Von Hüttenmusik zum Bass-Boom: Wie Festivals die Alpen erobern

Es muss nicht immer nur Ballermann im Schnee sein. In Wintersportorten steigen auch Festivals mit ambitioniertem Musikprogramm. Und es werden mehr.

Was für ein „Tagerl“. Perfektes Skiwetter und „ein Tag im Schnee und mit Bass“ lockten zuletzt über 4.000 Menschen auf den Kasberg. So viele wie noch nie. Ein Allzeitrekord für das kleine oberösterreichische Skigebiet, das in den vergangenen Jahren in der Krise steckte.

Während die Teilnehmer von „Bass Mountain“ feierten und zu elektronischer Musik tanzten, verstand die Polizei keinen Spaß. Die Staatsmacht zeigte ihre eiskalte Kehrseite und die Veranstalter wegen Überschreitung der Teilnehmerzahl und Nichteinhaltung der Auflagen an.

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Das sommerliche Lighthouse Festival ließ sich in der Vorwoche mit seinem Winter-Ableger rund um das Grand Hotel de l’Europe in Bad Gastein nieder. Mit im Gepäck: DJs von so prominenten Clubadressen wie dem Münchner Blitz oder dem Berliner Berghain. Die Tickets waren schnell vergriffen.

Marcel Dettmann wurde als Resident-DJ im Berliner Berghain bekannt. Vor kurzem legte er in Bad Gastein beim Grand Lighthouse auf. 

©Yannick Stross/LHF/Yannick Stross

Mit den Konzerten zum Saisonopening, bei denen man sich ohnehin nicht lumpen lässt, ist es nicht mehr getan. Festivals im Schnee liegen im Trend – und jede Saison poppt irgendwo in den Alpen wieder ein neues auf. Denn Wintersportorte, oft Synonym für Après-Ski-Geklirre, haben ihre musikalischen Grenzen gesprengt. Und seien sie noch so klein.  Der Klang der Berge besteht auch aus Rock, groovender Elektronik und den donnernden Bässen der Nacht. 

Nicht das erste, aber eines der bekanntesten Winterfestivals Europas ist das Snowbombing, das im ausklingenden Winter im Tiroler Örtchen Mayrhofen einschlägt. Dort fallen seit 19 Jahren im April die Briten ein und haben von The Prodigy über Liam Gallagher oder Bicep Musiker bis DJs von Weltrang dabei. Hütten verwandeln sich in dunstende Rave-Höhlen und die Partys im Geschäftslokal des Fleischhauers Hans Gasser, alias „Hans The Butcher“, sind ein Pflichttermin.

Festivalgründer Gareth Cooper war gelangweilt von der Musik, die sonst so in den Skigebieten läuft und schuf Abhilfe: „Wir dachten, wenn der Berg nicht zur Musik kommt, kommt die Musik zum Berg“, sagte er.

Nackt gefesselt

Doch wer die Inselbewohner schon einmal beim Feiern erlebt hat, weiß, der Sound ist nicht alles. Während die musikalische Programmierung auch bierernste Feuilleton-Kritiker in Verzückung versetzen kann, gerät das Partygebaren gerne mal aus den Fugen. „Man hat hier so viel Spaß, dass man sich fragt: Sollte das nicht illegal sein?“, sagte Mike, Mitglied der Band „The Cuban Brothers“ dem Mixmag. „Das ist ein absoluter Blödsinn, es ist das verrückteste Festival, auf dem ich je war, aber man darf nicht vergessen, dass es ein Marathon ist. 2006 musste ich darum bitten, nackt ans Bett gefesselt zu werden und nicht mehr rauszukommen, weil ich vier Tage lang durchgehend gefeiert hatte und einfach nur ein bisschen Zeit auf der Piste haben wollte.“

Das Snowbombing schreibt Geschichten. Dabei war es am Anfang nur ein Marketingtrick, um Skiurlaub zu verkaufen. „Es war ein Gag, als wir ein paar DJs in die Berge verfrachteten“, sagte Gründer Cooper einmal.

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Und auch der Tourismus profitiert davon. „Es ist eine aufregende Gelegenheit, einer neuen Generation die Wunder der winterlichen Berge näherzubringen“, schrieb der britische Telegraph. Schließlich gibt es in England nicht wenige junge Menschen, die mit Österreich nichts anfangen können. Der internationale Werbewert ist enorm.

Abhängen beim  Snowboxx  in Frankreich. Das große Festival legt seinen Schwerpunkt auf elektronische Musik. 

©Sam Wordsworth

„Zielgruppen von Musikevents zielen natürlich genau auf die Fans der jeweiligen Musikrichtung oder Bands ab, das heißt, hier kann die Destination sehr zielgerichtet agieren. Will ich junge Menschen anziehen, dann schau ich mir an, welcher DJ oder welche Clubmusik derzeit gefragt ist“, sagt Mike Peters, Professor am Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus an der Universität Innsbruck. „Wichtig ist aber der ‚Fit’, das heißt, der Event muss inhaltlich in die Region passen, richtig dimensioniert und mit Unterstützung der Einheimischen eingebettet werden.“

Volle Motivation

Und ein nicht zu vernachlässigender Aspekt: „Events helfen, die Nachfrage in Nebensaisonen zu steigern und eine Destination nicht nur von den Hauptsaisonen abhängig zu machen“, erklärt Peters. Die Festivals – egal ob zu Beginn oder Ende des Winters – sind also ein Zeichen nach außen, aber auch nach innen. „Ab diesem Zeitpunkt sind dann die Arbeitskräfte vor Ort und legen für einige Monate motiviert los. Denn die Auslastung stimmt dann von Beginn.“

Beim Zermatt Unplugged  schlagen Musiker und Publikum unterm Matterhorn leisere Töne an 

©david biedert

Die Beschallung der meisten Schneefeste wird von elektronischen Klängen dominiert. Offenbar wollen sich die Besucher zwar die Hüttenmusik, nicht aber das Feiern nehmen lassen. Mit Blick auf das Matterhorn zeigt man beim Zermatt Unplugged, dass es auch ruhiger geht. Birdy, Gregory Porter und viele andere kommen für akustische Auftritte in die Schweiz. Dazu setzen nicht wenige Orte auf Jazz und Schneekunst. Denn Skifahren ist nicht alles.

Festivals im Schnee

Art On Snow Bis 9. 2. Werke aus Schnee und Eis im Gasteinertal beim größten Kunstfestival der Alpen.  gastein.com

Snow Jazz Gastein Uraufführungen und Neuentdeckungen aus der Welt des Jazz. Und das mit  Blick auf die Gasteiner Bergwelt. 13.–17. 3. jazz-im-saegewerk.org

Swing on Snow Jazz auf der Hütte, Soul auf der Piste oder traditionelle Takte abends im Restaurant. Rund um die Seiser Alm in den Südtiroler Dolomiten geht es vom 14. 3.–22. 3.  hoch her. seiseralm.it

Tomorrowland Winter Im Sommer steigt das Festival mit  einer halben Million Menschen in Belgien. Im Winter geht es im französischen L’Alpe d’Huez zur Sache. EDM-Helden wie Felix Jaehn oder Afrojack sind  ebenso da wie Techno-Berühmtheit Nina Kraviz.  16.–23. 3. tomorrowland.com/winter

Snowboxx Festival mit Schwerpunkt elektronische Musik aus Großbritannien in Avoriaz, Frankreich: The Streets, Netsky, Danny Howard. 16.–23. 3. snowboxx.com

Rock the Pistes In Portes du Soleil, an der französisch-schweizerischen Grenze, wird die Piste wirklich gerockt – das Festival  findet am Abhang statt. Mit Zaho de Sagazan, die in Frankreich als neue Charlotte Gainsbourg gilt, Louis Bertignac oder Joey Starr. 17.–23. 3. rockthepistes.com

The Unlimited Elektronik-Festival in Chamonix beim Mont Blanc u. a. mit Techno-Großmeister Laurent Garnier, Maceo Plex oder Paula Temple. 25. 3.– 1. 4. unlimited-festival.com

Tanzcafé Arlberg  Indie, Swing, Mundart-Pop oder Hip-Hop-Beats am gesamten Arlberg. Mit Josh, Fiva, Granada, Frinc. 31. 3. –14. 4. tanzcafe-arlberg.com

Snowbombing Mayrhofen Die Briten machen Tirol wieder unsicher.  Mit dabei: Bicep, Fatboy Slim, Andy C oder Bashkka. 8.–13. 4. snowbombing.com

Zermatt Unplugged Akustik-Musikfestival am Fuße des Matterhorns. Mit Birdy, Michael Patrick Kelly, Gregory Porter, Kate Nash u. v. m. 11.–15. 4. zermatt-unplugged.ch

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er werkt dort seit Dezember 2020 und darf sich mit Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle befassen. Also mit allem, was schön ist und Spaß macht. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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