Christina Stürmer

Christina Stürmer im Interview: "Der Bauch sagt jaaaaaa!“

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Christina Stürmer Österreichs erfolgreichster und verlässlichster Pop-Export. Nach sechs Jahren Pause meldet sie sich jetzt mit einem sensationellen MTV-Album zurück.

Sieben Nummer-1-Alben, auch in Deutschland immer unter den Top 10, zwanzig Amadeus-Nominierungen, ausverkaufte Konzerte in ganz Europa – Christina Stürmer darf sich über mangelnden Erfolg nicht beklagen. Und jetzt bringt sie als erste deutschsprachige Sängerin auch noch ein MTV-Unplugged-Album heraus! Mit der  traf sie sich auf ein Date im Café Ansari in der Praterstraße.

Liebe Christina, gleich zum Auftakt ein kleiner Vorwurf: Warum haben Sie uns sechs Jahre auf die neue CD warten lassen? Liegt’s an der Arbeitsmoral?
Nein, wirklich, ich bin schon fleißig! Und ich hab ja nicht sechs Jahre NICHTS gemacht. 2018 ist das letzte Album rausgekommen, stimmt. Aber dann waren wir 2019 auf Tour. 2020 wollte ich eigentlich ein neues Album machen, wir waren auch schon am Songschreiben, aber dann ist uns Corona dazwischengekommen. Und die ganze Promotour nur  über Video-Streaming zu machen, war nicht  meins. Für andere hat’s gepasst, aber für mich war das keine Option. 2021 kam meine zweite Tochter zur Welt. Und dann war da natürlich dieser Plan, für 2023 etwas Besonderes zum 20-jährigen Jubiläum zu machen ... 
Es ist wirklich etwas Besonderes geworden. Mit diesem Album stehen Sie jetzt in einer Reihe mit legendären Namen wie Nirvana, Alanis Morissette, Oasis ...
(lacht) Klingt gut oder? Aber echt, ich bin wahnsinnig glücklich, dass das geklappt hat. Und überrascht, dass ich wirklich die Erste bin. Da hätte es doch schon einige gegeben, „Wir sind Helden“ zum Beispiel, ichwar immer ein Riesen-Fan von ihnen. Aber die Produktion hat natürlich einige Zeit in Anspruch genommen.
Kann ich mir vorstellen. Sie haben auch tolle Kollegen als Gäste eingeladen, wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?
Na ja, da hab ich schon darauf bestanden, dass es Musiker sind, die mir in irgendeiner Form nahe stehen. Es waren von MTV-Seite zuerst ein paar Namen im Gespräch, mit denen ich gar nichts anfangen konnte. Aber ich konnte mich hier durchsetzen. Wolfgang Ambros etwa, der musste für mich einfach dabei sein. Ich hab ihn ganz am Anfang meiner Karriere kennengelernt, und er war unglaublich nett und unterstützend ...
Und natürlich die Sportfreunde Stiller, mit denen ja praktisch alles angefangen hat.
Ja natürlich! Die durften nicht fehlen.
Sie haben die Sportfreunde damals beim Starmania-Finale gecovert, obwohl Ihnen vorhergesagt wurde, dass Sie mit diesem Song nicht gewinnen werden. Tut Ihnen das im Nachhinein leid?
Nein, auf keinen Fall! Im Gegenteil, ich bin so froh, dass ich damals nicht gewonnen habe. Wenn ich daran denke, was auf den Michi Tschuggnall nach seinem Sieg alles eingestürzt ist.
Sie konnten sich dagegen aus der Sieger-Promotion-Mühle mit Halb-Playback-Auftritten in Discos und am Wörthersee ziemlich raushalten, oder?
Na ja, ganz auch nicht. Aber es hielt sich in Grenzen. Ich kann das auch wirklich nicht, ich brauche eine Band, live, dann fühle ich mich sicher, sobald die Musik losgeht. Sonst fühle ich mich fürchterlich verloren. Und dann war natürlich noch der Starmania-Donauinselauftritt ...
Mit allen Finalisten beim Donauinselfest – was ist da passiert?
Das war natürlich auch Halbplayback, aber prinzipiell hätte es mir sogar Spaß gemacht. Wir kannten uns ja alle gut und waren eine eingeschweißte Truppe. Jeder hatte einen Einzelauftritt und dann noch alle zusammen. Aber beim Ersten von uns ging es schon los, da flogen Sachen auf die Bühne, Essensreste, Bierbecher, es war schrecklich. Das ist doch schrecklich erniedrigend, wenn du vor Tausenden Menschen stehst und mit Müll beworfen wirst. Ich hatte wirklich Angst rauszugehen ... Bei mir flog dann zum Glück nichts mehr, aber dieses Gefühl werde ich nicht vergessen.

Christina Stürmer im Interview mit Andreas Bovelino

Starmania wird nicht von allen positiv gesehen, aber dass es so arg werden kann ist doch erschreckend. So gesehen verstehe ich eine Kollegin von Ihnen umso besser, die mir in einem Interview gesagt hat, dass es ihr eigentlich peinlich ist, mitgemacht zu haben.
Wer? Anna Buchegger? Bei ihr verstehe ich das, sie hat ja auch einen ganz anderen Background als ich damals. Sie war vorher schon eine ausgezeichnete Sängerin, hatte viele Projekte, Jazz, Pop, Elektronik. Ich hab zwar hobbymäßig gesungen, aber ich war Buchhändlerin, als ich mich anmeldete. Aber immerhin hat es Anna dazu verholfen, ihren Namen bekannt zu machen. Und sie macht jetzt richtig tolle Sachen, ich folge ihr auf verschiedenen Plattformen. Aber insgesamt muss man sagen, dass Starmania nach einem Durchhänger in den letzten Jahren wieder viel besser geworden ist, was die Qualität anbelangt, da sind schon richtig gute Sachen dabei. Und Annas Auftritte, wow, da muss ihr keiner peinlich sein.
Auf Ihrer MTV-CD ist mit „Ein halbes Leben“ auch ein brandneuer  Song, in dem Sie ein wenig Resümee ziehen. Die Frage klingt, gemessen an Ihren Erfolgen, vielleicht ein wenig vermessen, aber: Würden Sie rückblickend etwas anders machen?
Nein, eigentlich nicht. Klar waren ein paar Sachen dabei, wo ich heute den Kopf schüttle. (lacht) Also ich würde mich nie mehr für ein Jugendmagazin in einem roten Korsett auf einem Schlitten fotografieren lassen. Da war ich echt zu grün hinter den Ohren ...  Aber das große Ganze, da bereue ich nichts.

Ich versuche gerade, mir das Bild vorzustellen ... aber lassen wir das. Solche Situationen kommen wahrscheinlich daher, weil ganz plötzlich unglaublich viel auf einen jungen, gerade einmal 20-jährigen Menschen einstürmt.

Ja, auf jeden Fall. Und wie gesagt, ich kam damals frisch aus einer Buchhandlung, also ganz weit weg von Trubel und Rampenlicht. Ich bin im Grunde auch ein sehr schüchterner Mensch und eher so erzogen, dass ich es allen Recht machen will.

Da wollen dann auf einmal sehr viele Menschen etwas von einem, geben Ratschläge, die vielleicht eher im eigenen Interesse liegen – wer gab Ihnen in der Phase halt?

Prinzipiell immer meine Eltern. Die haben mich durch den ganzen Wahnsinn geschleust. Und natürlich Bernd Rengelshausen, mein erster Manager. Seinem Urteil  konnte ich immer vertrauen. Auch nachdem wir uns beruflich getrennt hatten, hab ich ihn noch oft angerufen und um Rat gefragt.

MTV Unplugged in Wien

MTV Unplugged in Wien

Christina Stürmer: "MTV Unplugged in Wien", 2 CD Digipack, Sony Music, ca. 20 Euro

Mit Rengelshausen gelang es Ihnen dann, auch Deutschland zu erobern. Das war 2006, mit „Lebe lauter“. Davor hat er Sie bei einem deutschen Wettbewerb antreten lassen, bei dem unter anderem  Deichkind dabei waren.

(lacht) Oh mein Gott – ja, die „Jägermeister Rock:Liga“! An die hab ich schon lang nicht mehr gedacht. Die war richtig schräg, El*KE waren da auch dabei, und diese Band, die Stefan Raab promotet hat: AKA4711. Das war eine sehr, sehr lustige Runde. Aber eigentlich ging es schon 2005 mit der Single „Ich lebe“ los, die haben wir damals für Deutschland noch einmal herausgebracht.

Stimmt, das war damals ja sogar der erfolgreichste deutschsprachige Song in den deutschen Single-Charts. Bitte verbessern Sie mich, wenn ich mich täusche, aber mir schien immer, dass Sie im Herzen lieber in Indie-Clubs wie dem Chelsea oder der Arena auftreten würden als auf den großen Show-Bühnen?

Hm, ja, da gibt’s schon einige  voll  gute Clubs, und die Arena ist sowieso speziell lässig. Also:  Klar mag ich  die kleineren Indie-Bühnen, aber auch bei „Sing meinen Song“ in Südafrika dabei zu sein, ist was ganz Spezielles. Ich glaube, wir müssen einfach versuchen, dieses Schubladendenken aufzubrechen. Und: Solange ich einfach MEIN Ding machen kann, ist es mir eigentlich egal, ob ich jetzt auf der Wörtherseebühne stehe oder bei Inas Nacht.

Und, dazu müssen wir natürlich auch kommen: Sie SIND inzwischen tatsächlich „indipendent“. Sie haben jetzt ein eigenes Label! 

Stimmt! Ich meine, prinzipiell hatte ich immer ein gutes Verhältnis zu meiner Plattenfirma, und ich bin für die vielen Jahre auch dankbar. Aber es ist halt so, dass immer sehr viele Menschen mitreden, Interessen mitschwingen. Da war dann einmal Rosenstolz angesagt, und plötzlich hieß es, ich sollte mehr wie Rosenstolz klingen, oder aktueller, dass ich Hip-Hop-Features einbauen sollte und so. Aber das kann und will ich nicht. Und jetzt habe ich meine eigene Plattenfirma. Es war eine schwierige Entscheidung, der Kopf sagt „Mimimi, Angst, weil nur eine große Plattenfirma bringt Sicherheit“, der Bauch sagt „jaaaaaaa!“. Und nach 17 Jahren hat der Bauch endlich gesiegt. Ich hoffe halt, dass das klappt, dass da ein paar Leute draußen sind, die meine Musik gerne hören.

Ich denke, mehr als ein paar! Zwei letzte Fragen: Sie haben zwei Töchter, eine ist drei, die andere acht. Ihr Freund ist ein fantastischer Gitarrist, Oliver Varga, der ja auch in ihrer Band spielt. Wie darf ich mir einen Abend im Hause Stürmer vorstellen? Mit ganz viel Hausmusik?

(lacht) Also nein, wir sitzen jetzt nicht so im Wohnzimmer und musizieren gemeinsam, wenn Sie das meinen. Aber doch auch ja, es stehen praktisch überall Instrumente, im Keller haben wir ein Studio, da steht auch ein kleines Kinderschlagzeug, auf dem die Größere gern spielt, die Kleine fängt auch gerade an, darauf herumzutrommeln. Und wenn sie sich Musik zum Hören aussuchen, dann läuft Harry Styles oder deine Freunde. Und Oliver ist derzeit nicht in der Band, denn er bleibt daheim und versorgt die Kinder, wenn ich jetzt auf Tour gehe.

So sind wir neuen Männer, das ist doch wirklich vorbildlich! Und zum Abschluss, weil Sie ja, wie Sie es selbst erwähnt haben, quasi vom Fach sind: Haben Sie einen schnellen Buch-Tipp für uns?

Die Frage kommt jetzt wirklich überraschend – aber ja, T.C. Boyles neuer Roman „Blue Skies“ liegt derzeit auf meinem Nachkastl. Und den kann ich eigentlich immer empfehlen, ich habe ihn mit „America“ entdeckt, der noch immer zu meinen absoluten Lieblingsromanen zählt, und seitdem eigentlich nichts Schlechtes von ihm gelesen

Vielen Dank für das Gespräch.

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

Kommentare