Weekender

Mediterranes Ljubljana: Eine Stadt zum Verlieben

Bernhard Praschl

von Bernhard Praschl

Klein, aber oho: Die Hauptstadt unserer Nachbarn punktet mit einem großen Angebot an Kultur und Genuss.

Überblick

Einwohner

ca. 284.400

Währung

Euro (€)

Beste Reisezeit

April bis September

Das Gute liegt manchmal zu nah, zumindest so nah, dass es beinahe übersehen wird. Ljubljana etwa. Die slowenische Hauptstadt ist nur knapp vier Autostunden von Wien sowie zwei von Graz entfernt. Und was machen Ferienhungrige, die es in den Süden zieht? Sie rasen ohne Zwischenstopp durch bis zum Meer, vorbei an diesem herrlichen Mix aus Barock- und Jugendstilfassaden, vor denen Stand-up-Paddler auf dem Flüsschen Ljubljanica cruisen und nach einem anschließenden Sommerdrink lechzen. 

Dolce Vita im Herzen von Slowenien? So ist es. Jeder Quadratmeter dieser vor fünf Jahren als „Green City“ ausgezeichneten Stadt atmet mediterranes Lebensgefühl

Im Herzen autofrei, ist die 300.000-Einwohner-Metropole ein Paradies für Flaneure und Freigeister (der Philosoph Slavoj Žižek ist etwa ein Sohn dieser Stadt). Und für Genießer.

Gerade erst mutierte der zentrale Marktplatz erneut zum freitäglichen Street-Food-Festival. An die 50 Köche präsentieren hier unter dem Stichwort "Odprta Kuhna/Open Kitchen" ihre Spezialitäten. Wovon man naschen sollte: Natürlich von den besten Ćevapčići zwischen den Alpen und der Adria, von Wildkräutern und extrafrischem Gemüse aus der Umgebung und auch von dem ein oder anderen Kult-Burger mit Namen „Dirty Mac“ oder „Fatboy  Slim“.

Fine Dining auf der Straße

Um seiner Bezeichnung gerecht zu werden, wird dieser mit Erdnussbutter serviert. „Wir sehen uns als Mischung aus Street Food und Fine Dining“, sagt Til Pleterski, der vor einigen Jahren mit zwei Freunden die Fast-Food-Alternative Hood Burger gegründet hat. 

©www.slovenia.info/ Jost Gantar

Das Geschäft brummt, auch weil zwischendurch in oder vor dem Lokal Jazz- und Rockbands aufspielen. Und weil die Laufkundschaft spürt, dass das Personal mit der Seele dabei ist. Wie überhaupt Ljubljana ein richtiger Hotspot für Menschen mit großen Gefühlen ist.

Stadt der Liebe

Der Städtename Ljubljana klingt ähnlich wie das slowenische Wort „ljubljena“, auf Deutsch „Geliebte“. So überrascht es auch wenig, wenn man beim Altstadtbummel neben den auf Brückengeländern angebrachten Vorhängeschlössern auf zwei gute Bekannte trifft – Romeo und Julia.

Rund 350 Kilometer entfernt von Verona, wo sich die Romanze shakespeare’schen Ausmaßes zugetragen haben soll, begegnet man dem berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur in Form von zwei Lokalen, dem Café Romeo und dem Restaurant Julija. Beide liegen schräg vis-à-vis in der Stari trg und geben sich alle Mühe, den Gast zu beeindrucken.

Stari trg? Ja, zugegeben, Sprache und Schrift sind anfangs etwas schwer zu verdauen. Aber keine Panik, ab dem dritten Tag ist man voll dabei. Das Ganze bedeutet so viel wie „Alter Platz“, kommt hier aber alles andere als muffig daher.

©www.slovenia.info/Anze Krze

Lange nur Geheimtipp hat Ljubljana mittlerweile Prag den Rang als hippe Trendstadt abgeluchst. Von der Subkultur im alternativen, mit Street-Art üppig dekorierten Kulturzentrum Metelkova bis zum After-Hour-Cocktail auf dem fashionablen Skyscraper ist alles drin, was zum Flair einer Großstadt gehört. Dabei fühlt man sich inmitten der tadellos restaurierten alten Gemäuer fast wie in einem Puppenhaus. Alles so schön übersichtlich.

Wer es beim Städtetourismus gerne auch ein paar Nummern kleiner als Lissabon oder London liebt, wird begeistert sein. Ljubljana ist ein Erlebnis. Schon alleine, weil man von den Einheimischen so herzhaft und – sofern geimpft oder getestet – ohne jegliche Vorbehalte willkommen geheißen wird.

Vieles erinnert an ein vergangenes Österreich, besonders die Architektur. Jože Plečnik, der slowenische Schüler Otto Wagners, prägte das Stadtbild Ljubljanas von der Drillingsbrücke – auch „Drei Brücken“ genannt – über das Zentralstadion bis zu den  überdachten Marktplätzen neben der Ljubljanica, die sich durch die Altstadt schlängelt.

©Getty Images/RomanBabakin/iStockphoto

Grün ist die Hoffnung

Dabei sind es nicht so sehr Gebäude oder Monumente, die der Stadt eine außergewöhnliche Atmosphäre verleihen, sondern eine Farbe: Grün. Ljubljana besteht beinahe zur Hälfte aus Wiesen und Parks. Der größte von ihnen, der Tivoli-Park, eignet sich bestens für eine Pause zwischendurch.

Eine kleine Erholung ist auch nötig, denn selbst wenn die Ausmaße dieser Attraktion nicht überbordend sind, gibt es viel zu erleben. Seit Ljubljana vor fünf Jahren von Bristol den Titel der „Grünen Hauptstadt Europas“ übernommen hat, geht es überhaupt Schlag auf Schlag. Die Besucherzahlen haben rapide zugenommen, ebenso die Zahl der Sehenswürdigkeiten sowie jene der Sterne-Restaurants.

Kuriose Fakten

Wussten Sie, dass...

...in Drache das Maskottchen der Stadt ist? Erst wenn man sich mit einer der Figuren auf der Drachenbrücke fotografiert, heißt es, hat man Ljubljana wirklich besucht.

...Laibach, der deutsche Name, der Stadt, auch der Name der bekanntesten Rockband Ljubljanas ist. Ihre provokante Coverversion von Opus’ „Live is Life“ wurde als „Leben heißt Leben“ ebenso wie das Original ein (kleiner) Welthit.

...Paulo Coelho für „Veronika beschließt zu sterben“, seinen vielleicht romantischsten Roman, Ljubljana als Schauplatz wählte

Kavalier in Grün

Im Vorjahr gingen im gastronomischen Himmel Sloweniens die ersten Michelin-Sterne auf. Gleich mehrfach. Ist ja gut und schön, wenn auch Hauptstadt-Bewohner und Touristen beim Restaurantbesuch die Qual der Wahl haben. Die wahre Erneuerung der slowenischen Küche hin zum regionalen Slow Food aber ging von der Peripherie aus, etwa von engagierten Köchen im Richtung Adria gelegenen Vipava-Tal.

Hihi, was ist denn das, ein Golfwagerl mitten in der Stadt? Und mitfahren darf man auch, sehr freundlich. Ja, zum umweltfreundlichen Konzept Ljubljanas gehört, dass so genannte „Kavaliere“, kleine Fahrzeuge mit Elektroantrieb, parat stehen, wenn man in der Altstadt  einen kurzen Weg mobil erledigen möchte. Und das kostenlos.

©Getty Images/iStockphoto/YayaErnst/iStockphoto

So viel Innovation bleibt nicht unbemerkt. Schon 2013 wurde Ljubljana von der Europäischen Kommission mit dem Preis der Europäischen Mobilitätswoche ausgezeichnet, bereits zum zweiten Mal übrigens.

Apropos mobil. Als weitgehend autofreie Stadt wirkt Ljubljana tatsächlich wie eine „Stadt nach Maß des Menschen“. Bezüglich Bewegung ist das Fahrrad das Maß der Dinge. Und das schon seit jeher. Vor bald zwanzig Jahren machte nämlich ein Team von Archäologen im Laibacher Moor einen sensationellen Fund. Sie stießen auf Überreste eines Rades, das sich als weltweit ältestes Holzrad mit Achse entpuppte. Sein Alter wird auf 5.200 Jahre geschätzt.

Wesentlich neueren Datums hingegen ist der glückliche Zufall, dass mit dem amtierenden Tour-de-France-Gewinner Tadej Pogačar und dem  ehemaligen Skispringer Primož Roglič zwei Slowenen die aktuell erfolgreichsten Radprofis der Welt stellen.

Vorsicht, Schnittenalarm!

©Getty Images/iStockphoto/Buba1955/iStockphoto

Bei den Sportlern ist natürlich Low Carb angesagt. Leider. Alle anderen – und besonders Touristen – dürfen der heimlichen Leidenschaft der Ljubljaner frönen: dem Verschlingen von Kremšnita, von Cremeschnitten, in jeglicher Variante. Die besten soll es unweit der Drillingsbrücke geben, in der Konditorei Lolita.

©Visit Ljubljana

Ljubljana ist aber nicht nur süß. Man schätzt dort auch Deftiges, etwa die Musik der Art-Rock-Band Laibach.

 

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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