Weekender

Servus in Wien! Mit offenen Augen durch die Stadt

Willkommen beim Weekender in der eigenen Stadt. Eine Tour entlang Sehenswürdigkeiten aus ungewohnter Perspektive.

Überblick

Einwohner

ca. 1,9 Millionen

Beste Reisezeit

April bis September

Auskunft

wien.info

Sisi, die Lipizzaner und ein Wiener Schnitzel: Was Besucher hier suchen, stellt einen vor  keine allzu großen Rätsel. Die Klischees pro Quadratkilometer sind in dieser Stadt, die sich schön langsam zur Zwei-Millionen-Metropole entwickelt, ja wirklich nicht wenige. Immerhin, die Ein- und Ausblicke sind oft genug ausgesprochen exklusiv, wie man an diesem Foto erkennt.

Schön, schöner, Schönbrunn: Eine nicht alltägliche Perspektive auf die Gloriette.

©Kurier/Gilbert Novy

Diesen eindrucksvollen Blick auf die Gloriette im Schönbrunner Schlosspark genießt man von der Grand Suite der einstigen Sommerresidenz Maria Theresias aus. Sicher, ein exklusiver Ausflug in das k.u.k.-Ambiente von Wien. Aber einer, der Geschichte greifbarer macht als stundenlanges Surfen im Internet.

Natürlich geht es auch eine Nummer kleiner. Man kann einfach nur umherwandeln, in der Jausenstation im Kronprinzengarten eine Melange bestellen und sich einmal glücklich wie ein Tourist in der eigenen Stadt fühlen.

Rekord, Rekord!

Das Schloss Schönbrunn verzeichnete im Vorjahr einen neuen Rekord. Mehr als 4,2 Millionen Besucher aus der ganzen Welt waren auf Stippvisite in dem Prachtbau, der mit seinem Anstrich in „Schönbrunner Gelb“ auch für einen dahin unbekannten, jedenfalls aber repräsentativen  Farbton  steht. Falls Sie schon länger nicht mehr dort waren,  wird es Zeit, hinter dem Schloss, schon knapp an der Grenze zum  Grünen Berg, jene Quelle aufzuspüren, die dem Schloss seinen Namen gab. Kaiser Matthias soll hier vor 400 Jahren ausgerufen haben: „Welch’ schöner Brunn!“

©Kurier/Gerhard Deutsch

Sehen Sie, so einfach ist das. Alte Hütte, neuer Zugang – und schon wird die Sache spannend. Wir spielen also für ein paar Tage Besucher in der eigenen Stadt und entdecken Wien neu.

Wer will, kann diesen Stadtspaziergang vom Zentrum, der City, aus starten. Oder sich vom Westen, von Schönbrunn aus, dem Stadtkern nähern. Auf alle Fälle wird es ein Spaziergang quer durch die Jahrhunderte, von einer mittelalterlichen Ansiedlung  zu einer modernen Metropole.  

Mittelalter, weil  zwischen Hofburg, Stephansdom und Ruprechtskirche die Vergangenheit nach wie vor zu spüren ist. Modern, weil Wien seit Falcos Höhenflug in den 1980er-Jahren auch da ein Wörtchen mitzureden hat.

Auf eine Melange ...

Zu Falcos Zeit galt in Wien ein Cappuccino fast noch als exotisch, heute ist es eine Melange. So ändern sich die Zeiten. Auch für die Fremdenführer. Mehr als 500 von ihnen leben in der 2019 zum zehnten Mal en suite  zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürten Metropole Mitteleuropas. Eine davon ist Patrizia Kindl. Sie bietet mehrere Touren an, etwa durch das Hietzinger Cottageviertel oder die Themenführung „Lachendes Wien – ein Stadtspaziergang in Anekdoten“.

Mit einem Wort, Fremdenführerin Patrizia kennt Wien wie ihre eigene Westentasche. Welchen Tipp gibt sie uns mit auf die Reise durch die eigene Stadt? „Kennen Sie die Legende vom Lieben Augustin?“ – „Nur vom Hörensagen.“ – „Gut, dann zeige ich Ihnen, wo sie ihren Ausgang genommen hat.“

Singen & Schnitzel

Gesagt, getan. Vor dem Griechenbeisl oberhalb vom Schwedenplatz befinden sich einige Touristen. Das historische Gemäuer, in dem Mozart und Beethoven und später Johnny Cash eingekehrt sind, fasziniert nach wie vor. Der legendäre Bänkelsänger, der einst die Pest überlebt hat, soll hier Halt gemacht haben. Und zwar quietschlebendig, denn zuvor war er schon für tot erklärt worden.

Griechenbeisl? Dieser Name ist irreführend, im  ältesten Gasthaus der Stadt gibt es natürlich auch die Leibspeise ihrer Bewohner, ein Wiener Schnitzel. Die Portionen sind üppig. Kein Problem, wir sind mit dem City-Bike hier und bis zur nächsten Station – der barocken Pracht des Belvedere  – lassen wir locker ein paar Kalorien liegen. Nach der Schinderei haben wir uns ein Abendessen in  schöner Atmosphäre verdient. Wie wäre es mit einer Candlelight-Dinnercruise am Donaukanal? Der Donaudampfschifffahrtskapitän und seine Crew machen’s möglich.

Dass Wien eine Reise wert sei, vermelden Reisemagazine und -sendungen seit Jahren. Mit Erfolg. Eine „Galileo“-Wien-Extra-Sendung zum Thema „Die lebenswerteste Stadt der Welt: Was macht Wien so einzigartig?“ verzeichnete vor einem Jahr immerhin mehr als 450.000 Aufrufe. Man sieht, allein den Namen Wien zu erwähnen, wirkt.

Wiener schnitzel with glass of red wine
©Getty Images/iStockphoto / from_my_point_of_view/iStockphoto

Noch im Vorjahr waren sie weithin hörbar: Jede Menge Städtetouristen, die mit ihren bunten Trolleys lautstark die Gehwege und Kopfsteinpflaster der Stadt frequentierten. Nun halten Sie womöglich selbst Ausschau nach Ihnen bisher unbekannten Ecken der Stadt. Dabei handelt es sich vielleicht um eine Wiener Eigenheit wie das „Durchhaus".

Diese bauliche Besonderheit existiert sowohl in ihrer Luxusvariante wie der Palais-Ferstel-Passage in der Inneren Stadt zwischen Herrengasse und Freyung als auch links und rechts von der Mariahilfer Straße. Manche beherbergen Gastwirtschaften, andere, wie etwa im Durchgang von der Bräunerstraße zum Graben, Auslagen von Geschäften, die einst zu Lieferanten des kaiserlichen Hofes zählten.

Aber es muss nicht der Logenplatz der Innenstadt sein, um sich in Wien rundum wohlzufühlen. Viele Grätzel Wiens weisen jedenfalls die Fähigkeit auf, sich  nachhaltig  neu zu erfinden. Stichwörter Karmelitermarkt, Nibelungenviertel  oder Yppenmarkt. Auch ums Eck der Strudlhofstiege hat sich in den letzten Jahren ein Viertel zu einem wirklich lebenswerten Hotspot für charmante Shops sowie  schicke Bistros und Beisl entwickelt – das Servitenviertel.

©Kurier/Gerhard Deutsch

Genauso hat sich auch die Otto-Bauer-Gasse im sechsten Bezirk verändert. Jene, die sie seit einigen Jahren nicht mehr betreten haben, werden sie kaum wiedererkennen. Die Gasse, die zuvor vom Durchzugsverkehr geprägt war, entpuppt sich auf einmal als  perfekter Ausgangspunkt für eine Shoppingtour abseits von Malls und Markenstores. Von wunderbaren bis schrägen Sachen ist hier alles zu finden, was zu Hause einen Ehrenplatz wert ist.

Apropos Platz. Ums Eck von einem großen Kuriosum, dem kleinsten Haus der Stadt Ecke Burggasse/Breite Gasse, befindet sich  mit „MQ Amore“ ein Golfplatz, bei dem man sich nicht erst um eine Platzreife bemühen muss. Einfach hingehen, Schläger sowie  Ball mieten und  Freude daran haben, dass es so einfach sein kann, einen urbanen Platz zu beleben, der bis dahin vor allem eines war, ein betonierter Platz.

Halt, Stadtführerin Patrizia mahnt zur Eile. Wir müssen sie noch unbedingt nach Hietzing begleiten. Dort  gehen Tradition und Tratsch eine schöne Liaison ein. Besonders die Damen Anna Nahowksi und Katharina Schratt haben sich durch ihre Beziehungen zu Kaiser Franz Joseph hervorgetan. Beide erhielten Villen als  Abfertigungen, um sich darüber auszuschweigen. „Mit ihren Adressen in der Maxingstraße und der Gloriettegasse waren sie praktisch Nachbarinnen.“ Heute sind sie Fixpunkte der Grätzeltour.

Wasser mag man eben   

Morgen geht’s endlich zur Alten Donau, dem neuen „place to be in town“. Das Bootshaus der Familie Querfeld verströmt Atlantik-Atmosphäre. Die schwimmenden Inseln von Schiffsarchitekt und Visionär Martin Mai versprechen Karibik-Flair. Das ist nur mehr zu toppen durch einen wilden Ritt auf einem Wakeboard oder einen Cocktail in der höchstgelegenen Bar von Wien, der 57 Melia Bar. Cheers! Und bis bald. Wir waren sicher nicht zum letzten Mal Touristen in der eigenen Stadt.

©Kurier/Franz Gruber

Schiffsarchitekt Martin Mai veranstaltet auf seinen schwimmenden Inseln auch Konzerte. "So bringe ich unter anderem den Walzer von Johann Strauss wieder dorthin, wo er seinen Ausgang nahm - an der blauen Donau", sagt er verschmitzt.

Neben seinen Inseln hat er mit der Donau noch viel vor. "Es gibt viele Städte, in denen sich Menschen in Hausbooten wohl fühlen. Warum sollte es diese in Wien nicht geben?", fragt er  rhetorisch. "Ich habe schon einige Pläne dazu im Kopf." 

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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