Gärtnern ohne Umgraben: Öko-Trend für Faule, die die Erde lieben

Weniger machen, mehr ernten - dazu Gutes für den Boden und die Gesundheit tun: Der Brite Charles Dowding hat eine Methode berühmt gemacht, die immer mehr Menschen anwenden.

Bücken, umgraben, zupfen – und dann, autsch, Kreuzweh: Das sind die Beetgeschichten von einst. Moderne Gärtner setzen stattdessen auf eine Methode, bei der nichts umgegraben wird und trotzdem ertragreiche und üppige Beete entstehen, noch dazu frei von Unkraut. "No Dig" - "kein Umgraben" - heißt der aktuelle Gartentrend, der nicht nur dem Rücken guttut, sondern auch der Seele, im Sinne entspannten Müßiggangs. Es heißt, er wäre ideal für faule Gärtner. Für die Natur ist’s nicht minder wohltuend, die These: Wo nicht in der Erde herumgewühlt wird, bleibt das Ökosystem des Bodens erhalten – die wundersame Welt der Regenwürmer und Mikroorganismen kann sich entfalten. Blumen blühen, Obst und Gemüse gedeiht.

Garteln ohne Graben ist vor allem in Großbritannien und in den USA beliebt, dort gibt es eine wachsende Fan-Gemeinde, die auf das naturnahe und ökologisch orientierte Gärtnern setzt, speziell in Gemeinschaftsgärten. Als Star der Szene gilt Charles Dowding, Gärtner in Somerset, England, den viele „Gemüsezauberer“ nennen. Seit den 1980er-Jahren propagiert er das Gärtnern ohne Umgraben, schreibt Bücher darüber und gibt sein Wissen auf YouTube und Instagram weiter, wo ihm mittlerweile eine halbe Million Fans folgt. Mehr als drei Jahrzehnte verzichtet er bereits auf das Umackern seines Gartens, sein Mantra: ruhig bleiben, weniger tun, Zeit sparen, mit der Natur arbeiten, den Boden respektieren, die Belohnung dafür ernten. 

So wird's gemacht

Die Idee ist simpel und folgt dem Schichtprinzip, deshalb sprechen manche auch von „Lasagnegarten“. Zunächst braucht‘s einen hellen Standort. Nun werden auf der gewählten Fläche Unkraut und Gras entfernt, eine Lage Karton aufgebracht (um das Wachstum von Unkraut zu verhindern), es folgt eine Schicht organisches Material wie Äste, Rasenschnitt oder Stroh (für die Drainage). Darauf kommt Kompost, abgedeckt wird erneut mit einer Lage Stroh oder ähnlichem Material. Manche nehmen’s allerdings lockerer, verzichten auf die ganze Schichtarbeit und setzen schlicht auf eine ordentliche Menge sehr guten Kompost. Jetzt wird gepflanzt.

Dem Beispiel der Natur folgen

Was „No-Dig“ praktisch vermag, zeigt sich im niederösterreichischen Retz, wo drei Familien in einem ehemaligen Gutshof Bio-Gemüse auf etwa einem Hektar Land 30 bis 40 verschiedene Sorten Biogemüse anbauen und im Biokisterl-Abo verkaufen. Marktgärtnerei, auch „Market Garden“ heißt diese behutsame und umweltfreundliche Form des Anbaus, sie ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Gemüse wächst, möglichst ressourcenschonend, auf kleiner Fläche, sodass es direkt, ohne Zwischenstation, beim Konsumenten landet. 

No-Dig-Gärtner Kevin Keiderling

Kevin Keiderling setzt für "Gutes vom Gutshof" auf No-Dig-Gardening

©Gutes vom Gutshof

Bei „Gutes vom Gutshof“ stehen die erstaunlichen und hochkomplizierten Systeme der Natur im Mittelpunkt: „Wenn wir sie nicht stören oder zerstören, sind sie besonders fruchtbar und bringen gesunde Erträge. Die Methode hilft uns dabei, die Regeneration des Bodens zu fördern, weil so wenig wie möglich eingegriffen wird. Wir folgen also dem Beispiel der Natur, dort wird auch nie umgegraben. Im natürlichen Ökosystem ist der Boden immer bedeckt“, sagt Gutshof-Gärtner Kevin Keiderling. 

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Die zu erntenden Pflanzen werden über dem Boden abgeschnitten, die Wurzeln bleiben in der Erde. „Das fördert den Aufbau des Humus, aber auch der vielfältigen Mikroorganismen, wie Pilze und Bakterien, die die Pflanzen mit Nährstoffen versorgen.  Nach dem Schnitt kommt eine Schicht Kompost auf das Beet, darin werden neue Pflanzen gesetzt." Der Zyklus gesunden Wachsens und Werdens - ein Beispiel:  "Erst werden Radieschen geerntet, dann sofort neue Salatpflanzen gesetzt, vier Wochen später kann schon wieder frischer Salat geschnitten werden“, schildert Keiderling. 

Jedes Beet liefert an die vier, fünf Mal pro Jahr Erträge. Gemüse, das auf einem dermaßen gesunden und heilen Boden in seiner ursprünglichen Form wächst, sei mehr als bio, meint der Gärtner: „Wenn die Bodenbiologie richtig gut läuft, kommen die Pflanzen vermehrt an alle Nährstoffe und Mikronährstoffe, die sie brauchen. Das macht sie ungemein robust gegen Krankheiten und Insektendruck. Ich habe seit Jahren keine Blattlaus mehr in unserem Garten gesehen. Es ist also das gesündeste Gemüse, das es gibt.“ 

TIPP: Wer sehen mag, wie "No-Dig-Gardening" funktioniert und welche landwirtschaftlichen Grundsätze dort gelebt werden, kann sich das vor Ort bei "Gutes vom Gutshof" nahe Retz anschauen. Gäste sind gegen Voranmeldung willkommen und können auch mitarbeiten: [email protected]

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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