Zum 30. Todestag: Audrey Hepburns Stil lebt weiter

Das Geheimnis der Stilikonen. Von Audrey Hepburn über Marlene Dietrich bis zu Iris Apfel. Und was modische Vorbilder heute zu bieten haben.

Am Anfang war der Kinofilm „Frühstück bei Tiffany“. Die Nonchalance, mit der ein schlichtes Kleid in Szene gesetzt wurde, brachte zwei Weltstars hervor: Audrey Hepburn und das „kleine Schwarze“. Beide waren von da an untrennbar miteinander verbunden. Kaum lief der Film 1961 in den US-amerikanischen Kinos, rauschte es im Blätterwald vor Begeisterung. Die „Times“ bezeichnete die von Audrey Hepburn gespielte Figur Holly Golightly als „die heißeste Biene, die je aus Truman Capotes Schreibmaschine geschlüpft ist“ („Audrey Hepburn. Die Legende – Bilder und Erinnerungen“).
Kaum zu glauben, dass die Frau, deren Stil bis heute kopiert wird, einiges an sich auszusetzen hatte: die Füße zu lang, die Zähne schief und die Nase zu breit.

Audrey Hepburn mit Yorkshire Terrier Mr. Famous am Set von „Ein süßer Fratz“, 1956

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Dazu kam, dass sie ihren Traum, Primaballerina zu werden, begraben musste. Weil sie damals mit 1.71 Meter dafür zu groß war. So tanzte sie sich erst einmal durch Revuen, als ein Kritiker schrieb: „Ein Mädchen mit ihrem Star-Potenzial hätte selbst dann noch Erfolg, wenn sie so lang wie eine Giraffe wäre.“ Er sollte recht behalten, nächste Station Broadway – dann die Prinzessinnenrolle in „Ein Herz und eine Krone“ (1953), wofür sie einen Oscar bekam.

Das Talent, sich zu kleiden

Das war also das Geheimnis ihres Erfolgs als Stilikone? Sie hatte Charisma, hinterließ überall, wo sie war, eine Aura der Lässigkeit, überließ aber nichts dem Zufall. So zitieren die Autoren Ellen Erwin und Jessica Z. Diamond den Weltstar aus seinem Nachlass: „Man muss sich selbst ganz objektiv betrachten, so als wäre der eigene Körper das Arbeitsmaterial. Und dann muss man sich ganz genau überlegen, was zu tun ist.“ Das tat Audrey Hepburn bereits lange vor ihrem Durchbruch. Sie hatte Talent, sich zu kleiden, obwohl sie sich nichts leisten konnte. Ihre Garderobe: ein Rock, eine Bluse, ein Paar Schuhe und eine Baskenmütze. „Aber sie hatte vierzehn Schals, und wie sie damit jede Woche ihren Stil änderte, war wirklich unglaublich“, so ein Tänzer.

Audrey Hepburn entsprach in den Fünfzigern, zu Beginn ihrer Karriere, nicht dem Schönheitsideal mit kurvigem Sex-Appeal. Ihr Auftreten war frech, selbstbewusst und überraschend in seiner Art. Eine Zutat, die eine Stilikone ausmacht. Es geht darum, das Einzigartige zu finden. Das ist Audrey Hepburn gelungen. Sie hauchte dem „kleinen Schwarzen“ Berühmtheit ein, obwohl es viel früher erfunden wurde: von Coco Chanel, als „Uniform für Frauen mit Geschmack“.

Jane Birkin, 1974: Im Glamourkleid mit Korb. Den bekam sie nicht, als sie zehn Jahre später die Idee zur legendären Birkin Bag hatte   
 

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Das eint Stilikonen des 20. Jahrhunderts, dass mit ihnen Accessoires und Kleidungsstücke verbunden werden: Bei Grace Kelly ist es die Kelly Bag. Sie wurde nach ihr benannt, weil die Tasche, nachdem die angehende Fürstin sie trug, weltweit zum Verkaufsschlager wurde. Die englisch-französische Sängerin und Schauspielerin Jane Birkin hat die nach ihr benannte Birkin Bag sogar mitentwickelt. „Femme fatale“ Marlene Dietrich hauchte wiederum einem Kleidungsstück ewige Berühmtheit ein: der „Marlenehose“. Die Dietrich hatte das gewisse Etwas, weil sie polarisierte, durch ihren maskulinen Stil einen Skandal auslöste. Sie wirkte selbstbewusst, urteilte aber hart über ihr Aussehen: „Ich fand mich immer ziemlich hässlich (…). Wie ich endlich den Vertrag für den ,Blauen Engel’ unterschrieben habe, habe ich gedacht, die sind alle verrückt.“

Marlene Dietrich

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Marlene nutzte neue Freiheiten

„Marlene Dietrich gehört zu den noch heute bewunderten Frauen der Moderne, deren Karriere auf das Engste mit ihrer Persönlichkeit und ihren öffentlichen Auftritten verquickt, medial verbreitet und vermarktet wurde“, sagt die Modehistorikerin Gundula Wolter. Es waren die Goldenen Zwanziger, als Dietrichs Karriere begann, die Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs. Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, Frauen gingen jetzt auch arbeiten, Chancen auf gesellschaftliche Freiheiten taten sich auf. „Diese neuen Freiheiten wusste Marlene Dietrich exzellent zu nutzen“, so Wolter. „Traditionell Männern zugeordnete Kleidungsstücke wie Smoking, Anzug oder Hosen spielten dabei eine wichtige Rolle, zum einen, weil sie als freche Aneignung provozierten und somit ein Medienereignis waren. Zum anderen, weil sie als frauenemanzipatorisches Statement gelesen wurden, mit denen sich die Schauspielerin selbstbewusst positionierte.“

Mode ist also auch politisch, kann Einfluss auf gesellschaftlich überholte Rollenbilder ausüben, indem sie aufzeigt, Grenzen überschreitet, herausfordert.

Sogar Karl Lagerfelds Assistenten wollten so aussehen wie sie, sagte er einmal

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Madonna liebte die Provokation von Beginn an. Kaum war sie in den Achtzigern am Start, wollten alle aussehen wie sie, sogar „alle meine Assistenten“, sagte Modekönig Karl Lagerfeld. Die Selbst-Inszenierung der Pop-Diva war und ist ebenso Programm wie die anhaltende ´Verwandlung und Neuerfindung. „Tabubruch als Karrieremethode“ möchte man es nennen. Den Geschlechter-Diskurs brachte jedenfalls auch sie zum Rauschen.

Waren Audrey Hepburn und Marlene Dietrich noch auf die Gunst der Fotografen, der Magazine und des Kinopublikums angewiesen, ist es für Prominente und alle, die klickweise Ruhm wollen, heute einfacher, das zurechtgeschnitzte Image in die Welt zu schicken. Instagram & Co machen es möglich. Wo ist da Platz für Stilikonen? Es gibt ihn, aber anders. So war man fast live dabei, als Pop-Star Rihanna 2022 den Babybauch glamourös in Szene setzte.

Rihanna

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Mag sein, dass es vermessen klingt, Rihanna in einem Atemzug mit Grace Kelly zu nennen. Aber die eine kaschierte einst den Bauch, der durch ihre Schwangerschaft entstand mit ihrer feinen Luxustasche, die andere präsentierte die Veränderung ihres Körpers selbstbewusst. Sie feierte ihn. Das kann man als Befreiung sehen. Grenzen überschreitet es auf jeden Fall.

Carrie Bradshaw

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Kein Model, aber sieht gut ausUm eine Stilikone zu sein, also maßgeblich Einfluss auf die Entwicklung der Mode zu nehmen, muss man nicht aussehen wie ein Model. Das bewies auch Sarah Jessica Parker, deren Looks in den Neunzigern als Carrie Bradshaw begeistert nachgeshoppt wurden. Das Motto: Traut euch, probiert euch aus, aber habt vor allem guten Sex! 2021 gab es für sie Häme, weil sie zu ihren grauen Haaren stand. „Was soll ich tun? Aufhören zu altern? Verschwinden?“, fragte sie.

 

Michelle Obama

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Das tut auch die ehemalige First-Lady Michelle Obama nicht. Die „Vogue“ titelte gar: „Neue Stilikone: Michelle Obama zeigt schon jetzt die Looks, die wir 2023 tragen“. Es ist die Vielfalt an Lebenswirklichkeiten, die heute inspiriert.

Iris Apfel

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Was einst von Fotografen nicht festgehalten wurde, existierte nicht. Deshalb kann es eine Fashionikone, die über 100 Jahre alt ist, erst jetzt geben: Die US-amerikanische Geschäftsfrau Iris Apfel weiß, wo es modisch für sie langgeht. Ihr Outfit ist schrill, bunt, unverschämt. Und egal, welche Hautfarbe, Körperfülle, welches Alter man hat– vielleicht ist es die Konsequenz, mit der man sein modisches Image verfolgt, um Vorbild zu sein. So wurde etwa die Dietrich auf eigenen Wunsch im schwarzen Anzug mit weißem Hemd begraben. Mehr Stilikone geht nicht.

Annemarie Josef

Über Annemarie Josef

stv Chefredakteurin KURIER freizeit. Lebt und arbeitet seit 1996 in Wien. Gewinnerin des Hauptpreises/Print bei "Top Journalist Award Zlatna Penkala (Goldene Feder)" in Kroatien. Studium der Neueren Deutschen Literatur in München. Mein Motto: Das Leben bietet jede Woche neue Überraschungen.

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