Hainburg liegt eingebettet zwischen Donau, Braunsberg und den Hainburger Bergen

Reise nach Hainburg - das Tor ins Mittelalter, eine Stunde von Wien

Die östlichste Stadt Österreichs fasziniert mit seinem reichen historischen Erbe - und bringt es Interessierten stilbewusst näher.

Sagt man Hainburg, ist die Reaktion darauf schnell und kurz: Au!

Tatsächlich war die Besetzung der Hainburger-Au gegen das geplante Donaukraftwerk im Dezember 1984, also vor exakt 40 Jahren, ein Schlüsselereignis im Umweltbewusstsein. Zweifellos ist es eines der demokratie- und umweltpolitisch bedeutsamsten Ereignisse in der Zweiten Republik. Die Au-Besetzung hat sich tief in das Gedächtnis der Österreicher eingebrannt.

Wer damals nicht live dabei war, hat die Wehrhaftigkeit der Besetzer, die in der Au bei eisigen Temperaturen ausgeharrt haben, um die Auffahrt der Baumaschinen und damit die Rodungen zu verhindern, im Fernsehen verfolgt. Oder hat durch Erzählungen und Berichte davon gehört. Hainburg ist jedenfalls vielen ein Begriff. 

Doch wer kennt das Städtchen an der slowakischen Grenze wirklich?

Mittelalter-Highlight: Eine der am besten erhaltenen Stadtbefestigungen Europas

Wer weiß, dass es ein mittelalterliches Kleinod ist, mit einer der am besten erhaltenen Stadtbefestigungen Europas? Wir waren in der östlichsten Stadt Österreichs auf Stippvisite und haben dort mit Riharc, dem Spielmann, eine hinreißende Zeitreise unternommen.

Rundgang

Gästebetreuung einmal anders:  Riharc, der eigentlich Florian Emberger heißt, gelernter Schauspieler und begnadeter Musiker ist, kommt in historischer Gewandung. Weißes Leinenhemd, rotes Gilet, rote Hose, rote Stiefel, die passenden Accessoires sind um- oder am Ledergürtel angehängt: Stofftasche, Trinkflasche aus Ton, Löffel aus Holz.

Angezogen wie ein Spielmann im Mittelalter, führt Gästebetreuer Riharc die Touristen durch Hainburg. 

©Puchwein Cordula

Am Revers und auf der grünen Filzkappe blitzen lustige Broschen. "Das sind Pilgerzeichen, wie sie einst für das fahrende Volk, zu denen die Spielleute gehört haben, typisch waren. Das hier ist zum Beispiel ein Engel mit Herz. Er begleitet mich immer und überall hin", erklärt Riharc. 

Heute begleiten auch wir ihn. Aber nicht ohne den wichtigsten Gegenstand, seinen Dudelsack, "eine spanische Gaita-Gallega. Das Instrument stammt aus Galizien und ist dort auch heute noch sehr beliebt", sagt Riharc. Wir staunen. Noch mehr, als der Spielmann Luft holt, die Pfeife ansetzt, lautstark zu spielen beginnt und uns zu verstehen gibt, ihm zu folgen. Der Dudelsackspieler voran, das Grüppchen Hainburg-Touristen hinterdrein.

Kleine Stadtchronologie

  • Erste Besiedlungen in der Keltenzeit am Braunsberg.
  • Kaiser Heinrich III. lässt ab 1050 auf dem Schlossberg die Heimenburg bauen.
  • 1108 kam die Burg in den Besitz der Babenberger. In der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde sie durch das Lösegeld für Richard Löwenherz erweitert. Ab 1220 bis 1225 wurde die Befestigungsanlage noch verstärkt, u. a. mit dem Wienertor.
  • Im Februar 1252 heiratete die Schwester des letzten Babenberger Herzogs Friedrich II., Margarethe von Babenberg, am Schlossberg den Markgrafen von Mähren, später König von Böhmen Ottokar
  • 1278 kam die Burg in den Besitz der Habsburger, 1629 dann in den Besitz der Stadt.
  • 1683 wurde im "zweiten osmanischen Feldzug" die Stadt, Befestigungs- und Burganlage arg beschädigt.
  • 1784 siedelte Joseph II. augrund des Tabakpatents eine Tabakmanufaktur an und begründet damit die Tabakverarbeitung in Hainburg (bis 2011).
  • Nach 1918, mit Ende des Ersten Weltkrieges, wurde Hainburg zur östlichsten Stadt Österreichs.

Die Assoziation mit dem legendären Rattenfänger kommt da recht schnell. Und ein wenig stimmt es ja auch. Riharc fängt uns tatsächlich ein, mit seinem Spiel, seinem profunden Wissen und den Geschichten zur Stadtgeschichte. 

Wir machen halt beim Fischertor. Dazu erfahren wir: Hainburg hat mit 2,5 Kilometern eine recht lange Stadtmauer. Am südlichen Ende der ringförmigen Stadtmauer erhebt sich der 290 Meter hohe Schlossberg. Von dort aus hat man einen super Blick auf die Stadt. Auch die Mauer macht mächtig Eindruck. Sie ist zwischen drei und fünf Meter dick und acht bis zehn Meter hoch. Dazu gesellen sich 15 nicht minder gewaltige Türme. Plus drei Stadttore: Ungartor, Wienertor und Fischertor. Letzteres ist das jüngste und kleinste unter den Stadttoren, fertiggestellt im 13. Jahrhundert. Das Fischertor war Schauplatz des grausamsten Massakers, das Hainburg je erlebt hat.

In Hainburg atmet jede Ecke, jedes Haus, jeder Platz Geschichte, wie hier das Fischertor

©MARTINA SIEBENHANDL

Tausende starben beim Fischertor

Riharc: "Auf ihrem Feldzug nach Wien haben die Osmanen in der Nacht von 11. auf 12. Juli 1683 die Wehranlagen von Hainburg überwunden. In der Stadt waren 4.000 Menschen, die innerhalb der Stadtmauern Schutz gesucht hatten."

Die Janitscharen, Elitetruppe der osmanischen Armee, haben dann in der ganzen Stadt Angst und Schrecken verbreitet, im Blutrausch getötet und gebrandschatzt. In ihrer Not liefen die Menschen hinunter in Richtung Donau, zum Fischertor. Der dortige Wärter hatte allerdings zu lange mit dem Öffnen der Tore gewartet. Fatalerweise sind diese nach innen aufgegangen. Da die Flüchtenden aber vehement dagegen drängten, konnten die Stadttore nicht geöffnet werden. Es kam zur Katastrophe.

Die Stadt brannte sieben Tage lang

Hunderte Menschen wurden totgetrampelt, den Rest besorgten die nachrückenden Janitscharen mit ihren Krummsäbeln. Es war ein furchtbares Gemetzel, die Stadt hat sieben Tage lang gebrannt und das hat beinahe den Exodus von Hainburg bedeutet. Riharc: "Von den rund 4.000 Menschen haben diese Nacht nur etwa 150 Menschen überlebt, der Rest ist zu Tode gekommen beziehungsweise in die Sklaverei verschleppt worden. Unter den wenigen Überlebenden war der Wagnermeister Thomas Haydn, Großvater des berühmten Joseph Haydn. Er ist später in Hainburg zur Schule gegangen."

Bewegt von dieser traurigen Geschichte wandern wir vom Fischertor hinauf in Richtung Hauptplatz. Hier machen wir bei der Mariensäule, einer der schönsten Rokokosäulen Niederösterreichs, Zwischenstation – gestiftet von der Witwe des Stadtrichters, Elisabeth Oppitz, anno 1749, nach einem beigelegten Erbstreit. Gleich daneben die Stadtpfarrkirche, deren Ursprung aus 1236 belegt ist. Um 1628 wurde sie als Philipp- und Jakobskirche zur Stadtpfarrkirche. Nach dem Brand durch den Türkensturm 1683 wurde sie, dann schon im barocken Stil, wieder errichtet.

Nobelpreisträger in der Kirche treffen

In der Kirche kann man die berühmte Haydn-Orgel bewundern und – Achtung, Insiderwissen – an manchen Sonntagen, mit etwas Glück, einen echten Nobelpreisträger treffen. Jon Fosse wurde 2023 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Der preisgekrönte Literat, verheiratet mit einer Slowakin, lebt seit gut seit zehn Jahren gelegentlich auch in Hainburg. Die Stadt und die Natur des nahen Nationalparks haben ihn zu seinem Hauptwerk "Heptalogie" inspiriert. Zu Ehren des berühmten Wahl-Hainburgers wurde erst in diesem Sommer am Donauufer, flankiert von alten Kastanienbäumen, ein Platz benannt, samt Informationsschild und Porträt des Literaten.

Von Schlossberg und Braunsberg aus hat man einen traumhaften Blick auf Hainburg.

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Joseph Haydn lernte in Hainburg

Apropos berühmt: Auch am Rathaus, dessen älteste Teile aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammen, hängt eine Tafel: in Erinnerung an Joseph Haydn, der in diesem Gebäude von 1737 bis 1740 zur Schule gegangen ist und wohl hier auch seinen ersten Musikunterricht erhalten hat.

Tore und Säulen

Begleitet von alten Melodien flanieren wir querfeldein durch Hainburg. Dabei machen wir auch einen Abstecher zum östlichen Ungartor. Das stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist somit der älteste Eingang zur Stadt. Etwa aus dieser Zeit ist auch der Theodorapalast. Reste des Adelshofes befinden sich nur wenige Gehminuten entfernt neben dem Halterturm. Der wiederum ist der höchste Turm der Befestigungsanlage.

Hereinspaziert! Hainburg, Stadt der Tore, heißt seine Besucher herzlich willkommen

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Über kleine beschauliche Gässchen geht es immer weiter und tiefer hinein ins Mittelalter. Auf der Freyung, ehemals Stadtplatz und ältester Teil der Altstadt, steht heute der alte Pranger. 1756 wurden an dieser "Schandsäule" Menschen zum letzten Mal öffentlich gedemütigt und bestraft. Mystisch wird es danach im Karner. Das Beinhaus im romanischen Baustil ist mit 1225 datiert, stammt also aus der mittelalterlichen Blütezeit Hainburgs. Im Untergeschoß des zweistöckigen Baus wurden einst die Gebeine des umliegenden Friedhofs gesammelt. Damit erklärt sich auch die zierliche, fast zehn Meter hohe "Ewige Lichtsäule" aus 1400, die hier einst mitten im ehemaligen Friedhof gestanden ist.

Mit beginnender Dämmerung wurde darin Kerzenlicht entzündet, um Wiedergänger, heute sagt man Zombies dazu, fernzuhalten. Davon und manch anderen Geschichten, die nicht in einem Reiseführer stehen, erzählen Riharc und all die anderen Gästebetreuer von Hainburg. Sie öffnen einem die Augen für die vielen versteckten Details, an denen man sonst vermutlich achtlos vorübergegangen wäre. Und sie sagen einem, wo man unbedingt noch hin muss.

Das Wienertor aus dem 13. Jhd. ist ein uneinnehmbares Bollwerk, heute befindet sich darin das Stadtmuseum. 

©MARTINA SIEBENHANDL

Hinauf auf die Burgruine Schlossberg zum Beispiel, oder auf die andere Seite der Stadt, zum Wienertor. Das kennt jeder, der schon mal in Hainburg mit dem Auto unterwegs war. Anhand einer Gegenverkehrsampel wälzt sich die Blechlawine hindurch, von Ost nach West, und umgekehrt. 

Unbezwingbares Wienertor

"Das Wienertor ist das größte mittelalterliche Stadttor Europas und beherbergt heute das Stadtmuseum. Der untere Teil des massiven Baus stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und wurde von den Babenbergern errichtet, der obere Teil aus 1267/68 ist Ottokar von Böhmen zu verdanken", erzählt Riharc gegen Ende der Tour über das massive Tor, das in der bewegten Geschichte der Stadt nicht einen Kratzer abbekommen hat. Es ist unbezwingbar.

Riharc, der Spielmann, erklärt die Stadt und trägt zwischendurch Musikstücke aus alter Zeit mit historischen Instrumenten vor, unter anderem mit dem Dudelsack

©STEVE HAIDER/www.steve.haider.co

Nur wir, die Hainburg-Erkunder, schwingen uns nochmals auf, schlüpfen durch die kleine Tür im Tordurchgang und "bezwingen" über steile Stufen, die zweifellos aus dem Mittelalter stammenden Turm. Und während wir dort oben nochmals in 7.000 Jahre lokale Geschichte eintauchen, hören wir unten auf der Straße wohlbekannte Dudelsackklänge. "Gehabt euch wohl" will uns der Spielmann damit sagen und zieht von dannen.

Von "Komm mit ins Mittelalter - eine Zeitreise" bis "Bei Vollmond durch die dunkle Mittelalterstadt": Es werden sechs verschiedene Stadtrundgänge angeboten.

Nach der Winterpause kann ab 14. März bis November jedes Wochenende gebucht werden. 

Hier geht's zu den Stadtrundgängen

Cordula Puchwein

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