Tiere sind die besten Zuhörer: Warum Kinder ihnen jetzt vorlesen

Vor anderen laut zu lesen erzeugt Druck, Tieren sind Haspler und Fehler egal.

Aufgeregtes Gewusel im Wiener Tierschutzverein. Es gibt Besuch von Kindern und sie werden mit lautem Gebell begrüßt. Die Kinder sind darauf vorbereitet. Sie setzen sich mit ihrem Polster vor einen Zwinger, schlagen ihr Buch auf und fangen an vorzulesen. „Nach 15 Minuten wird es immer ruhiger und man hört nur noch das leise Murmeln der Kinder vor den Zwingern. Es ist fast besinnlich“, erzählt Gudrun Braun vom Wiener Tierschutzverein.

Das Shelter-Buddy-Leseprogramm ist nicht nur für die Tiere eine Möglichkeit Sozialkontakte zu üben und Ruhe zu finden. Wie sehr die Kinder davon profitieren, erklärt Lydia Grünzweig vom Österreichischen Buchklub der Jugend: „Gerade für leseschwächere Kinder ist das Lesen meist negativ besetzt. Wenn sie Hunden vorlesen, kann dieses schwierige Thema, mit dem sie hadern, zu etwas Positivem werden.“

Angst vor Hasplern

Wenn die Kinder beim lauten Lesen in der Schule unter Beobachtung von Lehrern und Mitschülern sind, entsteht enormer Druck. „Es wird gekichert, wenn man sich verhaspelt und man hat Angst, einen Fehler zu machen.“ Im Vergleich dazu sind Hunde geduldige Zuhörer und bessern einen nicht aus. „Sie freuen sich über die Stimme und die Aufmerksamkeit – der Inhalt ist egal“, sagt Braun.

Ein ähnliches Projekt im Burgenland hat bereits gezeigt, dass die Kinder in Folge viel selbstsicherer und besser lesen, erzählt Grünzweig. „Es ist erwiesen, dass es die Leseleistung verbessert und viele gewinnen dadurch auch Selbstvertrauen, es hat also auch soziale Aspekte.“

Letztendlich muss man das Lesen so üben wie das Fahrradfahren, erklärt Grünzweig: „Wenn ich keinen Ansporn habe, ist es immer eine mühsame Sache. Wenn ich einem Tier vorlese und Übung bekomme, kann man Kinder dazu führen, zu guten Lesern zu werden.“ Insofern könnte es auch eine gute Anregung sein, dem eigenen Haustier vorzulesen, wenn es entsprechend geduldig ist. „Für sich alleine zu lesen, macht ja keinen Spaß und so habe ich einen Empfänger für die Geschichte, der mich nicht unter Druck setzt.“

Wie wichtig gute Zuhörer sind, zeigt auch die häufigste Frage der Kinder im Wiener Tierschutzverein nach dem Vorlesen: „Darf ich das nächste Mal wieder dem gleichen Hund vorlesen?“

Laila Docekal

Über Laila Docekal

Leiterin des Lebensart Ressorts - ein Kaleidoskop von Gesundheit bis Genuss, Wissenschaft bis Reise, Mode bis Liebe, Partnerschaft und Psychologie. Seit 2007 beim KURIER, sieben Jahre lang jede Woche für den "Bodyblog" im Samstag-KURIER ein neues Fitnessangebot getestet und vorgestellt. Funfact: in diesen rund 350 Kolumnen kam nur ein einziges Mal eine Wintersportart vor - Curling. Faible für Geschichten, die das Leben schreibt und besonderes Augenmerk auf Themen, die sich um Frauen, Familien und Nachhaltigkeit drehen. Im Leben vor dem KURIER Polizeireporterin bei "Österreich" und parallel zum Studium (Publizistik, Soziologie, Kunstgeschichte) Moderatorin und Fotografin bei "W24". Bursary in Neuseeland mit Scholarship (Achtung, Kiwi-Akzent). 2013 MiA-Award für integrativen Journalismus.

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