Filmkritik

"Der Gesang der Flusskrebse": Allein mit der Sehnsucht nach Natur

Bestsellerverfilmung über ein modernes Robinson-Mädchen, das in der Marsch-Landschaft von South Carolina seine Erfüllung findet

Von Gabriele Flossmann

Die angelsächsische Literatur sieht ihre Außenseiter gerne in einer abgelegenen Wildnis. Wie etwa „Walden“, ein Buch des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau aus dem Jahr 1854, in dem er über sein zeitweiliges Leben als Aussteiger schrieb und damit für einen „Klassiker aller Alternativen“ sorgte. Wie vor ihm bereits Daniel Defoe mit „Robinson Crusoe“ oder Rudyard Kipling mit seinem „Dschungelbuch“. Die letzteren beiden Romane wurde mehrfach und erfolgreich verfilmt. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass auch „Der Gesang der Flusskrebse“ – Bestseller des Jahres 2019 – den Weg ins Kino findet.

Zurück zur Natur

Die amerikanische Autorin Delia Owens erzählt darin von einer jungen Frau namens Kya, die offenbar schon seit ihrer Kindheit zurückgezogen im Sumpfgebiet von North Carolina lebt. Ihr Einsiedlerinnendasein inmitten einer menschenabweisenden Natur verstört die wenigen Nachbarn. Dass das Mädchen schön ist, heizt dazu noch die Gerüchteküche an. Vor allem, als in der Nähe ein Toter gefunden wird. Chase, ein gut aussehender junger Mann, noch dazu aus reichem Haus – und verheiratet. Schnell fällt der Verdacht auf Kya, die – wie gemunkelt wird – jahrelang seine heimliche Geliebte war. Bis er sie sitzen gelassen hatte. Nur sie – da sind sich alle einig – hatte ein Mordmotiv. Sie wird vor Gericht gestellt.

Liebeskrimi

Die Verfilmung mäandert – wie auch die Buchvorlage – mit diesem Themenmix zwischen Coming-of-Age-Geschichte, Liebesdrama und Kriminalrätsel. In Rückblenden werden die Hintergründe aufgearbeitet, warum Kya schon seit ihrer Kindheit allein in der unwirtlichen Marschlandschaft lebt. Einst war sie jüngstes Mitglied einer Großfamilie. Bis die Mutter der damals Sechsjährigen vor ihrem gewalttätigen Ehemann die Flucht ergriff. Kurz nach ihr verschwanden die Geschwister und zuletzt auch der Vater von Kya. Halbherzige Versuche einer Sozialarbeiterin, das kleine Mädchen in die Gemeinschaft in einem nahe gelegenen Örtchen zu integrieren, scheitern an der Ablehnung der Bewohner.

Robinson-Mädchen

Kya (über)lebt, indem sie sich von Muscheln und Fischen und selbstangebautem Gemüse ernährt. Sie sammelt Vogelfedern, Tierzähne, Pflanzen und Bälge, um daraus Gegenstände zu fertigen. Ein älterer Bub bringt ihr das Lesen und Schreiben bei. Da ihr einziges Lehr- und

Lesebuch ein Natur-Almanach ist, wächst ihre Liebe zu Pflanzen und Tieren. So weit, so betulich.

Was den – nicht eindeutig geklärten – Mord betrifft, so sind diese Passagen angeblich autobiografisch. Die Romanautorin Delia Owens war 1996 selbst in einen ähnlichen, ungeklärten Todesfall verwickelt. Die Verfilmung ihres Bestsellers ist jedenfalls nicht ganz so schwülstig wie der Schreibstil der Autorin.

In Zeiten ständig neuer Bedrohungsszenarien über die Zerstörung der Umwelt wird dieser Film über ein Mädchen, das in der Natur seine Bestimmung findet, sein Publikum finden. Eskapismus im heimeligen Kinoformat.

Der Gesang der Flusskrebse. USA 2022. 125 Min. Von Olivia Newman. Mit Daisy Edgar-Jones.

Kommentare