Abenteuer, Erotik und Liebe für wenig Geld: Der Heftroman lebt

Auch wenn es sie nicht überall zu kaufen gibt, Groschenromane existieren noch. Ob sie sich verändern, was nie fehlen darf und wer sie schreibt.

"Was für ein Teufelsweib! Der neue Kommandant von Fort Davis kann seine Augen nicht von der rassigen Isabella lassen, wenn sie mit wogendem Busen und wirbelnden Röcken über den Innenhof marschiert. Wild und ungestüm ist sie – doch leider schaut sie ihn nicht mal mit der kalten Schulter an. In den Waffenmeister ist sie verschossen!“

Was für ein Absatz! Was sich im Band 2611 „Ungezähmt wie das Land“ der Westernserie „Lassiter“ in nur wenigen Worten tut. Waffen, Anklänge von Abenteuer, Erotik, verschmähte Liebe. Geschrieben hat diesen Heftroman Katja Martens. Sie lebt im sächsischen Erzgebirge und heißt im wirklichen Leben anders, aber sie will lieber unter ihrem Pseudonym erwähnt werden. Martens, die Mathematik und Ethik auf Lehramt studiert hat, hat bereits 500 Romane verfasst. Neben „Lassiter“ liefert sie auch Texte für „Der Bergdoktor“, „Dr. Stefan Frank“, hin und wieder verfasst sie einen „Fürsten-Roman“ und Romane für „Silvia Schicksal“.

Zehn Tage brauche sie für die gängigen 64 Seiten mit einer klaren Mission: „Ein guter Heftroman sollte vor allem unterhalten. Wenn mir Leser erzählen, dass ihnen meine Geschichten durch eine harte Zeit im Krankenhaus hinweggeholfen und sie ein bisschen abgelenkt haben, freue ich mich. Eine treue Stammleserin hat mir erzählt, dass sie gern zu einem Heftroman greift, wenn sie ihre Arbeit geschafft hat, um sich etwas Schönes zu gönnen“, sagt die Autorin.

Und das mit der Unterhaltung funktioniert immer noch. Götter in Weiß, Romanzen im Alpendorf, tapfere Geisterjäger, ethisch korrekt handelnde Cowboys oder unerschrockene Astronauten haben bei einem Preis von zwei Euro (plus/minus ein paar Cent) eine große Fan-Gemeinde. Auch im Jahr 2022 – selbst wenn die Verkaufszahlen zurückgehen und es die sogenannten Groschenromane nicht mehr in jeder Trafik und jedem Supermarkt zu kaufen gibt.

Millionen Verkäufe pro Jahr

Aber diese Art der Trivialliteratur, wie sie abschätzig genannt wird, hält sich. Der deutsche Verlag Bastei Lübbe, der „Jerry Cotton“, „John Sinclair“, „Der Bergdoktor“, „Dr. Stefan Frank“ und „Lassiter“ veröffentlicht, setzt jährlich etwa mehr als sechs Millionen Romanhefte und Sammelbände ab, wie Oliver Leimann, Verlagsleiter für Romane, mitteilt. Das Unternehmen publiziere immer noch 43 Einzelheft-Objekte und 37 Sammelbände. „Die Einzelhefte erscheinen wöchentlich oder 14-tägig, die Sammelbände in der Regel monatlich.“

Heftromane in einem Geschäft im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

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Wie ihre Erscheinungszyklen ist die Struktur festgelegt: „Heftromane werden nach festen Regeln erzählt. Am Anfang steht ein Problem, und während die Figuren noch versuchen, es zu lösen, wird erst einmal alles noch schlimmer. Sie müssen einen Ausweg suchen und dabei alte Pfade verlassen, was zu etwas Neuem führt – einer neuen Liebe, einer gefährlichen Mission oder der Behandlung einer Erkrankung, die das ganze Leben verändert“, so Martens. Und natürlich gebe es ein Happy End. Immer. „Das ist so vorgeschrieben. Es wäre deprimierend, wenn man seinen Figuren auf 64 Romanseiten durch etliche Höhen und Tiefen folgt und am Ende mit leeren Händen dasteht“, meint die Autorin.

Eine Einschätzung, die Andreas Schäfer, der Cheflektor des Kelter-Verlags, der unter anderem „Dr. Norden“, „Dr. Laurin“ oder „Der Bergpfarrer“ herausgibt, teilt. Ein guter Ausgang sei unverzichtbar. „Einige wenige Versuche in den 1970ern, 1980ern und 1990ern, die diese Struktur infrage stellten, waren zum Scheitern verurteilt“, sagt er. Die Erkenntnis, die daraus folge, sei ebenso simpel wie einleuchtend: „Die Leserinnen und Leser tragen eine große Sehnsucht nach positiven, nach wirklich guten Nachrichten in sich.“

Menschen brauchen Liebe

Wenn schwierige gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Krisen wie jetzt den Kontinent erschüttern, werde diese Sehnsucht nach einer positiven Gegenwelt verstärkt. „Solche Phänomene waren etwa im jugoslawischen Bürgerkrieg in den 1990ern zu beobachten, in der Folge der 9/11-Terroranschläge von 2001 und während der Finanzkrise in 2008.“ Und die Sehnsucht nach einer anderen, einer besseren Welt sei seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wohl nie so groß gewesen wie heute. „Die Menschen brauchen Liebe“, meint Schäfer.

Branchenkollege Leimann sieht einen weiteren Grund, dass sich der Heftroman gehalten hat. „Mit 64 Seiten Umfang und der Garantie auf ein Happy End beziehungsweise mit spannendem Cliffhanger ist der Zeiteinsatz in unserer schnelllebigen Welt vergleichsweise gering und in seiner Form durchaus mit den seriellen Unterhaltungsangeboten der Streaming-Plattformen vergleichbar.“ Dazu komme ein „Kultpotenzial“ durchaus auch mit einer Sammelleidenschaft der Leserinnen und Leser.

Alte Exemplare aus den 1950ern.

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Eine Reihe, die eingefleischte Fans hat, kultig ist und zum Olymp des Heftromans gehört, ist jene des Raumfahrers Perry Rhodan. Zum Autorenteam gehört der Wiener Michael Marcus Thurner. Dass er Science-Fiction, aber auch Fantasy und Horror schreibt, hat mit der Liebe zu tun. „Meine Ex-Frau sagte mir mal, dass ich so gute Liebesbriefe schreiben würde, und ob ich es nicht auch mal mit belletristischen Texten versuchen wolle?“

Bei Perry Rhodan geht es weniger poetisch, dafür mit eigenen Technikbegriffen und abenteuerlich zu: „Wetherby verließ den Antigrav und lief auf ihre ZALTERTEPE-Jet zu. Sie liebte das kleine, handliche Schiff. Wetherby hatte ihre Privilegien als Befehlshaberin des Beibootgeschwaders geltend gemacht und die Space-Jet für sich ausgesucht, statt, ihrem Rang entsprechend, eine Korvette zu kommandieren“, heißt es etwa im Band 3174, „Die Telepathische Allianz.“

Das Publikum, für das er schreibe, sei bei Perry Rhodan oftmals technikaffin, überwiegend männlich und 40 Jahre oder älter. „Das war vor 20 oder 30 Jahren noch anders. Aber es ist ja bekannt, dass Jugendliche heutzutage weniger zum Buch beziehungsweise Heft greifen. Leider“, meint Thurner.

Michael Marcus Thurner mit Fans bei einem Perry-Rhodan

©Kurier/Franz Gruber

Doch die bestehende Fangemeinde geht mit der Zeit, die Vorlieben würden sich ständig ändern. „Perry Rhodan kann man als Spiegelbild der modernen Geschichte Mitteleuropas sehen. Die Gründerautoren hatten den Schrecken des Zweiten Weltkriegs auch noch selbst miterlebt. In den 60ern gab es also bei Perry Rhodan viele militärische Konflikte. Damit wurde während des Kalten Kriegs eine Alternative für die Leser geboten, in der man sich nicht so hilflos vorkam.“

In den 70ern und frühen 80ern sei die Serie teilweise von Flower-Power getragen gewesen. „Konflikte wurden, wenn möglich, friedlich gelöst. In den 90ern waren es wohl Cyberpunk-Elemente. Ganz klar: Da schlugen die technischen Entwicklungen im Bereich Internet, Computer, Handys etc. durch.“ Heute komme man mit stramm-zackigen Militärs, die stramm-zackige Lösungen eines Konflikts finden, nicht mehr weit.

Perry Rhodan ist ein Astronaut, der in über 3.000 Bänden im All unterwegs ist.

©Kurier/Franz Gruber

Es heißt, der Heftroman sei in den vergangenen Jahren erotischer geworden, um neues Publikum anzuziehen. Doch das könne bestehende Leser, die eher konservativ seien, verstören, meint Thurner: „Ich würde ja gerne, aber ich darf nicht immer.“ Auch Martens muss adaptieren, wie sie meint. „Ich glaube, das grundlegende Bedürfnis nach Geschichten und einem Happy End ist dasselbe geblieben. Was sich immer weiterentwickelt, ist die Art des Erzählens. Was vor zwanzig Jahren noch hochdramatisch war, reicht heute oft nicht mehr aus. Da muss man immer neue Wege ersinnen, um für Spannung zu sorgen.“

Treffen der Fans

Auch wenn die Kernzielgruppe bei den Bastei-Lübbe-Heften bei 55 plus liege, sieht Leiman, dass Jüngere nachrücken. In Köln etwa trafen sich 2018 bei der „John-Sinclair-Convention“ Fans des Geisterjägers. „Hier waren von 16 bis 90 Jahren fast alle Altersklassen vertreten. Gerade der Fantastik-Bereich, aber auch unsere Arztromane, sprechen ein vergleichsweise junges Publikum an.“ Ob der Heftroman Zukunft habe, hänge von den Verlagen ab. Sie müssten etwa über Social Media die jungen Menschen erinnern, dass es ihn noch gibt. Als E-Book oder Hörbuch gibt es ihn zumindest.

Der Stoff wird nicht ausgehen. Autorin Martens: „Es passiert so viel auf der Welt, dass es immer etwas zu erzählen gibt. Meistens fließen persönliche Erfahrungen mit ein. Als unsere Katze angefahren wurde und um ihr Leben gekämpft hat, fand sich ein ähnliches Ereignis bald auch in einem meiner Romane. Und meine Rückenschmerzen, die ab und zu ’vorbeischauen’, habe ich auch schon einer meiner Heldinnen ’angehext’.“

Bestseller

Der Heftroman hat einige Klassiker hervorgebracht – von Detektivgeschichten über Western, Science- Fiktion, Horror bis hin zum Arzt- oder Liebesroman.  

  • Mit einer Gesamtauflage von 1 Milliarde Exemplaren ist „Jerry Cotton“ die erfolgreichste Kriminalromanserie der Welt. Seit 1953 wurde sie in 13 Sprachen übersetzt.
  • Auch von den Hefte der „Perry Rhodan“-Serie über einen Astronauten wurden seit 1961 rund eine Milliarde Stück verkauft. Würde man sie stapeln, wäre der Turm 500 km hoch.
  • Geschichten aus der  Idylle gibt es in „Der Bergpfarrer“. Verfilmungen bescherten dem ZDF je 6 Mio. Zuseher. Verkaufszahlen will man beim Kelter-Verlag nicht nennen.
Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle - also den schönen Dingen im Leben - befassen. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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