Wie alte Tunnel zu neuen aufregenden Orten werden

In London treiben sich bald Millionen Touristen in revitalisierten Stollen mit Bars oder immersiven Ausstellungen herum. Obwohl Tunnel nicht die beste Aufenthaltsqualität haben, faszinieren sie.

Einst waren die Tunnel streng geheim. So sehr, dass sie mit dem „UK’s Official Secrets Act“ rechtlich geschützt wurden. Sie erstreckten sich über eine Meile, hatten eine Gesamtfläche von 7.100 Quadratmetern, 8.000 Menschen konnten darin Platz finden. Während des Zweiten Weltkriegs waren sie Kommandobunker. Nach dem Krieg zog der MI6 ein – jener Geheimdienst, der so diskret war, dass die britische Regierung dessen Existenz erst 1994 bestätigte.

Dann machte sich das Staatsarchiv in den „Kingsway Tunnels“ breit und lagerte dort 400 Tonnen Geheimakten. Während des Kalten Kriegs verband der heiße Draht von hier aus die USA und die UdSSR.

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Nun bekommen die mächtigen Anlagen in Londons Untergrund eine neue Funktion. Sie sollen eine der beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt werden. Zuvor werden 150 Millionen Euro für die Renovierung verwendet – und dann nochmals 90 Millionen in eine Erlebniswelt gesteckt. Neben immersiven, interaktiven Ausstellungen werden die Gäste wohl stylische Bars im Untergrund besuchen können. Noch muss die Stadtverwaltung zustimmen, aber die Projektbetreiber geben sich zuversichtlich.

Immersive Ausstellungen sollen Teil der revitalisierten Tunnel in London sein 

©DBOX tlt

Tunnel eignen sich mit ihrer dunklen, ungemütlichen Atmosphäre nur schwer als Aufenthaltsräume. Und doch üben sie eine gewisse Faszination aus.

Der mysteriöse Untergrund von Paris

Als besonders geheimnisvoll und anziehend gilt der Untergrund von Paris, der schon bei den Römern als Steinbruch und später in kleinen Teilen als Katakomben für die Leichen diente. Als Stadt unter der Stadt hat er viele Literaten inspiriert. Ein Aufständischer wird in Victor Hugos „Les Misérables“ durch die Kloaken gejagt. Auch in Alexandre Dumas„Les Mohicans de Paris“ formieren sich unter der Erde revolutionäre Kräfte. Und auch das „Phantom der Oper“ hat seinen Lebensraum in den Gängen unter dem Musiktheater.

Die Kataphilen, wie sie in Frankreichs Hauptstadt genannt werden, sorgten vor allem in den Achtzigern für Aufsehen. Sie drangen in verbotene Bereiche des Untergrunds ein und veranstalteten dort ihre Partys. Medien hyperventilierten, berichteten von „schwarzen Messen“ oder „Sex und Drogenkonsum in den gruseligen Grüften“.

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Der spätere Präsident und damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac bot dem Treiben Einhalt. Er ließ den Eintritt in die Unterwelt verbieten. Immerhin war die Gefahr groß, von herabfallenden Steinbrocken getroffen zu werden oder sich in dem weitverzweigten System zu verirren. Zugänge wurden verschweißt, die Polizei kontrollierte. Wenn sie jemanden erwischte, bekamen die Eindringlinge ein Bußgeld aufgebrummt. Die Höhlenmenschen verschwanden aus dem Licht der Öffentlichkeit.

Doch im Jahr 2004 machte die Exekutive noch eine große Entdeckung: Ein vollständig eingerichteter Kinosaal lag unter dem Palais de Chaillot gegenüber dem Eiffelturm verborgen. Die Beamten fanden Filmrollen, eine Bar und eine Botschaft: „Sucht uns nicht!“ Heute gibt es Führungen durch Teile der Tunnel. Und für alle Eingeweihten wartet hie und da immer noch eine geheime Party oder eine Bar, die vom Geist alter Zeiten durchweht ist.

Dass alte Tunnel Tag und Nacht dunkel und aufgrund ihrer Form eine gewisse Energie in sich tragen, macht sie für Partys interessant. Discos und Clubs, die den Namen Tunnel tragen und in alten unterirdischen Gemäuern angesiedelt sind, gibt es um den Erdenrund zuhauf. Oft müssen sie nicht groß umgebaut werden, um ihren Zweck zu erfüllen.

Flex im U-Bahnschacht

Dass sich ein derartiger Ort gut fürs Nachtleben eignet, wusste man im Wien der Neunziger. Ein punkiger Laden war bei den Anrainern in Meidling nicht wohlgelitten, die Polizei kam wegen der fehlenden Schallisolierung gerne vorbei. Doch das Flex war für die Jugend- und Popkultur einer sich im Aufbruch befindenden Stadt zu wichtig, als dass man den Stecker zog und ganz zusperrte.

Der damalige Bürgermeister Helmut Zilk ließ einen leer stehenden U-Bahntunnel finden, wo sich die Anrainer nicht so sehr am Treiben stoßen konnten (was Jahre später dennoch der Fall war). Der Schacht wurde mit einer außergewöhnlich guten Anlage ausgestattet, und eine Weile gab das Flex im Wiener Nachtleben den Ton an.

Mavi Phönix bei einem Konzert im Wiener Flex. Der Club ist in einem alten U-Bahnschacht untergebracht.

©Kurier/Franz Gruber

Es muss aber nicht immer nur Party sein. Denn kreative Köpfe wissen alte Tunnel anderwertig aufzuhübschen. Unter den Gleisen der Waterloo Station in London messen sich Skater auf Betonrampen, Bänken, Pipes im House of Vans. Wo sie nicht kurven, ist der Boden mit schwarz-weißen Fliesen ausgestattet, ein Lichtleitsystem an der Wand führt in eine helle, freundliche Bar.

Während man hier der Jugendkultur huldigt, ist es im Tunnel of Light in der japanischen Kiyotsu-Schlucht die Kunst. Die Installationen von MAD Architects soll Gäste anregen, „die reale natürliche Welt um sie herum wertzuschätzen“, wie das Fachmedium Architonic einmal schrieb. Die Gänge wurden für die Besucher einer nahen Thermalquelle gebaut, nachdem ein Felssturz den früheren Kletterpfad unsicher gemacht hatte. Drei Tunnel führen unterschiedlich gestaltet zu drei Aussichtspunkten.

Der Tunnel of Light in Japan ist mit Kunstinstallationen ausgestattet – dieser psychedelische Gang führt zu einem Aussichtspunkt  

©Getty Images/Tomohiro Ohsumi/Getty Images

„Höhepunkt der Passage ist eine Lichthöhle mit Wänden aus Edelstahl“, konstatiert Architonic. „Diese reflektiert das Bild der Schlucht auf ihre Wände und das flache Wasserspiel zurück und ermöglicht Gästen, das Spiegelbild der Landschaft auf geheimnisvolle Weise zu verändern, wenn sie sich dem Tunnelrand nähern.

Das Glanzstück im  Tunnel of Light: Wände aus reflektierendem Edelstahl.

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Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

Redakteur bei der KURIER Freizeit. Er schreibt dort seit Dezember über Reise, Kultur, Kulinarik und Lifestyle. Also über alles, was schön ist und Spaß macht. Er begann 2011 als Oberösterreich-Mitarbeiter in der KURIER-Chronik, später produzierte er lange unterschiedliche Regionalausgaben. Zuletzt war er stellvertretender Chronik-Ressortleiter.

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