Schildkröten retten auf den Kapverden: Die Brandung des Atlantiks

Die kapverdische Insel Sal ist mit 350 Sonnentagen ein Touristenmagnet – gleichzeitig zieht sie eine gefährdete Schildkrötenart an.

Lena tanzt unter dem Sternenzelt im Sand. Vor dem rauschenden Atlantik schwingt sie mit ihren Füßen Wellen in den Strand, sie formen ein Muster wie das der Milchstraße, die sich über der jungen Frau abzeichnet. Lena Matsuda und ihre Kollegen vom Project Biodiversity feiern leise, gerade haben sie auf dem Kite Beach der kapverdischen Insel Sal eine Unechte Karettschildkröte beim Eierlegen beobachtet, sie gechippt und sicher zurück in den Atlantik geleitet.

Lenas Choreografie vervollständigt das Ritual der Schildkröten-Helfer beim Geburtsvorgang – ihre Sandwellen verbergen die vergrabenen Eier und die Spuren der Schildkröte vor Wilderern, Eierdieben, streunenden Hunden und Touristengruppen. Die gefährdeten Meeresschildkröten, die auf Sal ihre Eier legen, tun das seit Generationen.

Rückkehr zur kapverdischen Insel Sal

Sie werden hier geboren und die Weibchen kehren nach ihrer Geschlechtsreife zurück in die Gegend, in der sie geschlüpft sind, um selbst Eier zu legen. Zwischen zwanzig und dreißig Jahre dauert es, bis sie zum ersten Mal an ihren Geburtsort zurückkehren, um so wie die Schildkröte, die Lena begleitet hat, etwa achtzig Eier zu legen.

Lena von Project Biodiversity hält Eimer mit Babyschildkröten

Lena hilft beim Ausgraben neugeborener Schildkröten

©Sophie Neu

Jede Nacht begleiten freiwillige Helfer Schildkröten bei ihrer anstrengenden Reise an Land. Die Konditionen müssen für die werdende Mutter stimmen, damit sie sich nachts aus dem Wasser an Land traut. Bemerkt sie Lärm, Bewegung oder Licht, macht sie kehrt und robbt mit ihren Flossen ihren bis zu einhundert Kilogramm schweren und ungefähr achtzig Zentimeter langen Körper im Eiltempo zurück ins Meer.

Project Biodiversity begleitet die Schildkröten auf Sal

Ein kräftezehrender Prozess, der sie zusätzlich zu den bis zu fünf Eiablagen in einer Saison schwächt. Die Unterbrechungen kommen häufig vor. Auch in dieser Nacht erspähen Lenas Helfer herannahende Scheinwerfer am anderen Ende des Strandes. Nachts bringen Busse den Sand zum Vibrieren, sie transportieren Scharen von Touristen, die einen Blick auf die Eier legenden Schildkröten erhaschen wollen. Wie man sich in der Nähe der Tiere verhalten sollte, wissen die wenigsten Tourleiter.

Störungen dieser Art sind zwar eine Bedrohung für die Tiere. Gefährlicher sind aber Wilderer, die Jagd auf die Eier und Schildkröten machen. Das Fleisch wird – obwohl es seit 2005 verboten ist – immer noch von manchen auf der Insel gegessen. Deswegen patrouillieren Lena und das gesamte Team von Project Biodiversity jede Nacht während der Eierlegphase und lassen ihre Rotlicht-Drohne über dem Strand leise dahinsurren. Auf helles Licht verzichten sie, um die Schildkröten nicht zu stören. Lena ist daher ohne Taschenlampe unterwegs. „Nach einer Weile gewöhnen sich die Augen an das Mondlicht, dann reicht das aus“, erklärt die Tierschützerin. Auch in ihrem Hauptcamp auf dem Kite Beach herrscht nachts Finsternis.

Lenas Hand geleitet die Babyschildkröten zum Atlantik

Lena hilft den Babyschildkröten auf den Weg

©Sophie Neu

Die Lichter von Santa Maria

„Die Schildkröten sind sehr lichtempfindlich“, sagt Lena über das Rauschen des Atlantiks hinweg, während sie barfuß dem schmalen Algenteppich der Brandungslinie folgt. In der Nacht orientieren sich die Tiere nach dem Eierlegen an der hellsten Lichtquelle und folgen ihr. „Früher führte sie das zurück ins Meer, sie orientierten sich am Mond und der Gischt“, erklärt Lena, „jetzt finden wir Schildkröten, die auf dem Weg ins Landesinnere sind.“

Sie deutet mit ihrer Hand auf die Hunderten Lichtpunkte der Straßenlaternen, Häuser und Hotels von Santa Maria, die hinter den alten Salinen der flachen Insel leuchten. Würden die Helfer die verirrten Schildkröten nicht abpassen und zum Meer lenken, würden die Tiere orientierungslos im Inselinneren verenden. Nicht nur die ausgewachsenen Tiere werden von der Lichtverschmutzung verwirrt, auch die frisch geschlüpften Baby-Schildkröten werden von Santa Marias Leuchten in die Irre geführt.

Eine Show für Sals Touristen

Deswegen halten die freiwilligen Helfer bei ihren Patrouillen die Augen nach frischen Nestern offen. „Man erkennt sie an den Schleifspuren, die zu ihnen führen“, flüstert Lena, als sie an einer potenziellen Spur in die Hocke geht, um keine Schildkröten zu verschrecken. Fehlalarm. Lena klopft sich den Sand von den Knien.

Stoßen sie und ihre Kollegen auf Nester, von denen aus die frisch geschlüpften Tiere künstliches Licht sehen würden, graben sie sie vorsichtig aus. Sie legen die ledrigen, tennisballgroßen Eier sanft in Eimer und bringen sie zu ihren „Hatcheries“. In den überwachten Brutstätten reifen die Eier fünfzig bis sechzig Tage im warmen Sand vergraben heran.

Hier wird die Arbeit des Project Biodiversity zur Show für Touristen. Direkt vor einem der zahlreichen Hotels nahe der Dünen von Sal steht die meistbesuchte Brutstätte des Projekts. Täglich reihen sich während der Brutsaison Neugierige an den Holzzäunen des Schildkröten-Kindergartens, um den Freiwilligen beim Ausgraben der Nester zuzuschauen.

Freiwillige Helfer von Project Biodiversity graben Babyschildkröten aus  ihren Nestern in der Brutstätte

Helfer von Project Biodiversity graben Nester in der Hatchery aus

©Sophie Neu

Die meisten Schildkröten-Babys schlüpfen nachts, nicht alle haben die Kraft, sich aus eigener Kraft aus dem Nest zu wühlen. Die Helfer schälen sie aus ihren Schalen und heben sie sanft in Eimer, um sie bei Sonnenuntergang freizusetzen. Die Winzlinge ernten bei einer Ehrenrunde an den Zuschauern am Zaun vorbei hingerissene Ahs und Ohs.

Lena und ihre Helfer sind am Ende ihrer Patrouille auf dem Kite Beach angekommen und kehren zur Brutstätte von Kite Beach zurück. Dort wartet ein Eimer frisch geschlüpfter Schildkröten. Die winzigen Wesen kriechen ungeduldig übereinander – ihr Instinkt treibt sie ins Meer. Lena greift sich den Eimer und bringt ihn bis einige Meter vor die Brandung. Langsam kippt sie ihn um und das Gekrabbele geht los. Die Schildkröten kämpfen sich durch den schweren, feuchten Sand ihren Weg ins Meer. „Nur eine von tausend wird es hierher zurückschaffen“, erklärt Lena leise, während sie den neugeborenen Tieren dabei zuschaut, wie sie in der Brandung des Atlantiks verschwinden.

Pool mit Blick auf den Atlantik auf Sal

Pool mit Meerblick in Santa Maria

©Sophie Neu

Infos und Tipps für die Reise nach Sal

Anreise nach Sal
TAP Air Portugal bietet via Lissabon Flüge nach Sal an; Co2-Kompensation via atmosfair.de: 64 €

Unterkunft
Robinson Cabo Verde: All-inclusive-Klub bei Santa Maria, einen Spaziergang von der Hatchery des Project Biodiversity entfernt; 7 N p. P. ab 1.495 € inkl. Flug

Beste Reisezeit
Auf der kapverdischen Insel Sal herrschen ganzjährig 20 bis 30 Grad,
Perfekte Reisezeit für einen Badeurlaub auf Sal ist zwischen März und August sowie Oktober und Dezember.
Die beste Zeit, um Schildkröten beim Schlüpfen zu beobachten ist von September bis November.
Sollte in den Koffer: Insektenschutzmittel.  

Project Biodiversity
Die NGO Project Biodiversity auf Sal zählt zu den drei von der Tui Care Foundation geförderten Schildkrötenrettungsprogrammen und betreibt noch weitere Umweltschutzprojekte auf der kapverdischen Insel. Wer helfen will, adoptiert eine Schildkröte oder ein Nest. Freiwillige Helfer werden immer gesucht (Achtung: körperlich fordernd). 

Über Sophie Neu

Sophie Neu ist seit 2022 beim Kurier und schreibt für das Ressort Reise.

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