Die Zirkus-Welt der Meret Becker: "Superhelden sind langweilig"

Die Ex-"Tatort"-Kommissarin über ihre Sammlung von Monsterpuppen, Aberglaube und ihre berühmte Schauspielerfamilie. Für ein Konzert kommt sie nach Wien.

Ein kleines Zimmer, ein Tisch, zwei Gläser Wasser: Mehr braucht es nicht, als dieses karge Setting für ein Gespräch mit Meret Becker. Die faszinierenden Welten, in die wir eintauchen, als wir sie in Wien zum Interview treffen, entspringen ohnehin ihren Erzählungen. 

Die Deutsche entstammt einer berühmten Schauspielerfamilie mit Bühnen- und Filmstar Otto Sander („Die Blechtrommel“, „Das Boot“) als Stiefvater, Mutter Monika Hansen und Bruder Ben Becker („Jedermann“). In Filmen wie „Comedian Harmonists“, „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ oder „Feuchtgebiete“ beeindruckte sie in starken Rollen. Und natürlich als Kommissarin im Berliner „Tatort“ und in „Babylon Berlin“. 

Jetzt kommt Becker am 15.5. mit ihrer Band Tiny Teeth und ihrem Programm „Le Grand Ordinaire“ für einen Abend nach Wien ins Theater Akzent. Dabei bringt sie eine Collage aus Liedern und Bildern auf die Bühne; eine Hommage an die Zirkuswelt und ein Mix aus Konzert und Varieté. Die Instrumente orientieren sich dabei an Auftritten von Clowns, zum Einsatz kommen Spieluhr, Kinderklavier, Glasharfe und Singende Säge. Bühne frei!

Im Mittelpunkt Ihres Programms steht die Reise. Sie dürfte für Sie vor allem mit der Sehnsucht nach Weglaufen verbunden sein. Was fasziniert Sie so an Aufbruch und Flucht? 

Reisen und Zirkus, das gehört für mich zusammen und ist das Grundthema. Zirkus verkörpert für mich die Sehnsucht auszureißen und mit denen wegzulaufen. Mir geht es auch darum, vielleicht nicht weglaufen zu können. Und ums nie Ankommen. Sehnsucht finde ich wahnsinnig spannend. Sie hat etwas sehr Melancholisches, beinhaltet Hoffnung, gleichzeitig ist Sehnsucht unsere größte Antriebskraft.

Was fehlt Ihnen, um sich als Mensch angekommen zu fühlen?

Ich habe versucht anzukommen, indem ich mir ein Haus in Frankreich gekauft habe. Eigentlich bin ich ja so ein Manouche, ein kreisender Mensch. In meinem Haus tue ich dann so, als wäre ich angekommen. Ich brauche ein Nest, das ist mir in meinem Leben ganz wichtig. Meine Kinderfotos stehen dort, all die Sachen, die ich gesammelt habe. Ich sammle fürchterlich viel Quatsch, bastle es zusammen, dann sieht es aus als wären es Altare. Welten mit merkwürdigem Zeug, düster, voller Bilderbücher. Das alles wohnt in diesem Haus stellvertretend für mich. Ich komme immer nur hin, tue einen Moment so, als wäre ich da und dann reise ich schon wieder ab. Eigentlich bin ich dauernd dabei, mich zu verabschieden.

Meret Becker: „Die Theaterwelt war meine Schutzzone“

©Pascal Bünning, Pascal Buenning

Ihr Haus, ein Museum, mit unterschiedlichen Themen in verschiedenen Zimmern?

Definitiv. Ein Zimmer etwa ist ganz meiner Miniaturwelt gewidmet. Es ist eigentlich ein fumoir, ein Raucherzimmer, grüne Wände, dunkle Möbel. Rauchen ist dort aber nicht erlaubt. Alles Mögliche steht da drin. Ich sammle kleine Figürchen, eine Freundin baut kleine Monsterpuppen. Eine Tim-Burton-Welt. Dazu Vogeleier, tote Schmetterlinge – aber keine, die tot aufgespießt wurden, sondern die ich gefunden habe. Von meiner Mutter habe ich einmal ein tolles Geschenk bekommen.

Was denn?

Mein Lieblingsmärchen der Brüder Grimm ist „Das eigensinnige Kind“. Darin geht es um ein Mädchen, das nicht macht, was man ihm sagt. Dann stirbt es, doch aus dem Grab kommt immer wieder ihre Hand hervor. Meine Mama hat mir einen kleinen Ball aus Moos geschenkt, auf dem eine kleine Puppenhand steckt, als würde sie aus dem Moos ragen. Auf das habe ich einen riesigen Tausendfüßler gesteckt, den ich einmal auf Bali gefunden habe. Sieht geil aus.

Das finde ich schön: Wenn man nicht zeigt, wie toll man ist, sondern seinen Fehler zelebriert und über sich selber lacht.  Wenn wir alle Superhelden sind, sind wir langweilig. 

Wir wollen nicht zu küchenpsychologisch werden, aber geht es beim Sammeln für Sie auch darum, die Kindheit festzuhalten?

Bestimmt. Es sind Erinnerungen, es ist Sehnsucht. Es löst etwas aus, das einmal da war, es aber nicht mehr gibt. Ich möchte am liebsten durch diese Welten mit ihrer ganz bestimmten Ordnung durchlaufen. Aber in klein. Am liebsten würde ich das dann auch filmen, Makroaufnahmen, wie mit einer Zahnarztkamera.

Ihr Bühnenauftritt ist Konzert, Varieté, Akrobatik. Was bedeutet Ihnen das Faszinosum Zirkus?

Ich habe selbst im Varieté begonnen zu singen und bin damit in die Fußstapfen meiner Großmutter getreten. Sie war Sprachkünstlerin, heute würde man sagen: „Stand-up-Comedian“. Mein Onkel und seine Schwester sind als Tanzpaar bei Revue-Shows aufgetreten. So kam diese Welt wieder zurück zu mir. Ich merkte, wie sehr dieses Leben in unserem verankert ist. Bei uns waren bestimmt Dinge normal, die andere nicht kennen.

Zum Beispiel?

Ganz doof: Aberglaube. Meine Mutter ist wahnsinnig abergläubisch. Sie sagt zwar, sie glaube nicht daran, aber man weiß ja nie. Sie hat das von ihrer Mutter gelernt, ich von ihr, und meine Tochter von mir. Wenn wir das Essen salzen und es geht was daneben, werfen wir Salz über die linke Schulter, weil sonst Unglück droht. Bei anderen Gelegenheiten spucken wir dreimal oder fluchen leise. Die Anekdoten meiner Mutter und mehr habe ich in Songs und Bilder zu einer Collage verpackt. Jeder darf seine eigene Bedeutung daraus ableiten.

Meret Becker über ihren Stiefvater Otto Sander: "Bei der Arbeit diszipliniert und strukturiert bis zum Dorthinaus. Und gleichzeitig: totaler Anarchist"

©linda rosa saal fotografie

In einer Zirkus-Szene schweben Sie auf einem Ring. Wird es artistisch?

Nein. Einmal bin ich auf einem Reifen, wie ein Wesen, das sich auf der Mondsichel ausruht. Eine Frau, die wegläuft wie ein Schmetterling im November, weil sie entschieden hat, dass sie keine Angst mehr hat. Es ist aber nicht als Kunststück gemeint.

Jenen Zirkus, der immer größer, gefährlicher, spektakulärer auftritt, den können Sie nicht leiden.

Ich mag nicht, wenn dabei jemand eine Pose einnimmt, dann innehält, die Leute klatschen und es folgt der nächste Trick. Ich bin mehr bei Buster Keaton oder Charlie Chaplin, bei denen eine Nummer aussieht, als wäre ihnen ein Unfall passiert, aber in Wirklichkeit ist es ein Trick.

Das vermeintliche Schiefgehen einer Nummer ist in den Trick eingebaut. 

Der vermeintliche Fehler wird zelebriert, man macht ihn für das Publikum. Das Können würde ausreichen, aber das stellt man nicht aus. Stattdessen macht man einen Fehler, und um diesen vorzuführen, lernt man einen Trick, dem man das aber nicht anmerkt, er sieht aus wie ein Missgeschick. Das finde ich schön: Wenn man nicht zeigt, wie toll man ist, sondern seinen Fehler zelebriert und über sich selber lacht. Nur durch Fehler kommen wir weiter und lernen Neues. Das macht uns menschlich. Wenn wir alle ganz tolle Superhelden sind, sind wir langweilig.

Waren die Clowns im Zirkus immer Ihre Lieblinge?

Ich liebe Clowns, aber es gibt auch wirklich grauenhafte Clowns. George Carl ist ein Wahnsinnsclown gewesen. Charlie Rivel, der auch mit meiner Großmutter aufgetreten ist, war ein toller Clown. Clowns müssen warm sein, sie müssen eigentlich sein wie Kinder. Sie sind naiv und anarchistisch.

Wie finden Sie Weißclowns, vor denen manche sich ein bisschen fürchten?

Finde ich toll, sind aber nicht ganz meine Welt. Sie sind melancholisch, machen auch schöne Musik. Sie benutzen Säge und Glasharfe, das haben wir auch auf der Bühne. Weißclowns sind natürlich unbedingt nötig als Gegenpol zum dummen August. Dem gehört mehr meiner Sympathie.

Der Kopfschmuck, den Sie auf einem Promo-Foto tragen, sieht wild aus und wirkt wie Mischung aus Kandare, Bondage-Knebel und Varieté-Federschmuck. Haben Sie ihn selbst entworfen?

Ja, den habe ich selbst entworfen. Ursprünglich sollte Vivienne Westwood die Kostüme anfertigen, das hat sie mir auch zugesagt, wir haben das dann aber nicht produziert bekommen. Jetzt habe ich den Kopfschmuck bei einer Freundin machen lassen, Petra dos Santos. Es weckt Assoziationen zu Revue-Mädchen, aber auch Pferde im Zirkus tragen das. Es hat etwas Humoriges, aber auch etwas Brutales. Und sieht schön aus.

Enorm erfolgreich war die Serie „Babylon Berlin“, die im Berlin der Zwanzigerjahre spielt und in der Sie eine Schauspieldiva darstellen. Fasziniert Sie diese Zeit?

Sie fasziniert mich total. Meine Großmutter war in den Zwanzigerjahren sehr berühmt. Die erste Fotoserie, die ich von ihr kenne, ist von 1927 von ihrem Auftritt im berühmten Varietétheater Wintergarten in Berlin. Das waren die Roaring Twenties. Dann sorgten die Nazis – wie immer – dafür, dass der Spaß aufhört.

Es ist faszinierend, welche unterschiedlichen Kunstströmungen in den Roaring Twenties entstanden und welch spannenden Künstler sich in dieser Zeit entwickelten – von Edvard Munch über Marcel Duchamp bis Man Ray. 

Es begann schon früher, Erik Satie zum Beispiel war ein wirklich durchgeknallter Typ. Der Dadaismus erlebte seinen Höhepunkt. Alles kam aufs Schönste zusammen, was auch mit den fürchterlichen politischen Verhältnissen zu tun hatte. Es war ja gar nicht so toll, die Menschen haben gehungert. Es war ein Tanz auf dem Vulkan.

Meret Becker

Meret Becker

Meret Becker wurde 1969 in eine Schauspielerfamilie geboren. Ihre Mutter ist Monika Hansen, der Vater Rolf Becker, ihr Stiefvater Otto Sander und ihr Bruder Ben Becker. Sie ist bekannt aus Filmen wie „Kleine Haie“, „Rossini“, dem  Berliner „Tatort“ und „Babylon Berlin“. Sie war bis 2002 verheiratet. Eine Tochter (Lulu, 25).

Sie kommen aus einer Schauspieler-Dynastie. Ihre Mutter ist Monika Hansen, Ihr Stiefvater der verstorbene Otto Sander, Ihr Bruder Ben Becker. 

Die Theaterwelt war für mich, als ich klein war, meine Schutzzone. Weil es die einzige Welt war, wo ich so sein konnte und akzeptiert wurde, wie ich war. Außerhalb galten wir immer ein bisschen als Freaks, in der Schule war es schwierig für mich. Wegen dem Beruf meiner Eltern und irgendwie auch der Kulturen, die meine Mama mit reinbringt, glaube ich (jüdisch, Anm. d. Red.). Und weil mein Vorname ungewohnt ist und meine Eltern andere Namen hatten als ich, Sander und Hansen und eigentlich Becker (von ihrem Vater, Schauspieler Rolf Becker, Anm.). Das alles war, als ich zur Schule ging, nicht so gern gesehen.

Das Theater hingegen und sein buntes Treiben mit mitunter schillernden Persönlichkeiten hingegen stellt die Normalität für Sie dar?

Für meine Mutter war diese Welt auf jeden Fall ganz normal, sie war ein Zirkuskind. Andere am Theater, merkte ich, sind aus ganz regulären Familien ausgebrochen. Auch, weil sie woanders nicht akzeptiert wurden. Zum Beispiel war es im Theater ganz normal, wenn jemand schwul oder lesbisch war. In der Außenwelt war es das nicht. Dieser Unterschied war mir lange nicht klar. Es war aber nicht immer nur alles eitel Wonne am Theater. Als Teenager begriff ich, in dieser Welt herrscht auch viel Konkurrenz. Es wird geredet, wer mit wem ein Verhältnis hat. Da dachte ich, oh Gott, nein, darauf habe ich keinen Bock. Und damit verändert sich auch das Gebilde Familie.

Schauspieler Otto Sander war Ihr Stiefvater, Sie sprechen aber als Vater von ihm. Wie war er als solcher?

Das Tolle an Otto und eine seiner großen Begabungen war: das Interesse an anderen Menschen. Als er im „Sommernachtstraum“ die Figur des Zettel spielte, der über Nacht Eselsohren bekommt, fragte er mich, wie ich darauf reagieren würde – damals hat mich das gewundert, aber es hat ihn ernsthaft interessiert. Er, als Weltschauspieler dachte nicht, er wüsste ohnehin wie das geht. Auch die Freude an Fehlern hat er mir mitgegeben. Und: Er war Anarchist. Bei der Arbeit diszipliniert und strukturiert bis zum Dorthinaus. Und gleichzeitig: totaler Anarchist.

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Auch nachts waren Sie gemeinsam unterwegs. Als Kind begleiteten Sie ihn etwa des Öfteren ins legendäre Berliner Künstlerlokal Exil.

Paris Bar, Zwiebelfisch, Exil – wir hatten mehrere Wohnzimmer, das Exil war eines davon. Als Kind wurde man da quasi mitgegangen, das heißt aber nicht, dass ich unmittelbar teilgenommen hätte an dem, was da passierte. Ich habe da in meiner eigenen Welt gelebt, oft unterm Tisch in meinem Fall. Vielleicht kann ich deshalb heute noch so leicht und schnell innere Bilder entstehen lassen. Weil damals Begegnungen mit Peter Stein oder Bob Wilson auf mich einwirkten und ich unterm Tisch genug Zeit hatte, meine eigenen Bilder dazu zu kreieren.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Redakteur KURIER Freizeit. Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Stil und mehr. Interviews vom Oscar-Preisträger bis zum Supermodel, von Quentin Tarantino über Woody Allen bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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