Film

"Guillermo del Toros Pinocchio": Beim Lügen wächst ein halber Baum aus der Nase

„Guillermo del Toros Pinocchio“ ist eine dunkle, exquisit animierte Geschichte. Sie läuft im Kino und ab 9. Dezember auf Netlix

Der Titel verrät schon alles: „Guillermo del Toros Pinocchio“ – ist weit entfernt von Disney. Guillermo del Toro ist jener Filmemacher, der hinter so dramatischen Oscar-Gewinnern wie „Pan’s Labyrinth“ und „Shape of Water“ steht. Der Star-Regisseur aus Mexiko liebt Horror, Goth und Gesellschaftskritik. Sein „Pinocchio“ wurde vom Disney-Konkurrenten Netflix produziert und fällt nicht in die Kategorie Kinderfilm.

Die exemplarische Geschichte vom holzgeschnitzten Buben, der Schule schwänzt und moralisch lehrreiche Abenteuer erlebt, verwandelte Del Toro in einen hingebungsvoll animierten, düsteren Trickfilm. Er verpflanzte Carlo Collodis „Abenteuer des Pinocchio“ von 1881 in das faschistische Italien der 1930er-Jahre: Der Holzschnitzer Geppetto hat seinen Sohn verloren und verwandelt sich in einen Säufer. Als eine gute Fee eine Holzpuppe zum Leben erweckt und ihm Pinocchio schenkt, kann er den neuen „Sohn“ nicht annehmen und treibt ihn schließlich aus dem Haus. Pinocchio tingelt mit einem grausamen Showmaster durch die Lande und tritt auf dessen Bühne als Attraktion auf. Inzwischen haben die Faschisten die Macht übernommen und schicken kleine Buben ins Militärlager.

„Guillermo del Toros Pinocchio“ ist eine exquisite Animation der Extraklassen. Gemeinsam mit Mark Gustafson, einem Veteranen in der Stop-Motion-Technik (etwa für Wes Andersons „Der fantastische Mr. Fox“), entwarf Del Toro einen handgemachten Trickfilm, in dem sich raffinierte Puppenspielkunst mit avancierter Technik verbindet. Seine von Hand geschnitzten, bemalten und geformten Figuren bilden eine seltsame Mischung aus starrem Material und größter Ausdruckskraft. Auf den ersten Blick wirken die Puppen steif, entwickeln dann aber ungeahnte Lebendigkeit.

Vater und Sohn: Geppetto und Pinocchio müssen sich erst aneinander gewöhnen

©Netflix

Dürres Holzgestell

Pinocchio selbst ist alles andere als ein niedliches Püppchen. Es handelt sich bei ihm um ein dürres Holzgestell, das dürftig mit ein paar Nägel zusammen geklopft wurde.

In Wien würde man „Grippelgspü“ dazu sagen.

Anstelle der langen Nase wächst im beim Lügen gleich ein halber Baum aus dem Gesicht. Denn Del Toro ist um skurrile Details nie verlegen: Sie entwickeln ihr eigene Scheußlichkeit im miesen Gesichtsausdruck eines faschistischen Vaters oder der spitznasigen Verlogenheit des Puppenspielers Count Volpe (süffisant eingesprochen von Christoph Waltz). Zugleich aber strotzen sie auch von sublimer Komik wie etwa im birnenförmig-dämlichen Gesicht von Benito Mussolini, den seine Anhänger als „Il Duce“ verehren, der aber von Pinocchio beharrlich „Il Dolce“ genannt wird.

Tod, Verlust und Trauer hängen als schwere Wolken über Pinocchios abenteuerlichen Märchenlandschaft. Guillermo del Toro liebt den Horror, aber er hat auch ein sehr weiches Herz. Es schlägt warm in den Körpern seiner Puppen, auch wenn sie aus Holz sind.

Puppenspiel im faschistischen Italien der 30er-Jahre: "Guillermo del Toros Pinocchio"

©Netflix
Alexandra Seibel

Über Alexandra Seibel

Alexandra Seibel schreibt über Film, wenn sie nicht gerade im Kino sitzt.

Kommentare