"Der schlimmste Mensch der Welt": Frau, Ende zwanzig, sucht Sinn

Joachim Triers sympathische Antiheldin, gespielt von der tollen Renate Reinsce, hat (zu) viele Möglichkeiten

Von Susanne Lintl

Medizin? - Ist zu blutig. Psychologie? – Zu kompliziert und vor allem zu deprimierend. Fotografie? – Geht so. Aber auch kein Traumberuf.

Julie, Tochter aus gutbürgerlichem Haus und nicht gerade von finanziellen Engpässen gequält, kann sich nicht entscheiden, was sie aus ihrem Leben machen soll. Mit Ende zwanzig stolpert sie ziellos durch ihren Alltag, der im Übrigen recht bequem ist. Julie lebt in einer schicken Wohnung, ist gern gesehener Gast auf hippen Partys und zieht die Blicke der Männer auf sich.

Mit einem, dem prätentiösen Comiczeichner Aksel, lebt sie zusammen, ohne wirklich verliebt in ihn zu sein. Oder sie ist es nicht mehr: Zu sehr kehrt Aksel den älteren, erfahrenen Macker hervor, der der jungen Geliebten erklärt, was richtig und wichtig ist im Leben.

Julie wehrt sich nicht gegen diese Besserwisserei, sie klagt nicht, lässt sich unbekümmert auf alles ein, was das Leben ihr zu bieten hat. Als sie bei einer Party den ebenso unentschlossenen Eivind kennenlernt, beschwören sich beide mantraartig, nichts anzufangen – um dann doch im Bett zu landen.

Dem norwegischen Regisseur Joachim Trier und seinem Drehbuch-Co-Autor Eskil Vogt ist mit der Schöpfung ihrer Antiheldin Julie ein Kinocoup gelungen: Man kann sich nicht sattsehen an dieser schusseligen, zögerlichen, lebenslustigen und sympathischen jungen Frau, die ihren Selbstfindungstrip als amüsantes Endlosabenteuer inszeniert.

Viele Möglichkeiten

Renate Reinsve – für ihre Darstellung der Julie auf internationalen Festivals mit Preisen überhäuft – strahlt von innen. Man nimmt ihr die Anziehungskraft, die sie vor allem auf ihre männlichen Mitmenschen ausübt, locker ab. Anders als in Joachim Triers ersten beiden Filmen seiner Oslo-Trilogie, „Alles auf Anfang“ und „Oslo, 31. August“, wo Mittvierziger an ihren Problemen verzweifelten, gehört seine Heldin nun, im dritten Teil, der jüngeren Generation an.

Eine Generation, die gerne lebt und ihre Möglichkeiten bis zum Äußersten auslotet. Aber: Viele Möglichkeiten, das bedeutet auch, viele Entscheidungen treffen zu müssen. Damit tun sich die jungen Leute sichtlich schwer.

„Der schlimmste Mensch der Welt“ ist zudem originell gefilmt. Trier gliedert den Film in zwölf romanhafte Kapitel, streut witzige Animationssequenzen ein, setzt auf prägnante Popmusik und lässt in emotional bedeutsamen Szenen das Bild gefrieren. Die edle, bourgeoise Kulisse, in denen sich das Geschehen abspielt, tut ein Übriges dazu, sich als Zuseher zu fühlen, als blicke man durchs Schlüsselloch einer Hochglanzgesellschaft.

Eine schlechte Person – und schon gar nicht der schlimmste Mensch der Welt – ist Julie nicht. Sie ist unstet und oft unbedacht, aber ganz sicher nicht böse.

INFO: NOR 2021. 121 Min. Von Joachim Trier. Mit Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie.

Kann sich nicht entscheiden: Renate Reinsve in "Der schlimmste Mensch der Welt"

©FILMladen

Kommentare