Mostviertel im Frühling

Das Mostviertel im Frühling: Zwischen Birnbaumblüte und Barockpracht

120.000 Birnbäume überziehen das Mostviertel im Frühling mit einem zauberhaften weißen Blütenschleier – heuer wird der Beginn des Naturschauspiels zu Ostern erwartet.

Sie heißen Rote Pichlbirn, Gelbmostler, Blutbirne oder Dorschbirne, und sie sind die eigentlichen Stars des Mostviertels. Mehr als 300 Birnensorten sind hier bekannt, in dieser Region im südwestlichen Niederösterreichs. 

Jahrhundertelang verbunden war man im fruchtbaren Landstrich mit den Birnen. Sie tragen auch die Namen ihrer oft nur sehr kleinräumigen Verbreitung: Die Ardagginger oder Euratsfelder Mostbirne findet man also nur rund um diese Gemeinden. Sogar die Bezirksstadt hat ihre Birne, wie die Sorte Amstettner Mostbirne zeigt. 

Ob dieses Modell für das Entree der Stadt stand? Drei überdimensionale Birnen zieren jedenfalls den Kreisverkehr an der Autobahnabfahrt Amstetten-West und geben den Blick in die sanft hügelige Landschaft frei. Sie bietet natürlich zu jeder Jahreszeit ihre Schönheiten, doch ab Mitte April ist es im Mostviertel wohl am schönsten. Dann verwandelt sich die Region in einen Zaubergarten, wie von einem weißen Schleier bedeckt. Heuer wird dieses Schauspiel laut den aktuellsten Prognosen zu Ostern erwartet.

Blütenmeer für den Osterhasen

Es ist den mehr als 120.000 Birnbäumen zu verdanken, die im Frühling austreiben und sich in ihre wunderhübschen, weißen Blüten regelrecht einhüllen. In Amstetten kann man sich vom neu gestalteten Hauptplatz aus ein erstes Bild davon machen. Allerdings nur theoretisch. Seit Ende März sind stilisierte Birnbaumblüten Teil des neuen Beleuchtungssystems. 

Mostviertel

©Mostviertel Tourismus / weinfranz.at

Heute ist die Stadt ein wichtiges wirtschaftliches Zentrum des Bezirks. Mit dem Bau der Westbahn Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die einst kleine Gemeinde beständig an, Unternehmer und Eisenbahn wurden zu wichtigen Arbeitgebern. Sogar der alte Kaiser Franz Joseph I. reiste oft per Bahn an. Weiter ging es dann per Kutsche nach Wallsee, wenn er seine Lieblingstochter Valerie besuchte, die durch ihre Heirat im örtlichen Habsburger-Schloss lebte.

Das Mostviertel

©Niederösterreich Werbung/ Robert Herbst

Gleich hinter den Amstettner Stadtgrenzen taucht man dann direkt ins Zentrum des Mostviertels ein. Geografisch wird das südwestliche Viertel Niederösterreichs zwar großzügiger angelegt: über die Voralpen der Bezirke Scheibbs, Melk bis nach Lilienfeld. Mild mit den sanften Hügeln im Westen und wild mit bereits alpinem Charakter rund um den Ötscher im Süden vereint der Landstrich beides. Doch für die Birnbaumblüte hat bereits der Bezirk Amstetten viel Sehens- und Wissenswertes zu bieten.

Etwa, dass die Birnbaumzeilen, die der Kaiser einst auf seinem Weg passierte, den Habsburgern zu verdanken sind. Maria Theresia forcierte im 18. Jahrhundert das Pflanzen der Bäume, auch unter ihrem Sohn Joseph II. gab es Prämien dafür. Und mit den üppig gedeihenden Früchten entwickelte sich durch die Mostproduktion im 19. Jahrhundert ein florierender Wirtschaftszweig. Bis nach Wien lieferten die Mostviertler Bauern das alkoholische Getränk, und erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Niedergang. Diese Geschichte ist allerorten zu sehen, nicht nur anhand der Birnbäume. Auch die mächtigen Vierkanthöfe, die wie kleine Burgen inmitten von Feldern und grünen Wiesen auf Hügeln thronen, zeugen davon. "Diese Häuser hat der Most gebaut", lautet ein alter Mostviertler Spruch.

Kuriose Fakten übers Mostviertel: Wussten Sie, dass...

... das Mostviertel das größte zusammenhängende Birnbaumgebiet auf Streuobstwiesen in ganz Mitteleuropa ist?
 es sogar "Einzelbaumabfüllungen" gibt? Peter Haselberger, Mostbauer und zertifizierter Mostsommelier aus St. Valentin, produziert diesen aus Früchten eines 160 Jahre alten Birnbaums der  Sorte Grüne Pichlbirne.
... nur 20–30 Sorten der 300 hier bekannten für Most geeignet sind? 

Reinsortige Birnenmoste sind einzigartig

Seit den 1990er-Jahren wendeten sich immer mehr Landwirte wieder diesem alkoholischen Getränk zu. Reinsortige Birnenmoste gelten als einzigartig in Europa. Am Hof von Anton Distelberger erfährt man einiges darüber: Dass die Schweizer Wasserbirne zum Beispiel milde und süßliche Moste ergibt, während jene der Speckbirne fruchtig schmecken und die Grüne Pichlbirn einen besonders kräftigen Charakter haben. Auch die bäuerliche Lebensweise früherer Jahrhunderte lässt sich hier am 900 Jahre alten Hof in Gigerreith bei Amstetten erkunden. 18.000 Stücke – von Arbeits- und Haushaltsgeräten über Möbel bis zu einer original wiederaufgebauten, ländlichen Greißlerei hat Distelbergers Vater über Jahrzehnte zusammengetragen.

Höchste Zeit ist es jetzt, noch tiefer in die Landschaft einzutauchen – und dafür muss man in die Höhe. Da kommt man am Sonntagberg nicht vorbei. Er rückt auf den Touren durchs Land immer wieder ins Bild. Vor allem ist es die Basilika, die weithin sichtbar eine eindrucksvolle Landmarke abgibt. Und zahlreiche Wege führen genau hierhin. Schon seit dem 15. Jahrhundert ist der Berg eine Anlaufstelle für Pilger. Die Basilika ist der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht und zählt mit Mariazell und Maria Taferl an der Donau zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten Ostösterreichs.

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Barocke Pracht am Sonntagberg

Der heutige Bau wurde von den berühmten Barockbaumeistern Jakob Prandtauer und Josef Munggenast gestaltet. Auch ohne den geistlichen Hintergrund beeindruckt die Architektur – und die Erhabenheit der umliegenden Landschaft. Der Blick reicht fast über das gesamte Mostviertler Kernland, im Süden bis in die Voralpen und im Norden bei gutem Wetter weit über die Donau hinaus. Einblicke ganz anderer Art liefert die Schatzkammer hinter dem Hochaltar, wo unter anderem die Votivgaben verwahrt werden. Ungewöhnlich anmutend sind manche, zeugen jedoch von den Sorgen und Nöten, aber auch dem Dank von Gläubigen, die hier ihre Anliegen seit 400 Jahren deponierten. Darüber lässt es sich gut nachsinnen, auf dem Weg den Berg hinunter und zurück in die Gegenwart.

Waidhofen an der Ybbs in Lower Austria, Mostviertel

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Die Stadt der Türme liegt am Fluss

In Waidhofen an der Ybbs, der Stadt am Ybbsfluss mit ihren vielen Türmen, zeigt das westliche Mostviertel erneut ein anderes Gesicht. Das malerische Städtchen mit seinen Kopfsteinpflastern und stolzen Bürgerhäusern verweist auf eine weitere Spezialität des Mostviertels – Eisenverarbeitung und Wasserkraft. Direkt führten die alten Transport- und Handelsrouten aus den steirischen Erzabbaugebieten entlang der alten Eisenstraße und im Wasser der Ybbs, an der zahlreiche eisenverarbeitende Betriebe siedelten. Diese Tradition und ihre Lage als Handelsknotenpunkt machte Waidhofen schon im Mittelalter reich und die Stadt hat sich viel von ihrem alten Charme bewahrt.

Die einstige Aufregung um den Glaskubus, den Hans Hollein 2007 als moderne Spitze auf den Turm des einstigen Rothschildschlosses platzierte, hat sich längst gelegt, heute gehört der durchsichtige Aussichtspunkt zum Stadtbild. Schön lässt es sich durch die Altstadt flanieren, die Geschichte in einem der vielen Museen erfahren und auf einem Spaziergang entlang dem idyllischen Ybbsufer die Gedanken treiben lassen. Das macht mitunter hungrig, man hat wahrlich die Qual der Wahl. Schließlich ist man im Mostviertel, und ein alter Spruch besagt: "Zum guadn Most a guade Kost".

Stift Seitenstetten: Der "Vierkanter Gottes" verfügt über einen historischen Hofgarten

©Mostviertel Tourismus, schwarz-koenig.at

Wo Mönche erstmals Erdäpfel pflanzten

Beginnen sollte man die kulinarische Erkundung aber an einem dafür auf den ersten Blick untypischen Ort – im Stift Seitenstetten. Dem markanten "Vierkanter Gottes", wie das ähnlich einem typischen Mostviertler Bauernhof angelegte Benediktinerkloster gern genannt wird. Im eindrucksvollen Meierhof des Stifts wurde tatsächlich bis in die 1970er-Jahre regionstypisch Landwirtschaft betrieben.

Pionierarbeit leisteten die Mönche ebenfalls: Im Stift Seitenstetten wurden im Jahr 1621 erstmals in Niederösterreich Erdäpfel angebaut, und auch eines der ersten Rezepte für Erdäpfelsalat schrieb der damalige Abt in seiner Dokumentation der Pflanzungen nieder. Vielleicht wuchsen die ersten Pflänzchen damals sogar im historischen Hofgarten. Wunderbar revitalisiert, zeigt er jetzt Naturgeschichte des Klosters im Wandel der Jahrhunderte und Jahreszeiten, vom Kräutergarten, über den lieblichen Rosengarten bis zum englischen oder barocken Landschaftsgarten und ein typischer Bauerngarten, wie ihn die Bäuerinnen bis in die Gegenwart zur Eigenversorgung hegen.

Zur guad'n Kost an guad'n Most, sagt man im Mostivertel

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Schofkas, Mostbratl und Mostpudding genießen

Doch nun knurrt wirklich schon der Magen. Da schaffen die zahlreichen Mostheurigen, sozusagen die Buschenschanken des Mostviertels, entlang der Ausflugsrouten und Wege durchaus Abhilfe: vom frischen "Schofkas mit Schnittlauch" über die deftige Brettljause bis zum traditionellen Mostpudding. Unter letzterem versteht man einen Kuchen aus Sandmasse, der in gekühltem, gesüßtem und gewürztem Most getränkt ist. Ein Schmaus, der sich lohnt.

Wem mehr nach warmer Gasthausküche ist, der wird ebenfalls fündig werden, Most findet sich da öfters in den Zutatenlisten, in einem Mostbratl etwa. Mit dem passenden Most im Glas dazu schmeckt’s dann gleich noch besser. Wobei man gerade beim Trinken leicht ins Fettnäpfchen treten kann, denn es gibt eigene Regeln. Statt dem andernorts üblichen "Prost" wünscht man sich beim Anstoßen "G’sundheit". Das Gegenüber antwortet mit "Sollst leb'n".

Ich packe in meinen Koffer....

...  einen Feldstecher, um an den zahlreichen Aussichtspunkten den richtigen Fernblick zu haben. 
… ein Wörterbuch des Mostviertler Dialekts. "Mostviertlerisch" von Hubert Bruckner (Krenn Verlag, 25,50 €), erscheint am 6. April in einer Neuauflage.
... einen Rucksack für Schmankerleinkäufe unterwegs. 

Ingrid Teufl

Über Ingrid Teufl

Redakteurin im Ressort Lebensart. Gesundheit, Wellness, Lifestyle, Genuss. Seit 1997 beim KURIER, Studium Geschichte/Publizistik, Germanistik, Politikwissenschaften [Mag.phil.] Mag Menschen, Landschaften und Dinge, die gut tun, gut schmecken, gut riechen, neu sind.....und darüber schreiben.

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