Oscars 2022: Schlägt Haruki Murakamis Stunde?

"Dune" oder "Drive My Car": Welche Literaturverfilmung macht in der Oscarnacht das Rennen?

Von "Vom Winde verweht" (10 Oscars) über "Ben Hur" (11 Oscars) bis zu "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" (11 Oscars) gilt: Literaturverfilmungen haben traditionellerweise gute Chancen, mit Oscars geradezu überschüttet zu werden.

Üblicherweise sind es hunderte Seiten dicke Schmöker, die von Regisseuren für die Leinwand adaptiert werden. Die Südstaaten-Saga "Vom Winde verweht" hat etwa in ihrer deutschen Übersetzung 1.120 Seiten. Frank Herberts Sciencefiction-Story über den Wüstenplaneten "Dune" umfasst 880 Seiten. Und die Vorlage für das für 12 (!) Oscars nominierte Filmdrama "The Power of the Dog" von Jane Campion ist immerhin 352 Seiten stark.

So betrachtet, ist die gleich vierfache Nominierung von Ryusuke Hamaguchis "Drive My Car" einzigartig. Der 3-Stunden-Film basiert auf zwei Kurzgeschichten, die zusammen gerade einmal 100 Seiten ausmachen.

Der Kandidat

Seit Jahren gilt Murakami als Kandidat für den Literaturnobelpreis. Insofern wäre es eine willkommene Überraschung, würde nun "Drive My Car" triumphieren. Nominiert ist der stille Film über die gemeinsamen Autofahrten eines Theaterregisseurs und seiner Chauffeurin in einem roten Saab jedenfalls in den Kategorien "Bester Film", "Bester Internationaler Film", "Beste Regie" und  "Bestes adaptiertes Drehbuch".

Die Chancen stehen also gut, dass sich zumindest ein "bester Film" ausgeht. Das ist nicht einmal Akira Kurosawa ("Die sieben Samurai"), dem erfolgreichsten japanischen Filmemacher, gelungen.

Der Katzenfreund

"Drei Stunden. Und ich liebte jede einzelne Minute davon", lobt etwa Dan Forrester das Werk in der Facebook-Gruppe "Reading Haruki Murakami". Er ist einer von den Hunderttausenden Lesern, die sich in den sozialen Medien rege über die bisweilen ausufernden Plots des japanischen Bestsellerautors austauschen.

Ob Beatlesfan, Katzenfreund oder einfach so japanophil wie bibliophil: Seit seinen Debütromanen "Wenn der Wind singt" und "Pinball 1973" hat der frühere Übersetzer und Betreiber einer Jazzbar in Tokio sukzessive neue Leserschaften erobert. Die Bücher des 73-jährigen Autors verkaufen sich weltweit in zweistelliger Millionenauflage. In insgesamt 50 Sprachen übersetzt, wird Murakami dabei auch von seiner deutschsprachigen Leserschaft hoch verehrt. Sechs Millionen Exemplare auf Deutsch sprechen eine eindeutige Sprache.  

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©APA/AFP/JOHN MACDOUGALL / JOHN MACDOUGALL
Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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