Bär Erich ist vor der Winterruhe noch einmal grantig

Wie bereiten sich Bären auf die bevorstehenden kühleren Monate vor? Ein Besuch in der Auffangstation „Bärenwald“ im Waldviertel.

Das Geräusch eines Traktors in der Nähe bringt Erich aus dem Konzept. Im einsamen Wald hat er nicht mit dem Lärm gerechnet. Er will nicht belästigt werden. Der riesige, dicke Kerl ist ohnehin zart besaitet, eine kleine Mimose gar, wie man hört. Seiner Größe und Kraft dürfte er sich gar nicht bewusst sein. Nervös streift er hin und her, um zu zeigen: „Das hier ist mein Revier.“ Er wechselt oft die Richtung, geht schnelle Runden um seinen kleinen Teich.

Erich ist schön langsam bereit für seine Winterruhe. Der stattliche, mit 13 Jahren in der Blüte seines Lebens stehende Braunbär hat sich einen Winterspeck angefressen und ein dickes Fell zugelegt. Rund 240 Kilogramm wiegt er schon, in den nächsten Tagen kommen noch einmal 40 dazu. Er muss bald die Atmung und den Herzschlag verringern.

Wozu der Stress?

„Er könnte sich jetzt denken, so, mein Blut wird dicker. Und eigentlich habe ich gar keinen Stress“, sagt Sigrid Zederbauer, die Leiterin im „Bärenwald Arbesbach“. Hier im Waldviertel hat die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ eine Auffangstation für – derzeit drei – Bären aus Zirkus, Zoo und Privathaltung errichtet und will ihnen dort ein naturnahes Zuhause bieten.

Der beeindruckend große Braunbär Erich beim Herumstreifen in seinem Gehege. Noch ruht er nicht ganz in sich. Ein Traktor hat ihn nervös gemacht.

©Kurier/Gilbert Novy

Dass der Winter im Waldviertel ansteht, lässt sich nicht nur am laubbedeckten Boden des Geheges erkennen. Dort klafft auch ein großes Loch. „Er hat angefangen, sich eine Winterhöhle zu graben“, erklärt Zederbauer. Dabei hätte Erich ohnehin auch von Menschenhand geschaffene, geräumige Rückzugplätze. Es freut die Biologin zwar, dass der aus einem aufgelassenen Zoo stammende Bär ein natürliches Verhalten zeige. Sie schießt zwei Aber hinterher. Erstens könne er ganz tief graben. Wenn er das nahe am Zaun mache, gerate das Betonfundament schon etwas in Gefahr. „Und wenn Winterstürme Bäume umknicken, können wir für Holzarbeiten nicht ins Gehege, weil die natürlichen Höhlen nicht abgesperrt werden können.“

Winterstürme sind noch keine in Sicht. Im Gegenteil. Es ist ungewöhnlich mild. Die Auffangstation liegt auf einem Waldviertler Hochplateau. Während im Osten des Landes in den Niederungen der dichte Nebel die Sonne verbirgt, ist es hier für Menschen warm. Für Erich eher heiß – kein Wunder beim dichten Winterfell und bei der vielen Bewegung, die seinen Stress abbauen soll. Immer wieder zieht es ihn zum künstlichen Teich. Er hält seine Pfoten hinein, wie auch seine Nase. Regelmäßig geht er auch ins Becken, um so ausgiebig zu planschen, dass das Wasser um ihn herumspritzt. Das sieht man am nassen Fell. Und riecht es auch, während der Bär ganz nah an seinen Betrachtern vorbeimarschiert. „Du Stinker“, sagt Zederbauer in ruhigem Ton.

Erich ist es auch im November heiß. Das Fell ist dick und er bewegt sich immer noch viel. Deshalb kühlt er sich immer wieder gerne mit und im Wasser ab

©Kurier/Gilbert Novy

Obwohl es noch nicht kalt ist, merke man, dass sich die Bären auf die bevorstehende Ruhe vorbereiten. Und die entscheidenden Auslöser seien vor allem die Dauer des Tageslichts und die Nährstoffversorgung. „Je dicker das Tier, umso mehr kann es sich leisten, faul zu sein. Es kann Energie sparen.“

Für den nötigen Winterspeck sorgen – wie könnte es hier auch anders sein – unter anderem Waldviertler Karpfen aus den vielen Teichen der Region. Umliegende Gastro-Betriebe brauchen nur die Filets. Kopf, Schwanz und Gräten überlassen sie dem Bärenwald. Die Lager des Bärenwalds sind derzeit voll von Walnüssen, die fett sind und den Tieren den nötigen Winterspeck liefern. „Wenn wir nur Salate füttern würden, gehen sie nicht so leicht in Winterruhe.“

Bärenwald-Leiterin Sigrid Zederbauer mit aktueller Bärennahrung: Nüsse und Karkassen von Karpfen.

©Kurier/Gilbert Novy

Für Tom, den 34-jährigen Methusalem des Parks, zerhacken die Pfleger die Nüsse, damit er sie besser runterbringt. Dazu bekommt er etwa gekochte und ausgelöste Hühnerstücke mit Karotten vorgesetzt. Dem letzten österreichischen Zirkusbären wurden die Zähne gekürzt. Dazu hat er wegen des Vorführens von Kunststücken Haltungsschäden. Und durch falsche Ernährung ist er auf einem Augen vollständig blind. Während Erich seine Kreise zieht, hat sich Tom in eine Höhle zurückgezogen – geschützt vor den Blicken lästiger Menschen.

Nur die Nase bewegt sich

Der 30-jährigen Bärendame Brumca ist das heute ziemlich egal. Sie hat es sich in ihrem Teil des Geheges – die Tiere sind Einzelgänger und als solche untereinander nicht sehr verträglich – direkt vor dem Zaun bequem gemacht. Dort lässt sie sich die Sonne auf den Pelz strahlen. Die Expertin sieht das schon als Vorstufe zur Winterruhe. Brumca döst – ihr Hinterteil den Besuchern entgegengestreckt – vor sich hin. Ihre Nase ist aber aktiv und bewegt sich schnell hin und her. „Wir werden abgeschnuppert. Sie wird nicht aufstehen“, erklärt Zederbauer. Und zur Bärin, die kaum eine Regung zeigt, spricht sie in sanftem Ton. „Gell, wir sind nicht interessant? Bleib liegen, Brummi.“

Und das macht Brummi auch. Denn Menschen sind Bären eigentlich ziemlich egal. Nur laut sollten sie nicht sein. „Je lästiger Personen sind, umso eher verkriechen sich die Tiere. Wenn sie nicht wollen, sind sie weg.“

Bärendame Brumca döst in der Sonne – schon eine Vorstufe zur Winterruhe. Dabei lässt sie sich nicht stören

©Kurier/Gilbert Novy

In der freien Wildbahn stünden die Chancen für Menschen, die unvermutet auf ein Tier stoßen, nicht so schlecht, unbeschadet davon zukommen. Vorausgesetzt, man verhalte sich ihm gegenüber nicht unangenehm, vermeide Blickkontakt und ziehe sich ruhig zurück. „Der Bär will den Menschen eigentlich nicht attackieren. Er sieht ihn nicht als Beute. Der Bär ist als Allesfresser mit den Wurzeln, Trieben, Beeren und Käfern ohnehin gut bedient“, erklärt Zederbauer.

Unbeliebtes Einsperren

Brumca blickt kurz auf, zieht eine Pfote näher an ihren Körper. Sie fühlt sich aber von der ruhig sprechenden Leiterin nicht gestört und döst weiter. Auch zunehmend tiefere Temperaturen stören sie derzeit noch nicht so. Nur sich eingesperrt fühlen, ist der Bärendame, die einmal in einem kleinen Verschlag dahinvegetierte, zuwider. Daher liegt sie genau bei einer Schleuse. So sieht sie, wenn sie aufgemacht wird.

Bärendame Brumca döst in der Sonne – schon eine Vorstufe zur Winterruhe. Dabei lässt sie sich nicht stören

©Kurier/Gilbert Novy

Wenn es kälter wird, ziehen alle drei Bären in ihre Winterhöhlen im Untergrund. Hier – umgeben von Betonwänden und schweren Metalltüren – verkriechen sie sich im hoch aufgehäuften Heu. „Dabei fahren sie ihren Stoffwechsel herunter.“ Und das sieht man auch. „Im Frühling ist es hier nicht wirklich schmutzig.“ Das interessiert die Humanmedizin. Nierenpatienten müssen zur Dialyse, während der Bär seine Niere scheinbar je nach Bedarf „aus- und einschaltet“.

Und anders als der Mensch kann der Bär wochenlang herumliegen, ohne Knochen- und Muskelmasse abzubauen. Seine Haut liegt er dabei auch nicht wund.

Als die Winter noch richtig kalt waren und im Waldviertel bis zu eineinhalb Meter Schnee lag, hätten die Tiere fünf Monate durchgeschlafen. Das ist nicht allzu lange her – 20 Jahre. „Je milder die Winter werden, umso häufiger unterbrechen sie ihre Ruhe.“ Anders als echte Winterschläfer wie Igel oder Murmeltier senkt der Bär seine Körpertemperatur nicht auf drei Grad Celsius ab. Er käme nie mehr auf Touren – und könnte auch nicht seine Höhle verteidigen.

Wenn es schneit, ziehen sich Bären zurück.

©VIER PFOTEN /Gerlinde Mairhofer

Forschungen hätten gezeigt, dass bei echten Winterschläfern auch das Gehirn so stark abkühle, dass sie vieles neu lernen müssen, wenn sie aufwachen. Bären reduzieren nicht so stark, sagt Zederbauer. „Man hat im Frühling den Eindruck, sie schauen einen an und denken sich: wir kennen einander.“

Zur wirklichen Ruhe geht es in den Keller

©Kurier/Gilbert Novy

Bärenwald Arbesbach

Seit 1998 bekommen Braunbären aus  Zirkus, Zoo und Privathaltung in der Auffangstation der  Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“  ein neues Zuhause. Die naturnahe Anlage im niederösterreichischen Waldviertel ist 14.000 Quadratmeter groß und soll bald erweitert werden. Derzeit leben hier drei Bären: Der große, 13-jährige Erich, die 30-jährige Bärendame Brumca und der 34-jährige Methusalem Tom. Weitere sollen   folgen. Die Anlage ist zwischen Ostern und Allerheiligen für Besucher geöffnet.  Garantie, ein Tier zu sehen, gibt es nicht. Die Bären haben viele Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Im Winter ruhen die Tiere, der Park ist geschlossen.
Infos: baerenwald.at 

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle - also den schönen Dingen im Leben - befassen. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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