Sing (nicht) meinen Song: Über Skandale der Musikbranche

Ein Streifzug durch die glitzernde Welt verbotener Küsse, geflashter Nippel und glatter Betrügereien.

Manches mag wohl abgewogenes Kalkül sein. Das sind dann die Skandale, die Schlagzeilen machen SOLLEN. Weil es für Stars, für manche zumindest, nichts Schlimmeres gibt, als eine Zeit lang nicht Gesprächsthema zu sein. Oder weil es eine CD zu promoten gilt, ein Konzert, einen Film. Weil so ein hübscher kleiner Skandal ganz einfach Publicity bringt. Oder glauben wir tatsächlich, dass Madonna vor 20 Jahren Britney Spears auf der MTV-Awards-Bühne aus einer spontanen  Anwandlung heraus geküsst hat? Wobei die Initiative tatsächlich von Britney ausging, wie sie in ihren eben erschienen Memoiren beschreibt. "Ich wollte einen ganz besonderen Moment kreieren“, sagt sie, und: "Der Kuss hat uns beide sehr viel Aufmerksamkeit beschert.“

Ein Jahr darauf mussten sich Janet Jackson und Justin Timberlake bei der Halbzeitshow des American-Football-Finales etwas einfallen lassen – und lieferten den Millionen willig entsetzten Zuschauern vor den Fernsehern "Nipplegate“. 

Noch ist der BH dran und das Piercing verborgen:   Justin Timberland & Janet Jackson. Ein Garderobefehler – echt jetzt?

©APA/AFP/JEFF HAYNES

Ein Fehler in Janets Garderobe, wie schnell entschuldigend behauptet wurde? Ja klar, und wie hätte es dann eigentlich ablaufen sollen, als Justin an ihrem BH anriss? Funfact nebenbei: Die Verkaufszahlen des hübschen Nipple-Piercings, das Janet Jackson offenbarte, schossen in den Wochen darauf in die Höhe.

Kanye West ist in dieser Hinsicht ein Sonderfall. Ist er jetzt  ein Trump-Fan oder tut er nur so, um irgendwie im Gespräch zu bleiben, was ihm musikalisch seit Jahren nicht mehr gelingen will? Anecken war ja schon immer eines seiner Hobbys. Eindeutig zu weit getrieben hat er diese Manie 2009 – natürlich bei den MTV-Awards, zumindest im ersten Jahrzehnt der 2000er DIE Plattform für saftige Skandale. Die damals 19-jährige Taylor Swift, die bis dahin eigentlich nur von Country-Fans gefeiert worden war, hatte mit "You Belong With Me“ ihren ersten Pop-Hit – und bekam einen Award für das Video dazu. Während der Übergabe des Preises, gerade als Taylor zu ihrer Dankesrede ansetzen wollte, platzte Kanye, der sich zuvor im Publikum eine Flasche Cognac gegönnt hatte, auf die Bühne. Und erklärte der geschockten Taylor und der ganzen Welt, dass sie den Preis nicht verdiene, weil Beyoncé eigentlich das beste Video des Jahres gedreht habe.

Kanye West verdirbt Taylor Swifts Preisverleihung. Davon profitierten beide ... 

©REUTERS/Reuters/Gary Hershorn

Taylor Swift weinte, Beyoncé weinte, der Saal buhte – und genau dieser Moment gilt heute als entscheidender Boost für einen damals noch recht neuen Nachrichtendienst namens Twitter. Marketingexperten waren sich danach schnell einig, dass in Wahrheit alle beteiligten Parteien davon profitiert hätten. Bad Boy Kanye hat sein Image gepflegt und Aufmerksamkeit bekommen, Twitter explodierte förmlich, weil einfach jeder mitreden wollte – und die eigentlich nur bei Landeiern beliebte Country-Prinzessin Taylor war mit einem Schlag in der gesamten Popwelt bekannt.
 

Wer singt und spielt wirklich?

Es gibt freilich auch eine andere Art Skandale: Jene, die entstehen, wenn etwas bekannt wird, das die betroffenen Stars eigentlich auf alle Fälle unter Verschluss halten wollen. Genau, so etwas wie die nebensächliche Kleinigkeit, dass sie gar nicht wirklich gut singen können. Wobei einem die beiden Tänzer Fab Morvan und Rob Pilatus echt leid tun konnten, irgendwie sind die zwei da in eine Sache hineingeschlittert, aus der es keinen würdevollen Ausgang  geben konnte. Ein bisschen wie Marionetten, an deren Schnüren Erfolgsproduzent Frank Farian zog. Und der Mann wusste, wie’s geht. Immerhin hatte er mit Boney M. eine der  weltweit erfolgreichsten Bands der 1970er und frühen 80er erfunden. Und, Überraschung:  Bobby Farrell, der einzige Mann im  Erfolgsquartett, sang während der gesamten Zeit keinen einzigen Ton. Das besorgte – damals noch – Frank Farian selbst, während Bobby tanzte und die Lippen bewegte.

Boney M. waren der erste „Streich“ des genialen Produzenten Frank Farian  (2)

©EPA/EPA/MARTIN ATHENSTAEDT

Wer jetzt allerdings glaubt, dies sei ein exklusives Pop-Phänomen, der irrt gewaltig.  Der "japanische Beethoven“ Mamoru Samuragochi, ein preisgekrönter, angeblich tauber Komponist,  dessen Orchesterwerke Klassikliebhaber begeisterten, gestand 2014, nach zwei Jahrzehnten des Erfolgs, dass er nicht nur NICHT taub sei, sondern dass seine gesamten Erfolgswerke von einem Musiklehrer namens Takashi Niigaki geschrieben worden waren. 

Oder die "Piano-Diva“ Joyce Hatto. Die britische  Instrumentalistin bekam während ihrer aktiven Live-Karriere eher durchwachsene Kritiken. Nach ihrem Rückzug von der Bühne im Jahr 1976 veröffentlichte sie aber noch mehr als 100 Platten, die begeistert aufgenommen wurden. Erst nach ihrem Tod gestand ihr Mann William Barrington-Coupe, dass sämtliche Aufnahmen dieser Phase von unbekannten Pianisten eingespielt worden waren.

William Barrington-Coupe veröffentlichte 100 CDs seiner Frau, der Pianistin Joyce Hatto – die sie nie eingespielt hat 

©Shutterstock/Shutterstock.com

Auf der anderen Seite der Medaille steht hingegen die arme Martha Wash. Sie hat eine gottbegnadete Stimme, war Teil der fabelhaften Weather Girls und sang für diverse Produzenten Hits ein. 

Die großartige Martha Wash  sang dagegen sehr wohl, bekam aber kaum Credit dafür

©Ron Wolfson / Everett Collection / picturedesk.com

Bekannt wurde sie dafür allerdings nie, weil die Plattenbosse sie für "nicht sexy genug“ hielten. Den Ruhm streichten hübsche "Sängerinnen“ von Bands wie Black Box oder Seduction ein, die nur die Lippen bewegten. Womit wir eigentlich wieder bei Milli Vanilli wären ...

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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