Frühlingsgefühle

Zeit der Gefühlsverirrungen: Liebe, Lust und Lenz

Zarte Knospen zeigen sich, die Bienchen summen und im tiefen Wald erwachen die Bären aus dem Winterschlaf, um sich frühlingstrunken auf die Suche nach einer flotten Bärin zu machen. Oder? Ein kritischer aber gänzlich unwissenschaftlicher Blick auf die Mythen um die Erotik des Frühlings.

Der Frühling hat es in sich. Und während euphemistisch vom „Erwachen der Gefühle“ und dergleichen die Rede ist, wissen wir doch alle, worum es geht. Weil prinzipiell dreht sich im Frühling doch alles um das eine. Es knospt und erblüht allerorts, der Spargel wächst und im Mann erwacht diese urtümliche Sehnsucht, archaisch, atavistisch, quasi wie im Tierreich.  

Was dazu passt: Gefühlt gibt es mehr Schützen als alle anderen Sternzeichen zusammen. Und jetzt rechnen wir mal neun Monate zurück ... Hat man die Sache mit den Frühlingsgefühlen im Hinterkopf,  sieht man diese Schützen dann mit ganz anderen Augen: nämlich als Kinder ungebändigter, rauschhafter Frühlingslust. 

Außerdem lest ihr in dieser Geschichte noch:

  • Wann wird tatsächlich am meisten "Liebe gemacht"?
  • Expedition ins Tierreich
  • Was "können" Spargel & Co?

Ein Blick auf die Geburtenstatistik fällt allerdings ernüchternd aus – und befreit alle Schütze-Geborenen von der Aura der allzu lustvollen Empfängnis: Die meisten Kinder kommen nämlich von Juni bis September zur Welt. Was wiederum die Monate von September bis Dezember zu den erotisch aufgeladensten macht. Also ausgerechnet den Herbst, Grundgütiger, und keinesfalls den Frühling! November bis Februar bilden sogar das absolute Schlusslicht, was die Geburten anbelangt! Soviel also zum sogenannten Wonnemonat Mai ...

Eine kurze Expedition ins Tierreich zeigt uns, dass es erstaunliche Gemeinsamkeiten gibt. Denn auch hier ist  die bevorzugte  Paarungszeit Herbst oder gar Winter, etwa von Hirsch, Wildschwein, Steinbock und Gams. Bären hingegen bevorzugen wärmere Temperaturen, ab Ende Mai gehen sie zur Sache, hauptsächlich aber Juni und Juli. Nur Hasen und Karnickel besorgen sich’s schon jetzt – die dafür aber ordentlich.

Also  gut, dann wirken sich die Frühlingsgefühle eben nur auf eine kleinere Gruppe Männer aus, eine Elite oder Spezialeinheit gewissermaßen, auch wenn die Nähe zu den Karnickeln ein bisschen fragwürdig scheint ... Aber was soll’s, wir sprechen hier von der Speerspitze der Virilität, kraftstrotzenden Exemplaren, die sich für drei Monate im Jahr ausschließlich von Spargel und Eiern ernähren. 

Beides sind ja einerseits Frühlingsboten und – wie man hört – durchaus hilfreich, um das Beste im Mann zum Vorschein,  vor allem aber richtig auf Trab zu bringen. Nicht umsonst weihten schon die alten Griechen den wilden Spargel der Aphrodite und schmückten frisch vermählte mit der Pflanze, um zu raschem Kindersegen zu verhelfen. 

Auch der Renaissance-Gelehrte Leonhart Fuchs behauptete 1543 in seinem „New Krüterbuch“ über die Spargelstangen, sie „mehren den lust zu den weibern.“ 

Allein, außer einem recht hohen Gehalt an Zink, der tatsächlich zur Aufrechterhaltung des Testosteronspiegels beiträgt, hat er an Inhaltsstoffen in dieser Hinsicht nicht viel zu bieten. Was nicht heißt, dass die verschiedenen B-Vitamine, das Magnesium, Kalium, Calcium und andere Mineralstoffe, die er liefert, schlecht seien – nur eben nicht unbedingt die tätige Liebe fördern. 

Vielleicht ist es ja ganz einfach so, dass der Frühling uns lehrt, die Welt wieder zu genießen:  den Geschmack von frischen Erdbeeren, Radieschen oder, wenn’s sein soll, phallischem Spargel, wurscht. Das Brummen, nein, nicht der Bären, sondern der Rasenmäher, die ebenfalls aus dem Winterschlaf erwacht sind, dazu den Geruch frisch geschnittenen Grases in der Nase. Die Sonne auf der Haut, die nicht mehr durch etliche Schichten Funktionswäsche vor der Kälte geschützt werden muss. Musik aus den offenen Fenstern der Autos, Nachmittage auf der Parkbank, mit einem neuen Buch. 

Und ja, den freundlichen Blick auf unsere Mitmenschen, die ihre erfrorenen Mienen mit den Winterjacken eingemottet haben und eine neue Leichtigkeit verströmen, der Sinnlichkeit ihrer eigenen Körper bewusst, und diese auch mit Freude und neuem Selbstvertrauen zeigen. Denn das alles ist wohl Teil des Wunders „Frühlingsgefühle“. 

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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