Eine Reproduktion des Nachdrucks der ersten "Bravo" Ausgabe vom 26.8.1956.

Revolution im Jugendzimmer: Vor 66 Jahren debütierte "Bravo"

Von Eltern verpönt, von Teenies geliebt: Am 26. August 1956 erschien die erste deutschsprachige Jugendzeitschrift.

Die schlechte Nachricht zuerst: Dr. Sommer war nicht von Anfang an dabei. Am 26. August 1956 erschien mit "Bravo" die erste deutschsprachige Jugendzeitschrift. Ja, genau jene Illustrierte, die sich mit offenherzigen Foto-Lovestories, dem mehr oder weniger sachlichen Rat von Aufklärungspapst Dr. Sommer und dem Ganzkörperposter Starschnitt einen legendären Ruhm erwerben sollte.

Zu Beginn aber blieb das Blatt mit dem Untertitel "Die Zeitschrift für Film und Fernsehen" auf dem Boden der angezogenen Tatsachen: Marilyn Monroe und andere Stars waren covertauglich, die Nachhife in Sachen sexueller Revolution heftete sich die Redaktion erst ab 1969 auf die Fahnen.         

Ein "Bravo"-Heft von 2009 mit Ashley Tisdale auf dem Cover.

©Wikipedia

Natürlich, die goldenen Zeiten von Bravo sind längst vorbei. Wöchentliche Millionenauflage schon lange ade, seit zwei Jahren erscheint die einstige Institution nur mehr monatlich. Schade eigentlich, denn im Grunde genommen haben sich die Zeiten für Teenager nicht so stark verändert, wie Erwachsene oft meinen. Damals fieberten Jugendliche der "Mein erstes Mal"-Geschichte entgegen, um zu erfahren, was dieser ominöse Begriff "Petting" genau meint. Heute geht die Dr. Sommer-Sprechstunde auf spotify der Frage nach: "Wie geht ein Zungenkuss?" 

1959 zog "Bravo" in Form des Starschnitts in Lebensgröße in die Jugendzimmer ein. Eine geniale Idee zur Leser-Blatt-Bindung. Um alle Teile zu bekommen, mussten mehrere Hefte gekauft werden. Insgesamt erschienen 118 Starschnitte, von Elvis über die Beatles, die Backstreet Boys und Britney Spears bis zu Justin Bieber. Brigitte Bardot zierte den ersten.

Pop-Geschichte mit BRAVO

Lange bevor sich das Heft mit den "Bravo-Hits" als Pop-CD-Marke etablierte, gelang den Machern ein echter Coup: 1966 initiiert und sponsert "Bravo" eine Beatles-Blitztournee in Deutschland. Die sechs Konzerte, zwei davon in Hamburg, zählen zu den letzten Auftritten der Fab Four in Europa.  

MTV und Internet sind ab den 1990er-Jahren eine wachsende und bald übermächtige Konkurrenz. Aber 2005 gelingt noch ein letzter großer Erfolg. "Bravo" ist maßgeblich daran beteiligt, Tokio Hotel zu Teenie-Stars aufzubauen. Über das Magdeburger Quartett um Bill und Tom Kaulitz wird von Anfang an exzessiv berichtet.

Und Dr. Sommer?

Dr. Jochen Sommer, der Aufklärer der jungen deutschsprachigen Nationen, stand der "Bravo"-Redaktion in den Jahren 1969 bis 1984 zur Seite. In Wirklichkeit hieß der 1927 in Bielefeld geborene Arzt, Psychotherapeut und Religionslehrer Martin Goldstein. Als Leiter einer Jugendberatungsstelle in Köln wollte er seinen seriösen Ruf aber nicht durch die Aufklärungsarbeit in der "Bravo" gefährden, daher das Pseudonym. 

Dr. Sommers Sexualberatung kam jedenfalls so gut an, dass Dr. Goldstein die damals noch per Post einlangenden Fragen ab Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr alleine bewältigen konnte. Er holte sich Unterstützung. Mit Erfolg. Sein Dr. Sommer-Team ist auch auf Spotify eine beliebte Anlaufstelle.   

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. 1978 erster Manager der Linzer Punk-Legende Willi Warma. 1979 Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1986 Institut für Höhere Studien, Wien. 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, 1994 Statist in Richard Linklaters "Before Sunrise", seit 1995 in der FREIZEIT. 2013 "Das kleine ABC des Geldes. Ein Lesebuch für Arm und Reich" (Czernin Verlag). Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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