Iggy Pop beweist: Punk ist nach wie vor en vogue

Ob Styling, Sound oder starke Worte: Vor 45 Jahren verschaffte sich der Punkrock gewaltig Luft. Iggy Pop, sein Pate, gastiert bald in Wien.

Drei Powerakkorde auf der Gitarre, einen Irokesen auf dem Kopf, eine schiefe Lippe und geht schon. Hauptsache laut, Hauptsache keinen Respekt vor Nichts und Niemandem. Als das Londoner Lausbuben-Quartett Sex Pistols im Mai 1977 mit „God Save the Queen“ eine Brutalo-Version einer Nationalhymne in den britischen Äther trommelte, spürten alle, dass eine neue Zeit angebrochen war: die Ära des Punk.

Lederjacken galten längst als gesellschaftsfähig, aber nicht mit diesen neuen Accessoires: Sicherheitsnadel, Rasierklinge und nietenbesetztem Hundehalsband. Zu diesem Outfit konnte man wirklich nicht im harmonischen Duett über die Liebe singen.

PUNK! Vier Buchstaben wie ein Boxhieb in die Magengrube. Anders gesagt: Schlechtes Timing für zuckersüße Kuschelsongs in den Charts. Hingegen ein guter Moment für dilettantische Chaoten mit erhöhtem Geltungsbedürfnis.

Auftritt Iggy Pop

Der 1947 in Muskegon im US-Bundesstaat Michigan geborene James Osterberg kann ein Lied von der so kurzen wie gewichtigen Epoche der Musikgeschichte singen. Er ist jener Iggy Pop, den sie „Godfather of Punk“ heißen – der Pate des Punk. Am 7. Juli kommt er samt Band und Entourage für einen Auftritt ins Wiener Konzerthaus.

Ein Punk im Hochkultur-Tempel? Warum nicht, die Zeiten haben sich geändert, sowie sich auch Mr. Pop verändert hat. Für das unterhaltsame Porträt einer Ära, „Please, Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk“ (Hannibal Verlag), erinnerte er sich an seine von durchwegs Pech und Pannen geprägten Anfänge.

„Runter von der Bühne!“

„An meinem einundzwanzigsten Geburtstag sind wir als Vorgruppe von Cream aufgetreten. Ich hatte den ganzen Tag damit verbracht, ein Siebenhundertfünfzig-Liter-Ölfass von Ann Arbor nach Detroit zu transportieren, an das wir ein Kontaktmikrofon angebracht hatten, und auf dem schlug Jimmy Silver den einen durchgehenden Beat unserer besten Songs.“ Aber kaum stiegen der Sänger und der Rest der Band, die Asheton-Brüder, auf die Bühne, fielen die Verstärker aus. Iggy: „Das Publikum schrie: ,Wir wollen Cream hören, wir wollen Cream hören, runter von der Bühne, wir wollen Cream!’“

Gut Ding braucht Weile. Ein paar Jahre und die tatkräftige Unterstützung durch David Bowie später – er produzierte 1977 sein Album „Lust For Life“ – zählt Iggy Pop zum Superstar. Nach vielen Ups and Downs ist er heute mit Ehefrau Nina Alu gern gesehener VIP-Gast bei Red-Carpet-Terminen, ist beliebtes Werbe-Testimonial, fährt ein Rolls-Royce Cabriolet, nimmt alle paar Jahre ein neues Album auf und geht nach wie vor auf Tour.

Heißt das, dem Punk geht’s gut? Ja, und erstaunlicherweise wesentlich besser als gedacht. Mit Sid Vicious, Johnny Thunders, allen vier Ramones und vielen anderen Legenden des Genres, haben zwar etliche Protagonisten des Punk vorzeitig das Zeitliche gesegnet. Das Interesse an dem einstigen Urschrei in der Szene aber ist vielleicht sogar größer denn je. Nicht nur, dass mit „Pistol“ der familienfreundliche Streaming-Kanal Disney+ die Story der Sex Pistols verfilmt hat, streckt auch Netflix seine Fühler Richtung Punk aus. Ab Mitte Juli dreht der Streaming-Riese sogar ein Porträt über die Linzer Punk-Szene.

„No future extrem angesagt“, hatte Falco 1982 in seinem Hit „Helden von heute“ geäfft. Vom Standpunkt eines Pop-Dandys hatte er Recht. Damals ging alles sehr schnell. Funk, Disco, Glam Rock, Proto-Punk, Punk, New Wave, Post-Punk. Dazwischen lagen oft wenige Jahre, vielleicht sogar nur Monate.

Mit Klimakrise, Krieg und ständig neuen Katastrophen am Horizont hat der „No Future“-Slogan eben doch seine Berechtigung. Echt jetzt?

Johnny Rotten und die Queen

„God Save The Queen“, die 1977 zum Silver Jubilee der britischen Königin erschienene Punk-Hymne der Sex Pistols, hatte auch ihn zum Star gemacht: John Lydon alias Johnny Rotten. Der ehemalige Tunichtgut wurde unter den Händen des Pistols-Masterminds und Womanizers Malcolm McLaren sowie seiner damaligen Gefährtin, der Modedesignerin Vivienne Westwood, zur Ikone einer wütenden Jugend.

Heute, mit 66 Jahren, also im besten Udo-Jürgens-Alter, ist John Lydon immer noch wütend. Aber nicht auf die Queen. Ihr hat der ehemalige Bürgerschreck vor ein paar Tagen zum Platin-Jubiläum gratuliert und gemeint, er sei stolz auf sie und freue sich, dass es ihr gut gehe. Nein, sein Groll gehörte seinem Ex-Kollegen Steve Jones und Disney+, weil die ihn seiner Meinung nach nicht in die Verfilmung der Sex-Pistols-Story eingeweiht hätten.

Ungeachtet aller Zwistigkeiten haben die Pistols zum Thronjubiläum ihr „God Save the Queen“ neu herausgebracht. Der ab morgen 58-jährige Premierminister Boris Johnson trägt allen Anfeindungen zum Trotz seine Frisur nach wie vor wie ein altgewordener Punker. Und T-Shirts mit alten Punk-Slogans wie „Never Mind the Bollocks“ und „No Future“ haben in Diskont-Modeketten Hochkonjunktur. Eben doch eine Zukunft für „No Future“.

Das Leben geht weiter

The Beat goes on. So war es in der populären Musik immer schon. Dass neben den Rolling Stones und Paul McCartney die alten Haudegen des Punk das beste Beispiel dafür sind, macht jedenfalls Mut. Einmal Ikone, immer Ikone.

Patti Smith, die Patin des Punk, hockte zwischen Jimi Hendrix und Janis Joplin in New Yorker Bars herum, bevor sie selbst als Sängerin durchstartete. Zugleich mit ihr begann auch die leider nur kurze Karriere des 1989 verstorbenen Robert Mapplethorpe, des ganz großen Stars der Fotografie der 1980er-Jahre.

Am 21. und 22. Juli wird Patti Smith nur zwei Wochen nach Iggy Pop in Wien auftreten, in der Arena, dem ehemaligen Auslandsschlachthofs St. Marx. Mit ziemlicher Sicherheit wird sie dabei ein weißes Herrenhemd tragen. So wie damals auf dem Cover der Langspielplatte „Horses“ – ein stilles Foto von Robert Mapplethorpe.

Punk hier und heute. Mit Marco Pogo holte sich im April ein Punk-Arzt einen Austrian-Amadeus-Music-Award. Als Neo-Kabarettist erzählt er im Programm „Gschichtldrucker“ den einen oder anderen Schwank aus dem Tourleben. Und in Interviews erzählt er, was ihn zum Punk machte. Der Drang zur Bühne war jedenfalls da, sobald er als Jugendlicher vor einer solchen gestanden ist. Und Punk war eben der Schlüssel, sich mit wenigen Mitteln den Traum vom Musikerleben zu erfüllen.

Mit 66 Jahren

Punk. Das nächste Revival kommt womöglich in knapp über zwei Jahrzehnten. Dann wäre der Punk etwa 66 Jahre alt. Also alles andere als alt, denn, wie heißt es bei Udo Jürgens so schön: „Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss. Mit 66 Jahren ist lange noch nicht Schluss.“

Punk lebt ewig, Punkt um.

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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