auch gerne verdient hätte. Aber: Als ich mit 17 meinen ersten Profivertrag bei der Wiener Austria bekam, verdiente ich 3.500 Schilling Grundgehalt, mit Prämien für Siege und Unentschieden kam ich im Monat auf etwa 7.000 Schilling. Mein Vater arbeitete als Hilfsarbeiter sehr, sehr hart, und verdiente knapp die Hälfte. Als KFZ-Mechanikerlehrling bekam ich, wie alle anderen Lehrlinge damals etwa 1.000 Schilling. Ich darf mich also WIRKLICH nicht beklagen. 

Ihr Vater war ja ein großer Jazz-Fan. Sie selbst lieben neben  der Oper auch 60er- und 70er-Jahre-Rock. Was bei Ihnen weniger bekannt ist als bei Ihrem Kollegen Hans K.: Sie spielen auch in einer Band!

Ja, wobei man sagen muss: Ich darf bei einer Profi-Band einige Nummern singen.

Dann singen Sie wohl einige Hits von Ihrer Lieblingsband CCR, oder?

(lacht) Na ja, das ist für mich kein Wunschkonzert. Ich muss singen, was ich halt kann. Aber stimmt: „Who’ll stop the rain“ in der Version von John Fogerty und Bob Seger hab ich mir gewünscht, und das spielen wir auch.

Der Bandleader heißt Pete Art – und als Teilzeit-Italiener veranstalten Sie mit ihm auch immer wieder Italo-Abende. 

Ja, das ist eine echte Hetz! Das nächste Mal treten wir mit dem Programm am 3. August im Tschauner auf.

Herbert Prohaska

Wurde am 8.8.1955 in Wien geboren und wuchs in Simmering auf. Mit 17 wurde er Profi bei Austria Wien, mit 25 wechselte er zu Inter Mailand und wurde dort im zweiten Jahr Cup-Sieger. Mit AS Rom gewann er 1983 die italienische Meisterschaft. Als Trainer brachte er Österreich 1998 zur WM nach Frankreich.

Das klingt vielversprechend! Wobei Sie auch schon größere Bühnen kennen. Mit Antonello Venditti haben Sie schon einmal auf dem Donauinselfest gesungen, oder?

Ja, ich kenne ihn noch von meiner Zeit bei Roma. Er ist ein Riesen-Fußballfan. Und bei seinem Konzert hatte er eine Message für mich von den Fans der Südkurve in Rom. Also wollte er unbedingt, dass ich zu ihm auf die Bühne komme ...

Wie lautete die Botschaft der Roma-Fans?

Dass ich immer im Stadion willkommen bin, ganz egal ob als Gast oder als Gegner.

Das muss doch ein wirklich schönes Gefühl sein. Vielen Dank für das Gespräch.

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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