Südbahnhotel
Weekender

Kurzurlaub am Semmering in alter Frische

Lange war Region vergessen, seit geraumer Zeit ist sie wieder angesagt. Warum das so ist, und was man hier alles vorhat.

Überblick

Beste Reisezeit

Juni bis August

Einwohner

537 

Höhe

950 m

Der Zug zuckelt über kurvige Viadukte, in der Ferne blitzen die Türmchen der Villen und des Südbahnhotels hinter den Bäumen hervor. „In wenigen Minuten erreichen wir Semmering. Überlegen Sie es sich gut, ob Sie hier aussteigen wollen. In der nächsten Stunde gibt es keine Verbindung“, tönt die Stimme des Schaffners durch die Lautsprecher. Keine Frage; auf jeden Fall aussteigen.

Womit der Zugbegleiter aber recht hat: Eine Stunde ist zu wenig. Wer will, kann hier vorzüglich beim Anblick der mondänen Bauten in Nostalgie schwelgen. Wer etwas für die Gesundheit tun will, wandert, wer es rasanter will, fährt Mountainbike. Und das sind einige: Ältere Menschen mit Rucksäcken sowie festem Schuhwerk und jüngere mit robusten Rädern verlassen die Waggons.

Neue Sommerfrische

Die Luft auf über 900 Metern Seehöhe ist klar, die Temperaturen sind niedriger als in Wien, das wir vor etwas mehr als einer Stunde verlassen haben. Die Atmosphäre ist schon ein wenig mystisch: Die umgebenden Felsen und Hügeln, die Wolken, die manchmal aufziehen, die alten Häuser, die Stille. Das lockt an. Und zwar immer mehr Menschen.

Nachdem die Ostösterreicher, bis auf einige Skifahrer, lange Jahre auf den Semmering vergessen hatten, ist die Region in den Wiener Alpen seit geraumer Zeit wieder schwer en vogue. Kommt ein Haus auf den Markt, ist es schnell wieder weg.

Mystisch: Das Wort fällt vielen ein, wenn die Wolken über die Hügeln am Semmering kriechen.

©Kurier/Gilbert Novy

Die Klimakrise und auch Corona haben den Ort in die Erinnerung zurückgerufen. „Nachdem die Zahl der Hitzetage steigt, schätzt man angenehme Temperaturen. Sommerfrische wird wieder modern“, sagt Bürgermeister Hermann Doppelreiter. „Es kommen gerade viele junge Menschen, viele Familien.“ Man sei von Wien eben schnell da. Mit dem Auto oder mit der Eisenbahn.

Zu steil für Lokomotiven

Seit 1854 halten die Züge hier. Die Gleise auf der heutigen Weltkulturerbe-Strecke waren verlegt, bevor es eine Dampflokomotive gab, die über diese Steigung fahren konnte. Die Südbahngesellschaft rief einen Wettbewerb aus: Wer kann eine Lok bauen, die es bis hier herauf schafft? Als das erledigt war, kam in die Gegend alles, was in der K.-u.-k.-Monarchie Rang und Namen hatte: Adelige, die Bourgeoisie, die Künstler. Arthur Schnitzler, Peter Altenberg, Stefan Zweig. Gustav Mahler kaufte einen Grund, nach seinem Tod ließ sein Frau Alma ein Ferienhaus errichten, wo ihr Geliebter Oskar Kokoschka ein großes Fresko über den Kamin malte, und es zu vertrackten Situationen mit Franz Werfel oder Walter Gropius kam.

Jahrhundertwende-Atmosphäre versprüht die Wetterstation auf der Hochstraße. 

©Kurier/Gilbert Novy

Wer etwas auf sich hielt, spielte am ersten Golfplatz Österreichs oder flanierte auf dem „Corso“ Hochstraße zwischen dem Hotel Panhans und dem Südbahnhotel. Kulturmenschen stiegen gerne abwechselnd in einem der Häuser ab. „Immer da, wo man sie gerade durchgefüttert hat“, erklärt ein Einheimischer lakonisch.

Plakate von früher im Südbahnhotel Semmering.

©Kurier/Gilbert Novy

Das mächtige späthistoristische Südbahnhotel mit seiner markanten Dachlandschaft, das in den 1970ern die letzten Gäste beherbergte, ist wohl auch dafür verantwortlich, dass der Semmering gerade wieder angesagt ist. Oder genauer: der „Kultur.Sommer“, der die Prunkräume des ehemaligen Grand Hotels bespielt. Von Anfang Juli bis Anfang September lesen Prominente aus der Kunstwelt aus – vorwiegend altösterreichischen – literarischen Werken und geben Konzerte.

Wer noch mehr von der Welt von gestern haben will, speist beim „Menu à la Belle Époque“, bei dem Haubenköche auf eine kulinarische Entdeckungsreise entlang der historischen Südbahnstrecke – von Wien bis an die Adria – einladen. Dazu gibt es einen Sektempfang auf der Terrasse. Blick ins Tal inklusive.

Im Ballsaal des Südbahnhotels dinieren die Gäste während des „Kultur.Sommers“ beim  „Menu à la Belle Époque“. 

©Kurier/Gilbert Novy

Einst zelebrierte das Haus verschwenderischen Luxus. Während anderswo Krisen grassierten, baute man am „Schlemmering“ vor dem 1. Weltkrieg und in den 1930ern aus und ließ es krachen. Versorgungszüge mit Champagner und Heizmaterial fuhren aus Wien durch arme Arbeiterbezirke auf den Berg – einige kamen nicht an, weil sie ausgeraubt wurden.

Ich packe in meinen Koffer…

… Arthur Schnitzlers „Das weite Land“. Den Portier Rosenstock aus dem Drama gab es wirklich – er arbeitete im Südbahnhotel und hieß Karl Rosenbaum.

… wetterfeste Kleidung und Wanderschuhe fürs Marschieren durch die Gegend. 

… alles, nur keinen Stress. Hier in der Region ist es ruhig, die Luft ist gut. Entspannen Sie sich einfach.

„Eine Zeitkapsel“, nennt Edgar Bauer das Haus, das er verwaltet und für das er neue Eigentümer sucht. Interessenten gibt es immer wieder. Zwischenzeitlich dient das vormalige Hotel auch als Film- und Fotokulisse. Gucci hat hier für eine Kampagne geschossen. Zuletzt wurde für die Verfilmung der Schachnovelle von Stefan Zweig gedreht, die Ende September ins Kino kommen soll. Sollte es verkauft werden, sei eine Ausweitung von Veranstaltungen möglich. „Wir wollen das in der Zwischennutzung ganzjährig mit Kunst und Kultur bespielen.“

Mehr Betten

Dass sich in den alten Gemäuern hoteltechnisch etwas tut, darauf hofft man in der Region. Die Zahl der Zimmer kann mit dem Boom nicht mehr mithalten. „Es braucht keine neuen Hotels, es würde reichen, wenn die alten wieder revitalisiert würden“, meint Ortschef Doppelreiter.In fünf Jahren soll zumindest das Kurhaus, eine weitere verlassene Institution, Abhilfe schaffen. Der Grazer Hotelier Florian Weitzer, der unter anderem in Wien erfolgreich das Hotel Grand Ferdinand mit dem Schnitzelpalast Meissl & Schadn führt, hat es 2019 gekauft und will es neu beleben.

Hotelier Florian Weitzer hat sich das leer stehende Kurhaus gekauft. In fünf Jahren soll es  aufsperren. Was  er vorhat, weiß er noch nicht konkret. Aber es soll „eine  Erlebniswelt  mit Genuss und Kultur“ sein.

©schalk&schrotthofer// Weitzer

Er hat sich  am Anfang eher ins Gebäude verliebt,  erzählt er, als er durch das Haus führt, wo in der  Lobby noch ein paar verstaubte Fauteuils stehen.  „Ich bin Grazer, für uns ist der Semmering nicht so wie für Wiener, die darauf stehen.“ Mittlerweile ist er aber  von der Gegend begeistert. Von  den Panoramafenstern   steigt der Blick zum vertikal aufgebauten Ort hinauf. Weiter unten fährt ein Zug am kleinen Bahnhof Wolfsbergkogel vorbei.

Weniger begeistert ist er über Fragen nach dem Investitionsvolumen. Die nerven ihn. „Wir sind  gerade beim Sammeln von Ideen.“ Und derer gibt es viele. Aufblühen solle das Haus. „Das ist ja  in meinem Namen. Floreo –  aufblühen.“ Jedenfalls solle es weder Mainstream, aber auch nicht elitär und teuer sein.

Die Lobby des Kurhaus Semmering

©Renate Schwarzmüller/Weitzer

„Grand Hotel heißt nur, dass es ein großes Hotel ist“, wirft sein Geschäftsführer Michael Pfaller ein. „Es wird was Großartiges, das sich viele nicht vorstellen können.“ Das wirkt alles noch etwas  mystisch. Wie die Gegend. So viel sei verraten: Es werde „eine vielschichtige Erlebniswelt  mit Genuss und Kultur“. Gegessen wurde hier ja immer schon gern. Etwa die Kurhaustorte mit vielen Schichten. Die gibt es heute im Restaurant Der Löffler (wie auch  Salzburger Nockerln), wo man sie nach altem Rezept bäckt.

Bahn und Sport

Hinter dem Kurhaus liegt der „20-Schilling-Blick“. Der Platz bietet eine Aussicht auf das 184 Meter lange und 46 Meter hohe „Kalte Rinne“-Viadukt, das auf der Rückseite der vorletzten Ausgabe der 20-Schilling-Note zu sehen war. Hier geht der Bahnwanderweg vorbei, der vom Bahnhof Semmering bis nach Gloggnitz führt. Infotafeln mit  QR-Code warten mit Geschichten zu der von Carl Ritter von Ghega erbauten Strecke auf.

Der 20-Schilling-Blick: Vom Aussichtsplatz sieht man auf das 184 Meter lange und 46 Meter hohe „Kalte Rinne“-Viadukt.

©Kurier/Gilbert Novy

Das Mondäne, das Sommerfrischige, die Bahn, das ist die eine Seite des Semmerings. Die andere  ist das Sportliche. Beim Lift zum Hirschenkogel schlängelt sich eine steile Downhill-Mountainbike-Strecke hinab. Die wagemutigen – standesgemäß mit Trikots und Visier-Helm gekleidet – springen über Hügeln. Der Bikepark gilt als fordernd. Wer es weniger gefährlich mag, kann mit dreirädrigen Mountaincarts  oder Monsterrollern gemächlichere Strecken fahren. Mountainbikes (auch mit Elektroantrieb) für Radtouren gibt es zum Ausleihen. Im Herbst soll am Hirschenkogel ein 3.000 Quadratmeter großer Waldseilgarten dazukommen.

Entlang der Lifttrasse geht eine rasante Mountainbike-Strecke den Berg hinab.

©Kurier/Gilbert Novy

Es ist nicht das größte Projekt, das in der Region ansteht. Läuft alles nach Plan, ist 2028 der Semmering-Basistunnel fertig. Schnelle Züge werden dann unten durchrauschen. Aber immerhin sollen mehr Regionalzüge auf der alten Strecke  Besucher hier heraufbringen. Dann wird auf jeden Fall durchgesagt: „Semmering, bitte aussteigen!“

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle - also den schönen Dingen im Leben - befassen. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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