Ameise liebt Schneeglöckerl: Bestechung im Nationalpark

Frühlingserwachen: Die Insekten werden von den frühen Blühern angezogen und verbreiten dann die frohe Kunde.

Mit Akribie arbeiten sich seit Jahren die Mitglieder diverser Untersuchungsausschüsse im Parlament durch die von ihnen angeforderten Akten. Derweil benötigen andere auch viel Energie, um zu ergründen, wie sich eine kleine Malversation ohne allzu großes persönliches Risiko einfädeln ließe. Wer sich dem Thema Bestechung leichtfüßiger, luftiger und vor allem harmloser annähern möchte, plant in den nächsten Tagen einen Spaziergang, zum Beispiel durch die Donau-Auen.

Fast episch wird es, wenn die dort tätigen Nationalpark-Mitarbeiter über die derzeit zu beobachtende Bestechung der Schneeglöckerln (lat. Galanthus nivalis) berichten.

Bevor wir uns gemeinsam mit einer geheimen Weltmacht beschäftigen, erfreuen wir uns noch kurz an dem natürlichen Anblick der Schneeglöckchen. Sie blühen, sagen die Experten, sehr früh im Jahr. Und das hat einen Grund: „Ihre hängende Blüte schützt die Narben und Staubblätter im Inneren vor Regen oder Schneefall.“

Mutter Natur hat sich für diese Vorboten des Frühlings eine klare Regieanweisung überlegt: Nach der Bestäubung erschlafft der Blütenstiel, und die Fruchtkapsel bleibt direkt am Boden liegen.

Und da greifen sie in das Geschehen ein: die Bestecher, die auch als die geheime Weltmacht im Tierreich gelten.

Achtung, Geldkoffer haben sie keinen dabei, auch keine lukrativen Jobangebote. Es ist mehr ein Geben und Nehmen, bei dem die Allgemeinheit im Nationalpark nicht geschädigt wird. Eher im Gegenteil.

Wir spitzen die Ohren, um den Ausführungen der Ranger in der Donau-Au zu lauschen: Die Samen der Schneeglöckerln besitzen ein Anhängsel, das sie speziell für Ameisen bilden, um sie damit anzulocken.

Das Elaiosom, so heißt das Anhängsel in der Sprache der Fachleute, enthält nicht nur Fett. Es mundet den Ameisen auch. Sie können, sie wollen ihm nicht widerstehen. Doch die Bestecher schlagen sich nicht nur an Ort und Stelle die Bäuche voll. Sie bringen auch was für andere mit heim.

Auf ihrem Nachhauseweg fällt auch immer etwas ab von der köstlichen Fracht. Damit sorgen die fleißigen Bestecher nebenbei auch für die weitere Verbreitung der Pflanze. Nicht nur in Auwäldern, auch in den privaten Gärten können so mit der Zeit weiße Schneeglöckerlteppiche entstehen.

Leben und leben lassen

Zwei Botschaften nimmt Homo sapiens von seinem Lehrpfad durch die Au mit nach Hause: Lassen wir all die Ameisen in Ruhe werkeln, und pflücken wir maximal eine Handvoll Schneeglöckerln am Wegrand. In der Vase verwelken sie ja ohnedies viel zu schnell.

Freuen wir uns lieber über Fotos und Erlebtes. Und auf das, was in wenigen Tagen auf uns zukommt: Die Frühblüher werden den Bienen und den ersten Faltern als wichtige Nahrungsquelle dienen.

Uwe Mauch

Über Uwe Mauch

Uwe Mauch, geboren 1966 in Wien, seit 1995 Redakteur beim KURIER, im Lebensart-Ressort zu Hause, Autor lebensnaher Reportagen sowie mehrerer Reportage-Bücher, u. a.: "Unsere Nachbarn" (2002), "Wien und der Fußball" (2007), "Lokalmatadore" (2008), "In 80 Arbeitstagen um die Welt" (2011), "Federführend. Über die Magie der Handschrift" (2013), "Stiege 8/Tür 7. Homestorys aus dem Wiener Gemeindebau" (2014), "Die Armen von Wien" (2016) sowie eines "Wien"- und eines "Zagreb"-Stadtführers.

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