Donna Leon über Commissario Brunetti: „Ich liebe ihn nach wie vor“

Die Bestsellerautorin im FREIZEIT-Interview über Brunetti, Venedig, barocke Opern und ihr Leben als Neo-Schweizerin.

Und sie hat es schon wieder getan. Obwohl seit Jahren in der Schweiz wohnhaft, bleibt die US-amerikanische Autorin der Heimat ihres Ermittlers Commissario Guido Brunetti treu. In Venedig, die Serenissima, hat sich Donna Leon verliebt, seit sie hier vor mehr als 40 Jahren nach einer Reihe von Reisen und turbulenten Abenteuern gelandet ist. In der Lagunenstadt ist die einstige Professorin für englische Literatur nach wie vor häufig zu Gast. Schon alleine, um neue Verstrickungen ihres überaus populären Helden zu recherchieren.

Der mittlerweile 31. Kriminalfall mit Venedigs so weisem wie witzigem Polizisten befindet sich seit Wochen auf den europäischen und besonders den deutschsprachigen Bestsellerlisten weit oben, wenn nicht überhaupt an der Spitze. Weitere werden folgen, denn „Ich liebe ihn“, erklärt Donna Leon im -Interview. Ihre Schilderungen sind so detailliert, dass auch ein Stadtplan und ein Brettspiel erschienen sind, deren Thema die diversen Schauplätze der Brunetti-Fälle sind.

Sehr geehrte Donna Leon, herzliche Gratulation: Sie sind schon wieder ganz vorne in den Bestsellerlisten. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum ihre Venedig-Krimis gerade in Österreich so erfolgreich sind?
Donna leon: Ich nehme an, es ist vor allem die Anziehungskraft von Venedig. Diese Stadt ist eben beliebter als alle anderen Städte und Orte auf dieser Welt.
Jetzt stapeln Sie aber etwas tief. Ich habe das Gefühl, Ihre Leser, vor allem die Leserinnen, sind regelrecht verschossen in Brunetti und seine Fälle. Sie können einfach nicht genug davon kriegen. Mit „Milde Gaben“ löst der Commissario nun seinen 31. Fall. Hat es in dieser langen Zeit Momente gegeben, in denen Sie seiner überdrüssig wurden?
Nein, Commissario Brunetti und ich sind nach wie vor sehr gute Freunde. Ich habe mich immer für seine Arbeit interessiert und auch dafür, was er in seinem jeweils neuen Buch gerade liest. Es ist immer genau das, was auch ich in genau diesem Moment lese.
Im aktuellen Fall dürften es die „Traumdeutungen“ von Artemidor von Ephesos sein, in denen Brunetti nach gelöstem Fall blättert. Apropos, vor dreißig Jahren erschien mit „Tod in La Fenice“ ihr erster Krimi mit Commissario Brunetti. Hatten Sie damals schon geahnt, wie viele Jahre er sie begleiten wird.
Nein, überhaupt nicht.
In Ihrem Debüt spielt ein Dirigent mit dunkler Vergangenheit im Dritten Reich eine bedeutende Rolle. Viele Leser wie auch Rezensenten fühlten sich an einen prominenten Namen erinnert. Diente Herbert von Karajan dafür als Vorlage?
Es ist nicht so, dass damit genau dieser Dirigent gemeint war. Es ging darin eher um die Eigenschaften, die ich über Jahre an vielen Dirigenten beobachten konnte. Unglücklicherweise wies dieser eine ausschließlich schlechte Eigenschaften auf. Freunde von mir, die ebenfalls Dirigenten sind, haben auch einige dieser schlechten Eigenschaften, dafür aber viele positive Seiten.
Ihre Romane machte Venedig als Schauplatz von Verbrechen wie auch als touristischen Hotspot überaus populär. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie dafür sowohl von der Stadt als auch von der Polizei mit Auszeichnung und Ehrenmedaillen überhäuft wurden.
Ich glaube, Venedig war und wird immer berühmt sein – auch ohne meine Unterstützung. Nein, ich wurde vom Bürgermeister diesbezüglich noch nie kontaktiert.
©Gaby Gerster / laif / picturedesk.com/Gaby Gerster/laif/picturedesk.com
In „Milde Gaben“, Ihrem neuen Krimi, geht es sowohl um die Pandemie als auch um korrupte Menschen, die daraus einen Vorteil erlangen wollen. Der Krimi endet mit Brunettis an seine Frau Paola gerichteten Worte: „Ich weiß nicht, ob ich klug bin, meine Liebe, aber ich bin stets der Seite treu, für die ich kämpfe.“ Ist das Ihr persönliches Motto?
Meinen Freunden gegenüber bin ich loyal und ich achte, egal, wo ich lebe, die Gesetze. Ich bin mir nicht sicher, ob ich für irgendeine Seite kämpfen würde, aber ich versuche, ein anständiges Leben zu führen.
In „Milde Gaben“ machen Sie uns mit der Kindheit und Jugend von Brunetti bekannt, auch mit Mädchen, für die er einmal schwärmte. Am 24. August erscheint ein Buch mit Erinnerungen und Kolumnen – „Ein Leben in Geschichten“. Ich bin mir sicher, dass Ihre Schöpfung Guido gerne in diesen Geschichten schmökern würde.
Zum Glück liest er auch gerne Bücher auf Englisch. Vielleicht sende ich ihm demnächst ein Exemplar davon.
Seit ein paar Jahren wohnen Sie in der Schweiz. Sie besitzen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ist diese Doppelstaatsbürgerschaft für Sie beruhigender als „nur“ einen US-Pass zu haben?
Vielleicht nicht so sehr beruhigend, als hätte ich den richtigen Weg gewählt. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich jemals in die Vereinigten Staaten zurückkehre, um dort zu leben. Die Schweiz ist das Land, das ich ganz bewusst als meinen Wohnsitz gewählt habe. Mein Herz gehört selbstverständlich weiterhin Venedig. Aber Venedig ist mittlerweile kein guter Ort mehr, um dort zu wohnen.
Wieso, ich dachte eher, als Neo-Schweizerin verzehren Sie sich schon längst nach Venedig?
Das mache ich ja auch. Aber Venedig wird nach wie vor jährlich von 30 Millionen Touristen heimgesucht.
Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie vor mehr als vierzig Jahren in Italien hängen geblieben sind, nachdem Sie sich bereits einige Zeit im Iran und in Saudi-Arabien aufgehalten haben?
Ich hatte das Glück, einen Job zu finden, der es mir erlaubte, in Venedig zu leben.
Ich könnte mir vorstellen, dass dabei auch die Italienische Küche, besonders die Speise Risotto, ihren Anteil hat. Risotto zählt sowohl zu Guido Brunettis als auch zu Ihrer Lieblingsspeise. Was also hat Sie bewogen, ausgerechnet ins Land von Röschti und Schweizerkäse zu ziehen?
Sie dürfen nicht vergessen, dass ich jetzt in der Nähe der italienischen Grenze lebe.
©EPA/Javier Lizon
Eine Ihrer großen Leidenschaften ist die Barockoper. Wie haben Sie die lange Zeit der Lockdowns ohne Besuche in diversen Opernhäusern überstehen können?
Zum Glück gibt es viele hervorragende Aufnahmen. Das ist zwar nicht das Gleiche wie ein Besuch in der Oper, aber eine gute Möglichkeit, dieser Leidenschaft zu frönen.
Für den Fall, dass uns ein strenger Herbst bevorsteht: Haben Sie vielleicht ein paar Tipps für die Opern-Liebhaber unter unseren Leserinnen und Leser?
Gerne. Die Einspielung von Georg Friedrich Händels Oper „Agrippina“ durch das italienische Barockensemble Il Pomo d'Oro kann ich wärmstens empfehlen. Ebenso die wunderbare Aufnahme von Händels „Julius Cäsar“ mit Marc Minkowski als Dirigent und mit dem phänomenalen Gesang von Marijana Mijanovic.
Wann hatten Sie zuletzt die Gelegenheit, die Wiener Staatsoper zu besuchen?
Das ist viel zu lange her. Zu meiner Entschuldigung aber kann ich anführen: Leider werden dort eben nur sehr wenige Barockopern aufgeführt.
Die Sängerin Cecilia Bartoli, die ebenfalls von Barockopern sehr fasziniert ist, ist nun Chefin des Opernhauses in Monte Carlo. Von der schweizer-italienischen Grenze ist das ja nicht so weit entfernt. Haben Sie schon einen Opernbesuch in Monaco geplant?
Nein, nicht wirklich.
Um noch einmal auf Guido Brunetti zurückzukommen. Seit nunmehr dreißig Jahren haben Sie Jahr für Jahr einen Kriminalfall mit dem Commissario beschrieben und gelöst. Wie schaffen Sie es, dieser erstaunlichen Erfolgsgeschichte treu zu bleiben?
Ich liebe ihn nach wie vor. Als Kind wurde mir beigebracht, immer die Hausaufgaben zu machen, bevor ich nach draußen gehen und mit den anderen spielen durfte. Heute fühle ich nach wie vor diese Verpflichtung. Bis die Arbeit nicht gemacht ist, darf ich nicht spielen gehen – zumindest will ich dabei mein tägliches Pensum erreichen.
In Ihrem aktuellen Krimi, „Milde Gaben“, erzählen Sie am Rande die Geschichte hinter dem beeindruckenden Reiterstandbild von Bartolomeo Colleoni, einem Söldner aus Bergamo, der ab 1431 jahrelang für Venedig kämpfte. Statt wie versprochen am Markusplatz, steht es in der Nähe der Scuola di San Marco. Gibt es noch viele wenig bekannte Geschichten aus Venedig, von denen Sie uns erzählen können?
Ja, es gibt noch Hunderte, vielleicht sogar Tausende davon. Es ist einfach eine wunderbare Stadt. Nur eines ist es nicht: Disneyland.
Ihre Fans warten sicher schon auf den 32. Fall. Wird es auch kommendes Jahr wieder ein neues Abenteuer mit Commissario Brunetti geben?
Selbstverständlich.
Frau Donna Leon, vielen Dank für dieses Interview.

„Als Kind wurde mir beigebracht, immer die Hausaufgaben zu machen, bevor ich nach draußen gehen und mit den anderen spielen durfte. “

Donna Leon
©Diogenes Verlag

Erscheint am 24. August: Wo hat Donna Leon ihren Namen her? Womit verdiente sie Geld, bevor aus Wörtern Krimis wurden?  Die berühmte Krimiautorin über sich und „Ein Leben in Geschichten“, Diogenes, 192 S., € 22,70

©Diogenes Verlag

Eine Jugendfreundin taucht auf einmal in der Questura auf. Brunetti solle ermitteln, pronto und privat.
„Milde Gaben“, Diogenes, 352 S., € 25,70

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

Kommentare