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Freizeit I Zeitgeist

Pageturner im XXLarge-Format: 1.000-Seiten-Bücher liegen im Trend

Vor lauter Serienspektakel dreht sich vielen der Kopf. Da ist Lesen eine gute Alternative. Das sind die besten 1.000-Seiten-Wälzer.

In der Kürze liegt die Würze, heißt es. Auf literarische Stoffe umgemünzt, muss das nicht unbedingt zutreffen. Gut, einer wie Georges Simenon schrieb sich in die Weltgeschichte ein mit Stoffen, die jeder für sich kaum länger als 200 Seiten waren. Aber viele der aktuellen Bestsellerautoren setzen auf dicke Wälzer. 

Nur ein Beispiel: Der französische Romancier Michel Houellebecq stürmte vor 18 Jahren mit der "Ausweitung der Kampfszene" die europäischen Bestsellerlisten. Zur drastischen Schilderung der erotisch-existenziellen Nöte eines Pariser Informatikers benötigte er - in der Übersetzung ins Deutsche - gerade einmal 154 Seiten.

In Houellebecqs aktuellem Roman, "Vernichten" (DuMont Buchverlag), erstreckt sich die souveräne Verschränkung von Privatem und der Politik - erzählt aus der Perspektive des Pariser Spitzenbeamten Paul - auf immerhin 620 Seiten. Das bisher längste Epos des raffinierten Provokateurs und Chronisten der Zeitstimmungen.

Das heißt, dicke Wälzer liegen wieder im Trend. Sich so richtig in spannenden Geschichten und der Entwicklung vielschichtiger Charaktere zu verlieren, ist schließlich auch das Erfolgsrezept von TV-Serien wie "Borgen" oder "Breaking Bad".

Hier sind die Top-Ten der Bücher mit mindestens 1.000 Seiten, der Pageturner im XXL-Format.

1. Miguel de Cervantes, "Don Quichote von der Mancha", 1.488 Seiten

Man muss nicht ausgesprochen bibliophil sein, um schon einmal vom aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen gehört zu haben. Oder vom Ritter von der traurigen Gestalt. Die vor mehr als 400 Jahren erschienenen Abenteuer eines Landjunkers, der zu viele Ritterromane gelesen hat, gelten als die Wiege des modernen Romans. Vor zwanzig Jahren wurde das Epos des spanischen Nationaldichters Miguel de Cervantes-Saavedra (1547-1616) vom Osloer Nobelpreisinstitut zum "besten Buch der Welt" gekürt.

Als Lektüre empfiehlt sich die 2008 erfolgte Neuübersetzung des Klassikers durch Susanne Lange. Durch sie wird der bisweilen mühselige Trab des weltklugen Knappen Sancha Panzo beinahe in den Galopp übergeführt.

2. Frank Schätzing, "Der Schwarm", 1.008 Seiten

Ein gewagter Sprung in die Zukunft. Gerade einmal knapp über 1.000 Seiten benötigte der deutsche Science-Fiction-Autor Frank Schätzing, um einen weltumspannenden Thriller zu verfassen. Thema: die Bedrohung der Menschheit durch eine unbekannte Schwarmintelligenz aus den Tiefen des Meeres.

Die Verfilmung des internationalen Bestsellers von 2004 als Mega-TV-Event könnte noch heuer ausgestrahlt werden. Bis es soweit ist, kann man sich ja schon einlesen. Oder einhören.

3. Stephen King, "Es", 1.534 Seiten

Von Stephen Kings Meisterwerk sind diverse Ausgaben erhältlich. Ungekürzt umfasst das Megawerk über die unfassbaren Vorkommnisse in der fiktiven Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine eineinhalbtausend Seiten.

Horror, Coming-of-Age, Psychothriller, Zeitreise: Das Drama um sieben Schulkinder und den Kampf gegen den diabolischen Clown Pennywise ist alles zusammen und seit Jahren ein internationaler Bestseller.  

©Heyne Verlag

4. J. R. R. Tolkien, "Der Herr der Ringe", 1.296 Seiten

In einer einbändigen Ausgabe gibt es das sagenumwobene Abenteuer des Hobbits Frodo Beutlin auf knapp 1.300 Seiten zu lesen. Könnte sich in den Semesterferien ausgehen, inklusive zweier Wochenenden, versteht sich.

5. Marion Zimmer Bradley, "Die Nebel von Avalon", 1.120 Seiten

Die feministische Interpretation der Sage um König Artus und die Ritter der Tafelrunde erschien vor genau 40 Jahren. SF-Kollege Isaac Asimov ("Ich, der Robot") war begeistert davon.  

6. Leo Tolstoi, "Anna Karenina", 1.248 Seiten

Wie bei Klassikern üblich, sind diverse Übersetzungen und Fassungen im Umlauf. Jene beim Anaconda-Verlag bringt es auf 1.248 Seiten.

Allen ist der unnachahmlich erste Satz dieses Ehedramas eigen: "Alle glückliche Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich." Das ist genau der Stoff, bei dem man einfach weiterlesen MUSS.

©Lübbe

7. Ken Follett, "Die Säulen der Erde", 1.296 Seiten

Der 1989 erschienene Auftakt der "Kingsbridge-Romane" (illustrierte Ausgabe, siehe oben) umfasst knapp 1.300 Seiten. Nicht wenige Leser ließen sich von dem mittelalterlichen Stoff um das Kloster Kingsbridge überzeugen und blieben dem britischen Autor seither treu.

8. Margaret Mitchell, "Vom Winde verweht", 1.120 Seiten

Wer hätte das gedacht? In der literarischen Vorlage der epochalen Lovestory ist Scarlett O'Hara "nicht eigentlich schön zu nennen". Gut, dass Regisseur Victor Fleming das offenbar überlesen hat.

Wer sich diesen Klassiker vornimmt, stößt vermutlich noch auf weitere gewichtige Unterschiede zwischen Roman und Filmromanze. Vielleicht aber ist das Ganze hoffnungslos aus der Zeit gefallen.

9. Roberto Bolaño, "2666", 1.096 Seiten

Keine Panik, man muss nicht 2.666 Seiten durchackern, um diesen "Jahrhundertroman" mit Anstand zur Seite legen zu können. Posthum erschienen, kommt das Vermächtnis des chilenischen Autoren Roberto  Bolano immerhin auf fast 1.100 Seiten.

In diesem Fall nicht uninteressant: Eigentlich hätte die Story um eine ungeklärte Mordstory an Frauen in Mexiko und den mythenumrankten Schriftsteller Archimboldi in fünf Teilen erscheinen sollen. 

10. John Updike, "Die Rabbit-Roman", 2.176 Seiten

Vor 60 Jahren erschien hierzulande mit "Hasenherz" (im Original: "Rabbit, run") der Auftakt der schließlich fünf Romane umfassenden Buchreihe um den glücklosen US-amerikanischen Helden Harry Angstrom. 

Zusammengefasst ergeben die im Original zwischen den Jahren 1960 und 2002 erschienenen Teile voluminöse 2.176 Seiten:  "Hasenherz" (320 Seiten), "Unter dem Astronautenmond" (400 Seiten), "Bessere Verhältnisse" (544 S.), "Rabbit in Ruhe" (656 S.) und das Finale "Rabbit - eine Rückkehr" (256 S.).

Zum Erscheinen des Finales befand der einstige Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki: "Updikes Prosa gehört zum Unterhaltendsten, was sich in der Weltliteratur unserer Jahre finden lässt." Ein Verdikt, das im Grunde nach wie vor Gültigkeit hat.

Ein Kleinod auch die Verfilmung mit James Caan in der Rolle des Harry Angstrom. 

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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