Der große freizeit-Starcheck: Mick Jagger vs. Harry Styles

Im Juli treten zwei der größten Popstars in Wien auf. Was Mick und Harry gemeinsam haben, was sie trennt und wovon sie nicht genug kriegen können.

Mehr als 51 Jahre sowie eine fast lebenslange Karriere als Idol, Star und Sexsymbol für eine ganze Generation trennen sie. Mick Jagger und Harry Styles. Was heißt, der eine hat acht Kinder und der andere sah vor Kurzem noch wie ein Kind aus. Mick Jagger und Harry Styles. Der Routinier und der Rookie.

Zwei herausragende Sänger, extravagante Performer und markante Komponisten, jeder einzigartig und dennoch im Geiste verwandt. Der überraschend vitale Frontman der Rolling Stones und der schillernde Sänger der Boyband One Direction. Vor ein paar Wochen trieben ein paar missverständliche Worte von Mick Jagger über seinen Kollegen einen Keil zwischen die beiden Stars. Harry Styles habe weder eine Stimme wie er, noch bewege er sich auf der Bühne wie er, unkte der bald 79-jährige Stones-Sänger in der„Sunday Times“. Trotzdem, so Jagger, schätze er der Jungstar und habe eine „umkomplizierte Beziehung“ zu ihm.

Die stellt beide auf den Prüfstand und macht den Star-Check. Was macht das Charisma eines jeden aus? Was unterscheidet sie? Gut bei Stimme sind sie beide, aber gibt es vielleicht etwas, was der eine vom anderen lernen kann?

In the beginning ...

Als Nachkriegskind hatte Michael Philip Jagger nicht nur den Blues, nach einer Zwischenstation im Kirchenchor sang er ihn auch: beim Jammen mit den späteren Rolling-Stones-Kollegen Brian Jones und Keith Richards in Alexis Korners Formation Blues Incorporated. Dem damals 18-jährigen Studenten der London School of Economics schwebte noch eine Karriere als Journalist oder als Politiker vor.

Als die nach einem Muddy Waters-Song benannten Rolling Stones am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club ihren ersten Auftritt als Band hatten, galt dieses Konzertlokal noch als Jazzclub. Jagger vor 20 Jahren über die Anfänge als Rolling Stone: „Als wir starteten, war mit Rock ’n’ Roll noch kein Geld zu machen.“

Harry Edward Styles nutzte seine Teenagerjahre schon exzessiv als Karaoke-Talent und Frontman der Schülerband White Eskimo. Auf Vorschlag seiner Mutter sang er 2010 bei der siebten Ausgabe der Castingshow The X Factor vor. Mit seiner Darbietung von Stevie Wonders „Isn’t She Lovely“ kam der ambitionierte Möchtegern-Star zwar nicht weiter. Immerhin aber landete er in einem Bootcamp und lernte dort - übrigens auf Initiative der damaligen Lewis Hamilton-Freundin Nicole Scherzinger - seine späteren Kollegen der Boyband One Direction kennen.

Als lediglich Drittplatzierte erfreute sich das Quartett One Direction dennoch bereits im Jahr seiner Gründung über einen gut dotierten Plattenvertrag über zwei sensationelle Millionen Pfund (umgerechnet 2,3 Mio. Euro).

Auf Solopfaden

Dass Mick Jagger 1985 ein Album unter eigener Regie aufnahm, sorgte für bad vibrations unter dem Rest der Rolling Stones. Besonders Keith Richards, die zweite Hälfte der Glimmer Twins, zeigte dem Sänger die kalte Schulter. Erst als er selbst auf Solotrip ging, spürte er, wie hart das Leben als Frontman ist. „Auf einmal hatte ich Verständnis für Micks Macken. Wenn du jeden gottverdammten Song singst, dann musst du deine Lungen trainieren. Alleine das Atmen. Das haut fast jeden um“, in seiner Biografie „Life“.

Seit fünf Jahren absolviert der ehemalige Frontboy  von One Direction den Job als Solokünstler: ohne Allüren, Eskapaden oder Skandale, dafür  mit Bravour – und mit stetig steigender Beliebtheit. Hut ab, Harry! 

 Apropos Accessoires

„Musiker behaupten oft, es gehe nur um Musik“, meine Mick Jagger einmal. Und konstatierte ganz richtig: „Das stimmt natürlich nicht. Es geht darum, was du trägst, wie du aussiehst, deine Attitüde und all diese Sachen.“ Ob mit Federboa, Gehrock, Spandexhosen, Seidenhemden oder oben ohne, Mick Jagger kennt man in jedem nur denkbaren Outfit. Und in Posen, die vom Rebellen bis zum Poseur reichen.  

Als Harry Styles vor sechs Wochen beim Coachella Festival im neckischen Paillettenanzug Shania Twain zum Duett bat, stand der Fashion Darling seinem Meister in nichts nach. Aber dieses Style-Statement war mehr als ein Ego-Booster. Derart kostümiert, gab er elegant und uneitel den perfekten Duett-Partner für die Klassiker der doppelt so alten Sängerin „Man! I Feel Like A Woman!“ und „You’re Still the One“.  Jagger hingegen achtet darauf, dass seine Gesangspartnerinnen höchstens halb so alt wie er sind.

Vorbild für beide...

ist Elvis. Wer hätte das gedacht? In Sachen Idole sind Jagger und Styles gar nicht so weit voneinander entfernt. Dass der Stones-Sänger einst Elvis nicht persönlich kennenlernte, lag nur daran, dass ihm John Lennon dieses Meeting ausgeredet hatte.

Das erste Lied, das Klein-Harry mit seiner Karaoke-Maschine aufgenommen hat, stammt von Elvis. Und beinahe hätte er vor zwei Jahren auch für die Hauptrolle in Baz Luhrmanns „Elvis“-Film vorgesprochen. Der Respekt vor der Legende war letztlich doch größer. Mittlerweile ist Styles selber auf dem Weg zum Über-Star.

Mick Jagger

Mick Jagger

Geboren: 26. 7. 1943  in Dartford, Grafschaft Kent
aktiv seit:  1960; Sänger der The Rolling Stones seit 1962;
spielt Mundharmonika, Gitarre und Klavier
Erstes Soloalbum: „She's the Boss“ (1985); sein um vier Jahre jüngerer Bruder Chris ist ebenfalls Musiker
Familenstand: zweimal verheiratet, 8 Kinder von 5 Frauen
Tattoos: einmal ein „Fake Tattoo“
Abonnenten: auf YouTube: 112.000; monatl. Hörer auf Spotify: 1,8 Mio. (20,8 Mio. mit den Stones)
Auftritt in Wien:15. 7. im Happel-Stadion

Harry Styles

Harry Styles

Geboren: 1. 2. 1994 in Redditch bei Birmingham
aktiv seit: 2010, seine Teilnahme an der Castingshow „The X Factor“ führte zur Gründung der Boyband One Direction; spielt leidlich Gitarre (erster Unterricht durch seine ältere Schwester Gemma)
erstes Soloalbum: „Harry Styles“ (2017)
Familienstand: ledig, noch keine Kinder
Tattoos: jede Menge
Abonennten: auf YouTube: 12,8 Mio; monatliche  Hörer auf Spotify: 70,3 Mio. (29,3 Mio. mit One Direction)
Auftritt in Wien: 16. 7. in der Stadthalle

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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