Hugh Jackman im Interview: Mehr von sich selbst herzeigen

Der „Wolverine“-Star spielt den überforderten Vater eines depressiven Sohnes in „The Son“.

Der 17-jährige Schüler Nicholas schwänzt die Schule. Er hat keine Freunde, ist verschlossen und neigt zur Selbstverletzung. Seine geschiedene Mutter weiß nicht mehr weiter. Sie wendet sich an den Vater, der die Familie verlassen hat. Der erfolgreiche Anwalt lebt mittlerweile in einem Luxus-Apartment in Manhattan und hat mit einer jungen Frau ein Baby.

Der Vater stimmt zu, den Sohn bei sich aufzunehmen. Er ist überzeugt, mit liebevoller Autorität seinen verwirrten Jungen auf den rechten Weg zurückzubringen.

Was alle übersehen: Der Teenager steckt nicht in einer kleinen Pubertätskrise, sondern leidet an einer schweren Depression. Die Erwachsenen bemühen sich – aber sie verkennen den Ernst der Lage.

„The Son“ (ab Freitag im Kino) nannte Florian Zeller seinen zweiten Spielfilm. Zeller ist in Frankreich berühmt und gilt neben Yasmina Reza als einer der meist gespielten Dramatiker. Mit seinem Filmdebüt „The Father“ (2020) wurde er auch umgehend in Hollywood bekannt: Für die Adaption seines eigenen Theaterstücks erhielt Zeller (gemeinsam mit Christopher Hampton) einen Oscar für Bestes  adaptiertes Drehbuch. Anthony Hopkins, der in „The Father“ einen an Alzheimer erkrankten alten Mann spielt, bekam ebenfalls einen Oscar.

Nun folgt Zellers Vater-Sohn-Drama „The Son“, das in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit „The Father“ steht, obwohl Anthony Hopkins eine kleine, aber grausame Rolle darin spielt.

Stattdessen ist es diesmal der australische Superstar Hugh Jackman, der für seine Rolle als Vater in „The Son“ mit einem Oscar liebäugelt.

Der französische Regisseur und Oscarpreisträger Florian Zeller (li.) mit seinem Star Hugh Jackman 

©APA/AFP/VALERIE MACON

Bewerbungsbrief

Tatsächlich steht weniger der unglückliche Teenager Nicholas im Zentrum von Florian Zellers Interesse, sondern vielmehr sein Vater Peter, hingebungsvoll gespielt von Hugh Jackman. Auch Peter ist ein unglücklicher Sohn, der von seinem gefühlskalten Vater – dem eisigen Anthony Hopkins – als Kind im Stich gelassen wurde. Nun will er bei seinem eigenen Sohn alles richtig machen – und macht so ziemlich alles falsch.

„Ich wusste sofort, dass ich die Rolle in ,The Son’ spielen wollte. Diese Reise musste ich antreten“, sagt Hugh Jackman im gemeinsamen Interview mit Florian Zeller zum KURIER: „Für mich war es eine Herzensangelegenheit.“ Jackman schrieb Zeller eine E-Mail und trug ihm seine Dienste an: „Ich habe so etwas noch nie gemacht“, gibt der Schauspieler unumwunden zu: „Aber kaum hatte ich das Theaterstück gelesen, verspürte ich den inneren Drang, die Rolle zu spielen.“

Zeller war von dem Brief beeindruckt. Eigentlich hatte er geplant, mit Jackman nur ein unverbindliches Zoom-Meeting abzuhalten, aber nach acht Minuten des Gesprächs wusste er: „Ich will, dass Hugh die Rolle spielt. Ich habe gespürt, dass er Wahrhaftigkeit mitbringt und den Mut hat, mehr von sich selbst herzuzeigen. Die Besetzung war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“

Hugh Jackman (li.) und Zen McGrath als Vater und Sohn in "The Son“

©Constantin

Der Regisseur verzichtete auf Proben, um die Gefühle seines Ensembles möglichst authentisch für die Kamera einzufangen: „Ich habe bemerkt, dass sehr viele Menschen mit Depressionen kämpfen, und dabei das Gefühl haben, sie sind mit diesem Problem alleine. Depression ist eine Krankheit wie jede andere, die aber immer noch mit viel Scham und Schuldgefühlen behaftet ist. All diese Emotionen wollte ich mit einem großen Publikum teilen, um damit eine Diskussion zum Thema mentale Gesundheit zu eröffnen.“

Hugh Jackman und Laura Dern als ratlose Eltern eines depressiven Sohnes: "The Son"

©Constantin

Hugh Jackman selbst wird nicht müde zu betonen, wie persönlich die Rolle für ihn gewesen sei: „Die Dreharbeiten fanden während der Pandemie statt, und wir waren alle isoliert und nervös. Ich habe es mir damals nicht eingestanden, aber ich hatte Schlafprobleme, und es ging mir psychisch gar nicht gut. Gegen Ende der Dreharbeiten starb mein Vater. Es war eine sehr intensive Zeit für mich. Und ich war unendlich dankbar dafür, dass ich mit einem Regisseur zusammenarbeiten konnte, der mir ein Freund war und der mir vertraute.“

Leidenschaftlich lebte sich Jackman, der als jüngster von fünf Kindern bei seinem Vater aufwuchs, nachdem die Mutter die Familie verlassen hatte, in die Situation des ratlosen Erziehungsberechtigten ein: „Ich konnte seine sehr Verzweiflung gut nachvollziehen“, so Jackman, selbst Vater zweier Adoptivkinder: „Als Elternteil kennt man dieses Gefühl von Angst und Machtlosigkeit gegenüber seinen Kindern gut.“

Anthony Hopkins bei seinem Kurzauftritt als eisiger Vater in "The Son“

©Constantin

Leidenschaftlich

Die internationalen Filmkritiken zu „The Son“ sind – im Gegensatz zum umjubelten Vorgänger „The Father“ – durchwachsen. Doch trotz aller (nicht ganz unberechtigter) Vorwürfe, das Drama sei manipulativ und mechanisch erzählt, wird das Spiel von Hugh Jackman durchwegs gelobt. Gut möglich, dass er auf der Nominierungsliste für den Oscar als bester Hauptdarsteller landet.

Wolverine

Dabei kennt das Filmpublikum den 52-jährigen Australier weniger als gefühligen Dramen-Darsteller, sondern vor allem als Marvel-Superheld Wolverine mit den Scherenhänden. In neun Filmen – die meisten davon in der „X-Men“–Reihe – hat er seine eisernen Krallen ausgefahren, sein zehnter Auftritt als Wolverine folgt Ende 2024 in „Deadpool 3“ an der Seite von Ryan Reynolds.

„Nein, ich hatte eigentlich nie das Gefühl, dass ich auf meine Rolle als Actionheld festgenagelt werde“, gähnt Jackman, muss aber dann einschränken: „Stimmt, es gab eine Zeit, so um das Jahr 2003, als ich dachte: ,Okay, mir werden dauernd Rollen als Actionheld angeboten. Interessant.’ Für mich war es selbst eine Überraschung, dass ich in Actionfilmen auftrete. Ich habe auch immer Theater gespielt, aber als ich ein Musical angeboten bekam, war das ebenfalls überraschend. Ich hatte davor noch nie gesungen. Ich habe also keinen besonderen Plan, was meine Rollenauswahl betrifft. Ich liebe einfach die Abwechslung.“

Wer Suizid-Gedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen oder an die Telefonseelsorge unter 142 wenden. Die Website www.suizid-praevention.gv.at bietet weitere Infos zu Hilfsangeboten.

Hugh Jackman

Superheld
Hugh Jackman, geboren 1968 in Sidney, wurde als Marvel-Superheld Wolverine in der X-Men-Filmreihe (ab 2000)  berühmt

Musical
Jackman hatte auch große Erfolge als Musicaldarsteller, u. a.  in dem Musicaldrama „Les Misérables“ (2011) und „Greatest Showman“ (2017)

The Son
In dem Drama „The Son“ von Florian Zeller spielt Hugh Jackman den überforderten Vater eines depressiven Teenager-Sohnes (ab Freitag im Kino)

Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

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