Für den Grip rauen Winterfahrzeuge den Untergrund mit Diamantzacken auf. Statt Salz kommen Kiesel und Späne zum Einsatz.

Weitwandern im Schnee: Zu Fuß durch Flachland-Tirol

Der erste Weitwanderweg im Schnee führt zwischen Schneewänden durch das Leutaschtal. Er wird mit viel Aufwand gepflegt und mündet in einer winterlichen Hüttennacht.

Überblick

Beste Reisezeit

Dezember bis Februar

Anreise

Zug ab Wien Hauptbahnhof 

Dauer ca. 5,5 Std

Auskunft

www.seefeld.com

von Christian Schreiber

Meterhoher Schnee, Temperaturen wie im Eiskeller, stolze Alpengipfel – und da soll jedermann durchwandern können? Ohne alpine Erfahrung, ohne spezielle Ausrüstung, ohne Guide. Tagelang. Hinauf auf 1.700 Meter. Es geht. Und es lohnt sich. Im Tiroler Leutaschtal, das direkt an Deutschland grenzt, gibt es nun einen Weitwanderweg. Vier Tage ist man unterwegs, schläft im Tal und final auf der Wettersteinhütte. Ein bisschen Kondition ist nötig, da die Tagestouren zwischen acht und vierzehn Kilometer lang sind. Zur Belohnung lustwandelt der Wanderer durch verträumte Wälder, in denen sich Bäume vor Freude (oder Schneelast) schütteln und verwunschene Wege zu zugefrorenen Seen und auf kleine Gipfel führen. Still, einsam, grandios.

Wandern wir los.

©Grafik

Fünf Minuten sind vergangen, seit wir dem Parkplatz und all den Wintersportlern mit ihren Skiern den Rücken zugekehrt haben. Unsere einzigen Begleiter sind die Sonne und ein aufmüpfiger Wind, der uns hin und wieder eine Portion Pulverschnee um die Nase weht. Die Bergschuhe knirsch, knirsch, knirschen im Schnee. Wir wollen nicht behaupten, dass es das einzige Geräusch ist, das wir noch vernehmen. Aber die Rufe der Langläufer, die gelegentlich durchs Tal hallen, nimmt man kaum mehr wahr. Die Loipe ist zwar nah, aber nicht zu sehen, weil uns Winterwanderer eine zwei Meter hohe Schneewand abschirmt. Links und rechts. Wie in einer Bobbahn. Wir sind schneller als die paar Fußgänger, die wir auf den ersten drei, vier Kilometer überholen. Winterwandern ist kein Spaziergang. Man hat ein Ziel vor Augen, das bis zum Abend erreicht sein muss. Aber man schlägt kein strammes Tempo an. Neudeutsch würde man sagen: Beim Winterwandern kommt man in den Flow, einen kontemplativen Zustand, der durch den gleichmäßigen, forschen Schritt erzeugt wird. Er setzt Glücksgefühle frei: Im Angesicht der friedvollen, stillen Natur und der mächtigen, hohen Berge schrumpfen Alltagssorgen zu kleinen Problemen, die einen nicht weiter beschäftigen.

Über weite Strecken geht man auf dem winterlichen Weitwanderweg durch Schneewände. Die entstehen, weil der Schnee nicht niedergepresst wird, sondern mit Fräsen rausbefördert.

©Ch. Schreiber

Winterwandern verleiht ein ungeahntes Gefühl der Freiheit, der Gedankenlosigkeit. Es liegt aber auch daran, dass man sich wirklich um nichts kümmern muss. Die Tour und damit die Unterkünfte sind vorab gebucht, der Koffer steht bei Ankunft bereits im Zimmer. Danach wartet das Abendessen. Schlafen, Träumen. Befreit geht es am nächsten Tag wieder los.Auch unterwegs muss sich niemand Sorgen machen. Die Wege sind längst präpariert, wenn der Wanderer aufbricht – auch wenn es nachts durchgeschneit hat. Leutasch und die Region Seefeld haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, um ihre rund hundertfünfzig Kilometer Winterwanderwege in Schuss zu halten. Sobald im Oktober oder November der erste Schnee fällt, gibt es eine Reifenpolitur für die Wanderwege. Die Winterdienstfahrzeuge sind mit vorgespanntem großen Traktorreifen statt mit einem Pflug unterwegs, um den Schnee zu komprimieren und fest auf den Boden zu drücken. Das ist die Schutzschicht für Wurzeln und Boden und eine solide Grundlage für den Weg. Der Schnee, der im Laufe des Winters drauf fällt, wird nicht einfach gepresst, sondern mit Fräsen nach links und rechts rausbefördert. So entstehen die meterhohen Wände. Damit der Wanderer Grip hat und nicht wegrutscht, rauen die Winterfahrzeuge den Untergrund mit Diamantzacken auf. Statt Salz kommen in Wald und Flur nur Kiesel und Sägespäne zum Einsatz. Alles in allem ein Terrain, das Sicherheit verleiht.

Drei Tipps zur Ausrüstung

Schuhe
Es müssen keine steigeisenfesten Bergstiefel sein, aber eine dicke Gummisohle mit gutem Profil erleichtert die Tour ungemein. Über dicke Socken und ein Innenfutter freuen sich die Füße bei kalten Temperaturen

Spikes
Schuhketten oder Spikes, die man in den Sportgeschäften rund um Seefeld und Leutasch kaufen kann, sind sinnvoll. Es gibt sie in der Regel in S, L und XL, um die gängigen Schuhgrößen abzudecken. Per Gummizug oder elastischer Bindung kann man sie bequem anbringen. Die Edelstahlzacken sorgen für sicheren Halt auch bei glatten Anstiegen

Schlafsack
Für die Übernachtung auf der Hütte braucht man einen Hüttenschlafsack. Er kann aus Baumwolle oder Seide sein, ist nur aus hygienischen Gründen nötig. Zum Wärmen für die Nacht erhält man Decken

Doch lohnt es sich auch, die offizielle Route gelegentlich zu verlassen. Ein kleiner Trampelpfad führt zum Möserer See. Schnee im Schuh gehört dazu, aber der Abstecher entschädigt für nasse Socken. Ein Steg führt hinein ins Eis. Wer sich jemals gefragt hat, wo Postkartenmotive mit blauem Himmel, dichtem Wald und hohen Bergen entstehen, der weiß jetzt, wo das ist. Auch der 1.390 Meter hohe Brunschkopf ist eine Variante, die eigentlich nicht zum Programm gehört. Das Schöne: Meist haben Schneeschuhgeher schon vorgespurt, sodass die Tour für Winterwanderer kein Problem ist. Die alpinen Gefahren halten sich in Grenzen. Die größte Bedrohung geht von Ästen aus, die unter der Schneelast ächzen und runterbrechen könnten. Es dauert keine Stunde bis zum Gipfel, der die Sicht freigibt auf die zackigen Spitzen des Alpenhauptkammes. Noch so ein Platz, an dem Motive für Postkarten geknipst werden.

Flucht vor der Hütte

Wer auf Gegensätze steht, sollte nach dem Brunschkopf einen Abstecher in die zutiefst weltliche Wildmoosalm wagen, über der eine FC-Bayern-Fahne weht. Wer eintritt, darf am Schnapsbrunnen stoppen, der in Dauerschleife läuft. Das WLAN-Passwort lautet „ronaldo7“, an der Decke hängt neben unendlichem Krimskrams ein ausgestopftes Krokodil. Dolly Buster und Striezel Stuck liefern sich an den mit Autogrammkarten vollgepinnten Wänden ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Aus den Lautsprechern läuft mehr Schmalz, als auf die großen Brotzeitbretter passt.

Die meisten sind froh, wenn sie zurück auf den Weg kommen und wieder eintauchen dürfen in die Winterwunderwelt. Spätestens am zweiten Tag der Tour fragt man sich, warum niemand früher auf die Idee gekommen ist, einen winterlichen Weitwanderweg mit Gepäcktransport zu entwerfen. Wo das Konzept im Sommer doch der totale Renner ist. Weil es eben viel komplizierter ist, als in der warmen Jahreszeit. Man braucht ein ausgedehntes Netz an guten Wegen, die fleißige Hände notfalls zwei Mal am Tag präparieren müssen. Es darf kein enges Tal mit Lawinengefahr sein. Die Wanderer wollen jeden Tag ein neues Ziel, sie haben eine Rundtour im Kopf und würden sich mit einer Sternwanderung, bei der man zwar immer einen neuen Weg läuft, abends aber wieder am selben Ort ist, nicht zufriedengeben. Sie wollen das Gefühl, ein Tal, eine Region zu durchqueren. Wer den Ehrgeiz hat, eine solche Wanderung zu machen, hat auch keine Lust, irgendwann in ein Taxi oder einen Bus zu steigen, um langweilige oder schwierige Passage zu umgehen. Und er will bestimmt nicht am Rande eines Skigebiets entlangstapfen oder eine Piste queren. Die Ferienregion Seefeld, zu der das Leutaschtal gehört, hat das alles wunschgemäß hinbekommen, und als Höhepunkt gibt es noch eine Hüttenübernachtung oben drauf.

Beate und Hans Schütz sind seit mehr als einem Jahrzehnt Wirte auf der Wettersteinhütte. „Die Idee, im Winter über mehrere Tage durch unsere Region zu wandern, hat uns voll überzeugt“, sagt Hans. So sehr, dass die beiden ihre Schlafräume exklusiv für die Weitwanderer öffnen, die die letzte Nacht der Tour somit auf 1.717 Metern verbringen. Cola, Kässpatzen, Kaiserschmarrn – so sieht unser Menü nach drei Tagen Marsch durch Eis und Schnee aus. Der Schlaf ist tief und fest, schließlich sind keine anderen Gäste da, die schnarchen oder sich unruhig auf den Matratzen wälzen.

Der Morgen ist dann postkartenmäßig kitschig: Die Sonne lacht schon ganz früh über der Hütte. So fällt der Abschied schwer. Wir haben am Vortag Schlitten mit heraufgezogen, die uns nun flott und rauschend ins Tal bringen. Wir sind richtig glücklich, wenn doch mal ein Flachstück kommt, an dem wir absteigen und laufen müssen. Dann fühlt sich alles wieder so still und einsam an.

Infos

Anreise Per Zug von Wien über Innsbruck in gut fünf Stunden nach Seefeld. oebb.at

Winterweitwandern Die viertägige Tour (3 Nächte) startet jeweils montags in Leutasch-Burggraben, wo Gäste auch das Auto parken können. Es gibt zwei Angebote: Übernachtung/Frühstück in Pensionen ab 198 € oder Übernachtung/Halbpension in Hotels mit Wellness ab 298 €, beides inkl. Gepäcktransport. Die letzte Übernachtung (Mittwoch auf Donnerstag) ist auf der Wettersteinhütte, die in diesem Zeitraum exklusiv für Weitwandergäste öffnet.
Die Etappen sind auf eigene Faust zu absolvieren. Es handelt sich hierbei nicht um eine geführte Wanderung. Mithilfe des zur Verfügung gestellten Kartenmaterials und dank der sehr guten Ausschilderung ist die Tour aber für jedermann machbar

Kontakt seefeld.com/weitwandern, Tel. 050 88 05 10 (Leutasch)

Die Reise wurde unterstützt von Seefeld Tourismus

©Ch. Schreiber

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