Melange mit Miau: Zu Besuch im ersten Katzencafé Österreichs

Alexander Kern

von Alexander Kern

Vor 10 Jahren eröffnete das Café Neko. Zu Beginn gab es statt Streicheleinheiten bei Kaffee und Kuchen Drohbriefe und Anzeigen.

Namensschild braucht es keines. Ein schlichtes Symbol reicht aus: auf einem künstlichen Ast, der aus der Hausfassade ragt, streckt eine geschnitzte Katze mit langem Schwanz und spitzen Ohren sich aus. Oder liegt auf der Lauer? Der skulpturale Hinweis sagt: Ab hier steht alles im Zeichen der Samtpfote. Er markiert den Eckeingang zum Café Neko – seit beinahe zehn Jahren befindet sich hier in der Blumenstockgasse in Wiens erstem Bezirk Österreichs erstes Katzencafé.

©Kurier/Franz Gruber

Takako Ishimitsu ist eine zierliche Frau mit grauen Haaren, die eine randlose Brille trägt und ein sanftmütiges Lächeln. „Katzen machen einem nichts vor“, sagt die Betreiberin des Neko. „Sie versuchen nicht, sich wichtiger zu machen, als sie sind. Sie sind ehrlich und natürlich. Deshalb fällt auch der Stress von uns Menschen ab, wenn wir in ihrer Nähe sind. Wir können wir selbst sein.“ 

Das Katzencafé als Kulturbotschafter Japans

Eröffnet hat Ishimitsu das Café 2012 mit ihrem einstigen Lebensgefährten. Neko bedeutet auf Japanisch „Katze“. Das Lokal ist eine Begegnungszone.  Mensch trifft Tier. Wusch, schon flitzt ein Vierbeiner vor unseren Füßen mit Karacho durch einen Katzentunnel aus Fleece, wahrscheinlich auf der Jagd nach einer imaginären Maus. Ein Birkenstamm mit Aussichtsplätzchen wiederum lädt zum Klettern ein. Dazwischen: bequeme Strohkörbchen zum Kuscheln. An den Wänden: Kunst von der Hausherrin, nicht immer, aber auch mit Katzen.

 

Takako Ishimitsu betreibt das Café Neko seit fast 10 Jahren. 

©Kurier/Franz Gruber

In ihrer Heimat hat Ishimitsu Klavier studiert, war Hochschulassistentin. Die Aufnahme an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien misslang, als sie 1989 herzog. Danach arbeitete sie in einem Reisebüro (für Japaner, die in Österreich urlauben) und der Ständigen Vertretung Japans bei den Internationalen Organisationen in Wien. Kulturelle Verbindungen zwischen den beiden Ländern sind ihr wichtig.

Ein Austausch, den sie auch mit ihrem Café fördern wollte. „Wenn ich hier leben darf, ist es meine Aufgabe, den Österreichern die japanische Kultur näherzubringen.“ Cafés, in denen man die beruhigende Gesellschaft der Fellnasen genießen kann, sind in Asien höchst beliebt. Was einen Trend auslöste: In vielen europäischen Städten schossen Katzencafés wie Pilze aus dem Boden, eröffneten etwa in Prag, Zürich, Amsterdam oder Paris. 

Luca ist sanftmütig, Thomas rauft gern

Ein Blick nach oben. Ein großer roter Kater stemmt sich einen Baumstamm hoch, erklimmt danach ein hölzernes Zwischenplateau an der Wand. Von da aus hüpft er auf ein Brett, das entlang der Stirnfront des Lokals angebracht ist und trippelt von dort zu dessen aufwärtsstrebenden Mitte. Dort thront er nun hoch über den Köpfen der Besucher und blickt triumphierend in die Runde.

 

Der große rote Kater heißt Luca und ist einer von fünf Katzen im Café Neko. Der Wiener Tierschutzverein hat sie zur Verfügung gestellt. Sanftmütig und geduldig sei Luca, versichert Ishimitsu. Nur von kleinen Kindern nimmt er – im Gegensatz zu den anderen Vierbeinern, für die man vor Ort Futter kaufen kann, etwa selbstgekochtes Hühnerfilet - kein Fressen an. „Aus Rücksicht, er könne sie beim Fressen mit seinen Zähnchen verletzen“, so die Japanerin. 

Auch die Eigenschaften der anderen Katzen kennt sie in- und auswendig. Moritz etwa, der größte Stubentiger im Café, sei sich seiner Stärke nicht bewusst. Kurumi sei „ein sehr aufgeregtes Mädchen, aber sehr lieb.“ Und Thomas raufe gerne mit seiner Schwester Sonia. Das zarte Kätzchen sei stets sehr wachsam. Bekundet ein Hund von der Straßenseite Interesse am Katzencafé sei sie sofort zur Stelle – knurrend, fauchend, verteidigend.

Moritz

©Kurier/Franz Gruber

Das mag bei Hunden helfen. In die Küche bringt es die fünf aber nicht. Da mag die getigerte Kurumi noch so ungeduldig davor auf ihr Mittagessen warten: Hier ist der Zutritt streng verboten. Eine Alarmanlage, sprich ein Bewegungsmelder, läutet sofort Bescheid, sollte eine Katze bei der gläsernen Schwingtür hereinschlüpfen wollen. Da ist man äußerst wachsam. Kein Wunder: Bis zur Eröffnung mussten einst viele bürokratische Hürden überwunden, Marktamt genauso wie Tierschutz zufriedengestellt werden.  

„Stirb!“, schrieb ein Gegner 

Nicht nur das. Das Magistrat wurde mit bösen Anrufen bombardiert. Noch vor der Eröffnung gab es eine Anzeige. Sogar Drohbriefe erhielt Ishimitsu, die ihr unverblümt nahelegten, das Zeitliche zu segnen. Ishimitsu begegnete ihnen mit fernöstlichem Entgegenkommen. Angenommen wurden ihre freundlichen Einladungen auf einen Besuch, um der negativen Denkweise auf den Grund zu gehen, allerdings nie. Auch das ist - manchmal - Wien, dieser regelmäßig lebenswertesten aller Städte: Anzeige auf Verdacht, Bereitschaft zum Reden: keine. „Das war schon lustig, das eine oder andere Mal“, lächelt Ishimitsu.

Ihre Speisen, darunter japanische Häppchen (etwa Reisbällchen in Katzenform mit Kräutern) serviert sie zugedeckt. Den Gästen schmeckt’s – und gefällt’s: Katzenfreunde allesamt, ob junge Touristen oder ältere Menschen, die sich selbst keine Katze halten, pardon: ihr Kost und Logis anbieten, können.

 

Und das Katzenklo? Befindet sich (wie auch ein Rückzugsort) in einem Extraraum. Zwei Möglichkeiten haben die Katzen, diesen zu erreichen. Ein Eingang befindet sich zu ebener Erde, der aufwendigere Weg in luftiger Höhe: über eine ausgeklügelte Bahn aus Ästen und Brettern hinter den stählernen Lüftungsrohren liegt ein weiteres Türchen zu einer Örtlichkeit, an der einzig Katzen erlaubt sind - die Gesellschaft von Menschen ist eben nicht überall vonnöten.

Café Neko

Blumenstockgasse 5
1010 Wien
Tel:  +43 1 5121466

cafeneko.at

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine, Gründer einer PR- und Medienagentur und 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment für das Seitenblicke Magazin des Red Bull Media House. Interviewte Oscar-Preisträger, Popstars, Modedesigner, Supermodels und Gangsta-Rapper, von Quentin Tarantino und Woody Allen über Jennifer Lopez und Beyoncé bis Leonardo DiCaprio, vom Filmfestival Cannes wie von der Fashionweek Berlin. Seit Juli 2020 bei der Kurier freizeit. Mag Nouvelle Vague-Filme und Haselnusseis.

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