Stefan Sagmeister über das Schöne in unschönen Zeiten
Ein Gespräch über Wahrnehmung und Realität, gesellschaftliche Veränderungen und darüber, warum Schönheit nicht im Auge des Betrachters liegt.
In New York City ist gerade die Mittagszeit angebrochen, als Stefan Sagmeister das Telefonat für unser Interview entgegennimmt. Eben erst kam er aus Mexico City zurück, wo er seine jüngste Bildserie präsentierte. Seine Stimme ist fröhlich und beschwingt, als hätte er das Thema Glück – das er im Fokus seiner Arbeit hat – auch selbst verinnerlicht.
Stefan Sagmeister: Das kommt auf den Blickwinkel an. Ich habe erkannt, dass mein Weltbild stark davon abhängt, ob ich die Welt kurzzeitig oder langfristig betrachte. Speziell durch die Digitalisierung hat sich die Zeit, in der Nachrichten vermittelt werden, enorm verkürzt. Früher gab es Almanache, dann kamen Monatsmagazine und Wochenzeitungen. Jetzt liefern Netzwerke wie Twitter rund um die Uhr Kurzzeit-Nachrichten. Als logische Konsequenz funktionieren in der kurzen Zeit fast nur negative Informationen, weil Skandale und Katastrophen sehr schnell passieren. Das Abbild davon sind Nachrichten-Websites, auf denen zu 90 Prozent negative Ereignisse dominieren. Man kann also den Eindruck haben, die Welt sei absolut schrecklich.
Doch, aber nur, wenn ich sie kurzzeitig betrachte. Schaut man sich aber die vergangenen 200 Jahre an, ist das Bild anders: Wie hat sich die Armut entwickelt? Wie die Brutalität? Wie viele sterben heute im Krieg, im Gegensatz zu vor 100 oder 200 Jahren? Wie entwickelte sich unser Gesundheitswesen, die Medizin? Sind wir heute gesünder oder weniger gesund als vor 200 Jahren? Zu all diesen Themen gibt es glaubwürdige Daten, die wissenschaftlich untersucht und von den United Nations abgesegnet wurden. Das Ergebnis: All diese Themen haben sich positiv entwickelt. Sieht man die Welt also langzeitig, sieht sie erstaunlich gut aus.
Schon, aber ich glaube, dass wir alle künftig wieder mehr langzeitig denken werden. Denn bei allen Entwicklungen gibt es Nebenwirkungen, die nicht vorhersehbar sind. Zu Beginn des Internets haben alle über die Möglichkeiten gestaunt, aber niemand dachte daran, dass es zu so einem Turbo-Tempo und einem Negativ-Überhang schneller Nachrichten kommen könnte, der uns alle logischerweise bedrückt und ängstigt.
Früher war nicht alles besser. Aber es war nicht so turbogeladen, weil die Nachrichtenspanne nicht so kurz war. Das ist auch heute noch so: Vergleiche ich die Wochenzeitung „Zeit“ mit der Tageszeitung „New York Times“ ist die „Zeit“ um einiges positiver. Und es geht auch nicht darum, wer oder was Schuld trägt. Alles ist das Resultat aus etwas, auch das Internet. Es geht vielmehr darum, negative Nebenwirkungen zu schlichten, wenn es möglich ist, abzustellen. Das geht beim Internet freilich nicht. Und selbst wenn, hätte auch das Abstellen wieder Nebenwirkungen. Insgesamt entsteht dadurch aber Fortschritt.
Das Aussterben der Artenvielfalt als Nebenwirkung der Industrialisierung. Die Ungleichheit als Nebenwirkung des Kapitalismus. Oder das Global Warming als Nebenwirkung unseres Energieverbrauchs. Als wir erkannten, dass Kohle so gut brennt und mehr Energie bringt als Holz, dachte niemand daran, dass das eines Tages zum Klimawandel führen kann. Wie denn auch?
Nehmen wir die Pandemie zum Beispiel: Zieht man nur die vergangenen drei Jahre in Betracht, sieht es katastrophal aus. Denkt man aber zurück an die Spanische Grippe, die zwischen 80 und 100 Millionen Menschen das Leben kostete, erkennt man: Covid hat bisher knapp sieben Millionen Menschen getötet, dennoch schrieben viele Medien davon, dass es so etwas bisher noch nicht gab. Das stimmt einfach nicht. Es war schon viel, viel, viel schlimmer. Und so ist es in vielen Dingen. Viele meiner Freunde in Polen und Österreich denken jetzt, der Krieg sei das Schlimmste, was passieren kann, und freilich: Ein Betroffener in der Ukraine kann jetzt nicht langzeitig denken. Nur: Wenn ich die letzten 300 Jahre in Europa anschaue, dann leben wir in den friedlichsten Zeiten. Mit dem israelischen Geschichtswissenschaftler Yuval Harari sprach ich einmal darüber, dass sich in Deutschland so viele aufregen, weil das Militärbudget auf fünf Prozent aufgestockt werden soll. Man kann es aber auch anders sehen: Es ist ein Luxus, dass man nur fünf Prozent für das Militär ausgeben muss. Im 17./ 18. Jahrhundert lag das Militärbudget bei 90 Prozent. Die übrigen zehn Prozent wurden von König und Hof verwendet, Sozialleistungen gab es keine. Null.
Nein, nur ich glaube, wenn wir soziale Veränderungen wollen und das wollen wir ja alle, ist es wahrscheinlicher, dass wir die erfolgreich bekommen, wenn wir nicht nur mit der Peitsche das Negative betrachten, sondern auch auf Dingen, die funktioniert haben, aufbauen. Und wenn's nur ist, dass wir uns die Frage stellen: Was waren denn die Gründe, dass wir diese soziale Verbesserung zustande bekommen haben?
Mit diesem Thema beschäftigen wir uns schon länger in Befragungen. Erstaunlicherweise sagten im Jahr 1990 noch die Hälfte der Amerikaner, dass Frauen zurück in die Küche sollen. Das hat sich rapide verändert, 2010 waren es nur noch 25 Prozent. Neuere Erhebungen gibt es noch nicht, aber ich bin davon überzeugt, dass diese Zahl in jüngster Zeit nochmals erheblich zurückgegangen ist. Das ist eine Veränderung, die zu einer Gleichheit führen wird. Wann das der Fall sein wird, lässt sich nicht vorhersagen, aber alle Kurven zeigen in diese Richtung.
Ich persönlich bin sehr zufrieden mit meinem Los. Und ich empfinde es positiv, dass sich die Welt in Richtung Gleichheit zwischen Mann und Frau entwickelt.
Als Kommunikationsdesigner fand ich das immer schon interessant und habe mir überlegt, wie so etwas gut kommuniziert werden kann. So entstand auch die jüngste Ausstellung in Mexiko zum Thema Langfrist-Denken. Ich verwende alte Gemälde und setze neue Formen ein, die wiederum zuerst eine abstrakte Anmutung haben, aber eigentlich Daten visualisieren.
Wenn Kunst es ermöglicht, dass man die Welt anders aber auch komplett sähe, wäre das Ziel erreicht. Im Kleinen mache ich das mit meiner Ausstellung. Schön wäre, wenn daraus resultierend ein größerer Impuls entsteht.
(lacht) Ja, der stammt aus meinem Tagebuch. Da schrieb ich immer rein, was ich glaubte, gelernt zu haben.
Wenn wir soziale Veränderungen wollen, ist es wahrscheinlicher, dass wir die bekommen, wenn wir nicht nur mit der Peitsche das Negative betrachten, sondern auf Dingen, die funktioniert haben, aufbauen.
Für mich schon.
Hm. (denkt nach) Gute Frage. Es gibt ja Leute, die behaupten, dass das Jammern ihnen guttut. Bei mir ist das nicht so. Aber der Spruch hat eben nicht für alle eine Wahrheit. Wir haben einmal Boards mit der Aufschrift gedruckt, die hat dann eine Bregenzer Fabrik gekauft und über den Eingang gehängt – das war mir nicht recht. Denn diese Leitsätze haben nur für mich Gültigkeit, ich beziehe sie nicht auf die Allgemeinheit. Beim Langzeitdenken hingegen sehe ich schon den Anspruch der gesamten Gesellschaft darauf.
Etwa, dass sich die Armut der Welt auf zehn Prozent gedrosselt hat. Vor 200 Jahren lebten Menschen in extremer Armut, Zahlen aus Frankreich zeigen: Man hatte dort damals dieselbe tägliche Kalorienanzahl wie in Ruanda 1980, das war noch vor rund 30 Jahren das unterernährteste Land der Welt. Diese Zahlen kommen aus den Vereinten Nationen.
Etwa jeden Abend vor dem Schlafengehen aufschreiben, was denn gelungen ist. Das können kleine Dinge sein, wie: Ich habe mich bei der Post in der schnellsten Schlange angestellt. Eine Untersuchung der Universität von Pennsylvania zeigt, dass das tatsächlich funktioniert. Ich habe das selbst über viele Jahre ausprobiert. Kleiner Aufwand, viel Effekt.
Ja, im Bauch. Freude geht immer vom Bauch aus. Wichtig ist, sich dieses erhebende Gefühl zu merken, vergleichbar etwa mit jenem, wenn man auf einem Berggipfel steht und die Aussicht sich zum ersten Mal vor einem ausbreitet. Es muss aber nicht nur in der Natur sein. Es entsteht auch in von Menschen wirklich gut gebauten Bauten – zum Beispiel in der großartigen gotischen Kathedrale in Mailand, wenn man den Weihrauch wahrnimmt und die Sonnenstrahlen durch die Fenster fallen.
Es gibt eine riesengroße, weltweite, durch die Kulturen hinweg existierende Übereinstimmung vom Begriff Schönheit. Vergleichen wir ein Diskont-Möbelhaus mit einer Kathedrale, wird sich die Mehrheit bei der Frage „Was ist schöner?“ immer für die Kathedrale aussprechen. Dazu gibt es Untersuchungen. Und ich selbst habe auch Tests gemacht, etwa zu Farben.
Es gibt eine Lieblingsfarbe der Welt, es ist Blau. Es gibt keine Kultur, in der das anders ist.
Ja, sie kommt bereits aus der Steinzeit und wir finden sie oft in der Natur, denken wir etwa an das blaue Meer und den blauen Himmel. Wir verbinden Blau mit Entspannung und Sicherheit, auch mit Wohlfühlen. Es gibt auch eine Lieblingsform der Welt: den Kreis. Egal welche Kultur befragt wird.
Braun. Ich habe viele Befragungen gemacht und die Resultate sind immer dieselben – von Reykjavik bis São Paulo, von Osaka bis Johannesburg.
Das weiß ich nicht, aber es ist eine gute Frage.
(überlegt länger) … Was den Lebenswert betrifft, funktioniert Österreich trotz allen Jammerns recht gut. Aber was die Kunst betrifft, bin ich enttäuscht. Verglichen mit der Schweiz hinkt man da hinterher, in der Architektur, im Design, in der Musik. Früher gab es Kruder & Dorfmeister, und natürlich Falco – heute leider nichts mehr von dieser Größe. In der Kunst kennt man noch Erwin Wurm und vielleicht ein paar andere – aber für das, wie Kultur in Österreich gefeiert und im Tourismus hochgelobt wird, ist der internationale Impact der zeitgenössischen Szene eher bescheiden.
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