
Das Lego der Videospiele: Wie Minecraft die Welt erobert
Minecraft ist mit 300 Millionen verkauften Stück das zweitbeliebteste Videospiel aller Zeiten. Diese Woche kommt der Hollywoodfilm aus der klobigen Spielewelt in die heimischen Kinos. Aber wie kam es zu dem Hype?
Am Anfang sind meist ein paar Bäume. Mit kantigem Stamm und pixeliger Baumkrone. Ein paar Tiere; mit etwas Glück, eine kantige Wasserfläche, die wie ein Pool aussieht, aber einen See darstellen soll. Am Himmel, weil jede Reise mit einem neuen Tag beginnt: ein weißes Quadrat als Sonne. Und dann? Dann macht man das, was man zum Überleben tun muss: Werkzeug fertigen, Essen beschaffen, ein Nachtlager errichten.
Willkommen bei Minecraft – jenem Computerspiel, das seit 15 Jahren die Spielwelt begeistert, das aktuell monatlich von 160 Millionen Gamern gespielt wird und das insgesamt 300 Millionen Mal verkauft wurde. - damit wird es einzig von Tetris überboten. Doch wie hat es ausgerechnet dieses Spiel mit seiner einfachen Aufgabe und dem klobigen Design geschafft, sich seit 15 Jahren erfolgreich gegen tausende Neuerscheinungen zu behaupten?

Videospiel Minecraft
©APA/AFP/FREDERIC J. BROWNSchließlich gibt es heute nicht nur eine eigene Minecraft-Convention, es gibt Lego-Sets vom Ender-Drachen oder von der Illager-Wüstenpatrouille, Onesies im grünen Creeper-Stil, T-Shirts von Charakter Stephe oder Kuscheltiere vom blauen Axolotly. Und nun steht der vermeintliche Ritterschlag der Popkultur bevor: Anfang April kommt "Minecraft, der Film" in die heimischen Kinos.
Minecraft, meint Lisa Gotto, Professorin für Film- und Medientheorie an der Universität Wien, sei ein bisschen wie Lego. "Bei beiden handelt es sich um Konstruktionsspielzeug." Einmal wird mit echten, einmal mit digitalen Blöcken gebaut. Aber bei beiden darf man spielen und kreativ sein, kann alleine und gemeinsam tätig sein – und diesen Umstand immer wieder ändern.

Szenenbild aus Minecraft
©Courtesy Warner Bros. PicturesDie Grafik, ergänzt Lisa Gotto, sei dabei ebenso einfach wie elementar: "Es handelt sich nicht um eine naturalistische Nachbildung, sondern um eine gebaute Welt, die ihre Spielhaftigkeit offen ausstellt." Das betone ihren Modellcharakter und lade zum Mitmachen ein.
Eine persönliche Erfahrung
Das hört man auch, wenn man sich bei Spielern erkundigt: Ohne komplexe Story, ohne Dialoge, ohne richtiges Ziel (denn man kann nach dem Sieg über den Enderdrachen weiterbauen), bleibt eines über: sein. "Du gehst Verbindungen mit der Welt um dich herum ein, weil du es willst, nicht wegen einer emotionalen Vorgeschichte", erklärt der Youtuber TrionMaiden in seinem Video. Warum Minecraft das beste Spiel der Welt ist: "Minecraft ist eine Erfahrung, die komplett von dir gestaltet wird. Es ist ein Buch, das von dir geschrieben, überarbeitet und herausgegeben wird."
Minecraft
Das Spiel
Minecraft ist ein Videospiel nach dem Sandkasten-Prinzip, bei dem Spieler versuchen, in einer blockartige Welt zu überleben. Es wurde vom schwedischen Videospieler Markus "Notch" Persson entwickelt. Mit 160 Millionen monatlichen Spielern und mehr als 300 Millionen verkauften Spielen, ist es eine der größten Videospielmarken der Welt.
Der Film
Vier Außenseiter werden durch ein mysteriöses Portal in die Überwelt gezogen werden: ein bizarres, kubisches Wunderland, das von der Fantasie lebt. Um wieder nach Hause zu kommen, müssen sie diese Welt meistern. Der Film mit Jason Momoa in der Hauptrolle, kommt diese Woche in die heimischen Kinos
Schon als Minecraft-Erfinder, der schwedische Programmierer Markus "Notch" Persson, 2009 den Spiel-Vorgänger "Cave Game" auf den Markt brachte, waren Spieler fasziniert: Die Funktionen waren überraschend ausgefeilt; man konnte das Spiel mit Freunden aber auch alleine spielen und das Sandkasten-Prinzip eröffnete ein zuvor unbekanntes Maß an Kreativität und Ausdrucksmöglichkeit. Als im November 2011 die offizielle Vollversion veröffentlicht wurde, hatte Produzent Majong Studios bereits vier Millionen Stück verkauft.
Doch das Videospiel ist heute nicht nur als Freizeitbeschäftigung beliebt: Schulen auf der ganzen Welt nutzen die Education-Edition von Minecraft, um Physik, Kunst, Elektronik oder nachhaltige Landwirtschaft zu unterrichten, erläuterte Gotto.

Lisa Gotto, Professorin für Film- und Medientheorie an der Universität Wien
©PrivatMinecraft bringt Kinder zum Programmieren
Vergangenen Sommer hat die Universität von Essex ein Minecraft-Psychologie-Labour eröffnet: Studierenden sollen dabei in der Minecraft-Welt Experimente entwickeln. Und in Kärnten nutzt Robert Graf den Erfolg von Minecraft, um Kinder bereits im Alter von sieben Jahren fürs Programmieren zu begeistern. Mit seiner Junior-Uni hat er 250 Kinder an Wochenendkursen die Grundkenntnisse mit der Programmiersprache Python beigebracht.

Kinder lernen mit Minecraft das Programmieren
©Robert GrafWie erfolgreich sie Lerneinheiten sind, zeigte sich unlängst beim Schnuppertag in der HTL mit seinem 14-jährigen Sohn: "Livio wusste so viel, dass er den Schülern in der zweiten Klasse Oberstufe bei Problemen aushelfen konnte." Die blockartige Minecraft-Welt sei zum Üben ideal: "Es geht um Kreativität und nicht um Gewalt. Und die Kinder fasziniert es, wenn sie zu einem bestehenden Spiel etwas ergänzen können." Einmal mehr kommt die Offenheit, die Freiheit dem Spiel zugute.
Falsches Medium?
Genau das könnte beim Film jedoch zur entscheidenden Herausforderung werden. "In Minecraft ist das Gestalten der Spielwelt Anlass, Sinn und Zweck des Spielens", gibt Lisa Gotto zu Bedenken. "Dieses zentrale interaktive Element geht beim Medientransfer vom Videospiel zum Film verloren."

Der erste Trailer im Herbst 2024 hatte eine Welle der Verunsicherung ausgelöst. Fans kritisierten die "seelenlose" Darstellung von Overworld oder auch die Entscheidung, echte Schauspieler einzusetzen. Der zweite, detailiertere Trailer hatte viele dann aber wieder etwas versöhnt. Warner Bros rechnet dennoch mit 55 Millionen Euro am Eröffnungswochenende. Majong-Director Torfi Frans Ólafsson wird den Erfolg anders messen, wie er gegenüber Variety bemerkte: "Wenn ich auf die Geburtstagsparty eines Zehnjährigen gehen kann und nicht verhöhnt oder verspottet werde oder Gegenstand kollektiven Ärgers bin, dann denke ich, dass ich es geschafft habe."
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