Nostalgiefahrt von Klagenfurt bis Velden: Die noblen Villen am See

Imposante Villen und pittoreske Häuser am Seeufer erzählen Geschichten vom Leben und Schicksal so mancher prominenter Sommerfrische-Gäste vergangener Tage.

Von Werner Rosenberger

Manchmal war früher doch  alles schöner.  Bereits seit 150 Jahren und lange vor dem völlig sinnentleerten Brummbrumm der GTI-Treffen und vor den massentouristischen Party-Exzessen   ist der Wörthersee Bühne. 
Alles begann mit dem Bau der Eisenbahn ab den 1860er-Jahren: Kärntens größter See wurde von den Städtern entdeckt, die in repräsentativen Villen ihre Natursehnsucht auslebten und vor der Sommerhitze aus Wien und den anderen urbanen Zentren der Monarchie aufs Land flüchteten. Hin zu Idylle und Ruhe. Aber in der Erwartung der gewohnten Annehmlichkeiten von daheim auch in der Komfortzone Sommerfrische mit pittoresken Häusern am Seeufer.  

Der Traum vom Paradies ging in Erfüllung. Als der Wiener Fabrikant Ernst Wahliss kam,  ein Pionier mit zwei Leidenschaften: Porzellan und Pörtschach – und   das   unscheinbare Dörfchen zu einem der fashionabelsten Badeorte Österreichs umgestaltete.

 Die noblen Villen vom Etablissement Wahliss in Pörtschach waren  allseits bewunderte  Prachtbauten – zugleich der Grundstein der heute geschätzten Wörtherseearchitektur

©Werner Rosenberger »Die Villen vom Wörthersee«

Als sich Adelige und Bürgerliche, Industrielle und Künstler, Schauspieler und Operettenstars  an der Wörthersee-Riviera zwischen Klagenfurt, Pörtschach, dem  Abbazia en miniature, und Velden tummelten. Als der Wörthersee nicht nur für Johannes Brahms und Gustav Mahler, sondern auch für den James-Bond-Erfinder Ian Fleming, für den legendären Theatertausendsassa und Operettenstar Hubert Marischka oder Udo Jürgens zum Sehnsuchtsort wurde. Wo aus der Villa des Erfinders der Postkarte das Hotel „Schloss Seefels“ schließlich zu einem Party-Hotspot und Hideaway des Schlagersängers wurde.

Wahliss hatte sein Etablissement 1892 auf Velden ausgedehnt: Das historische Schloss, um 45.000 Gulden als Brandruine erworben, ließ er nach alten Ansichten zweigeschoßig wieder aufbauen und zum Luxushotel adaptieren. Es verfügte mit den Dependancen Parkvilla und Strandvilla über 150 Zimmer und steigerte schon im ersten Jahr nach der Eröffnung den Tourismus in Velden um 24 Prozent. Und Velden wurde bald zu einem Ort der Lebensfreude, lange bevor es Saint-Tropez gab.

Ende der 1970er-Jahre abgerissen: Seerestauration mit Anlegebrücke, 1909

©Werner Rosenberger »Die Villen vom Wörthersee«

Zuckerhäuschen

Die komfortable eingerichteten Villen waren allerdings bewunderte Prachtbauten – zugleich der Grundstein der heute so geschätzten Wörtherseearchitektur.

Das Sommerhaus des Architekten, Aquarell 1900: Die als Baujuwel originalgetreu erhaltene Villa Haybäck ist  für die  Besitzerin ein „Geschenk des Himmels“

©Werner Rosenberger »Die Villen vom Wörthersee«

So schrieb das „Wiener Salonblatt“ am 7. Juni 1891: „Diese Zuckerhäuschen, wie geschaffen für ein Sommernest, diese Curgebäude mit ihren Giebeln und Thürmchen, der niedliche Hafen, auf dessen glatter Wasserfläche zierliche Nachen und Segelboote schaukeln, der von fröhlichen Menschen wimmelnde Badestrand, die Galerien mit schönen, lachenden  und plaudernden Damen und eleganten Herren, die dem Treiben der Schwimmerinnen im See zusehen – dieses ganze mit pikantestem Geschmack ins Leben gerufene Sommeridyll lässt Niemanden so leicht los, der einmal den Zauber dieses Idylls erfahren hat.“

Die Monarchie war schon verblüht, der alte Glanz von Bad Ischl, der traditionellen Sommerzentrale der Wiener Bohème, allmählich verblasst. Da wird zwar auch noch nach dem Krieg manche Operette im Salzkammergut geboren, aber der Wörthersee ist   schon das neue Ischl, das österreichische Deauville, das Zentrum eines neuen sommerlichen Wien. 

Für den Hofburgtheater-Schauspieler Ernst Hartmann gibt es im Sommer viele Jahre lang nur eines: „Pörtschach am See, die ganze Zeit.“ Auch der in Klagenfurt gebürtige Robert Musil hat ein Faible für „das entzückend Unmoralische dieses kleinen Ortes“, wohnt im  Etablissement Werzer, Brennpunkt des Sommerlebens, wo ab Mai „der Kulturmensch zur Amphibie wird“.

„Klein Miramare“

Was macht die österreichische Riviera so attraktiv? Sie ist nichts für unruhige Geister, die für ihren Urlaub schon vor der Ankunft das volle Programm im Kopf haben. Dafür ist die Luft hier zu weich, zu lau, zu südlich und das Dolcefarniente mit Gelegenheiten zum intensiven Strandflirt zu verlockend. Wer zu seinem Wohlbefinden nicht unbedingt eine tosende, donnernde Brandung braucht, konnte hier glücklich sein, glücklich werden und glücklich machen.

Komponist Alban Berg mit seiner  Frau Helene und mit seinem geliebten „Auterl“, einem Ford-A-Cabrio, Baujahr 1930 

©Werner Rosenberger »Die Villen vom Wörthersee«

Alban und Helene Berg müssen ein Sensorium dafür gehabt haben. Am Südufer in Auen steht ihr 1932  ersteigertes „Waldhaus“ im romantisch-alpinen Heimatstil unter Denkmalschutz. Hier komponierte Berg Teile der Oper „Lulu“ und sein „dem Andenken eines Engels“ gewidmetes Violinkonzert.

Ein Ort, an dem Heiterkeit und Katastrophe, Glück und Tragik zusammentrafen, ist für den Hofoperndirektor Gustav Mahler ein zierliches, kleines Schlösschen in Maiernigg, knapp am südlichen und schattigeren Ufer des Sees. In seinem „Komponierhäuschen“ oberhalb mitten im Wald entstehen ab 1900 große Teile seiner Liederzyklen und Symphonien.
Schloss Reifnitz wiederum ist eigentlich gar kein Schloss, nicht einmal ein Schlösschen, sondern eine Villa, gebaut 1898 von einer argentinischen Familie mit Hamburger Wurzeln. Aber so wie dieses „Klein Miramare“ mit Zinnen und Terrassen auf dem vorspringenden Felsen am Südufer thront, hat es viel Ähnlichkeit mit dem für Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich, den Bruder Kaiser Franz Josephs I., und seine Gattin Charlotte von Belgien etwa fünf Kilometer nördlich von Triest errichteten Schloss an der Adria. Ebenfalls am Südufer in Schiefling bei Velden steht auf einer steilen, bewaldeten Anhöhe ein kubischer, fast schmuckloser Sommersitz im Abseits – modern, dass man nur so schaut wie der Ochs, wenn’s donnert. Kein Gemäuerblümchen, sondern ein Gesamtkunstwerk von Josef Hoffmann, als Komfortzone errichtet für Eduard Ast, einen der führenden Bauunternehmer der Monarchie. Ast und Hoffmann. Beide waren Förderer der Wiener Secession und der Wiener Werkstätte.

Schloss Sekirn, um 1912: Lange vor Heidi Horten war James-Bond-Erfinder Ian Fleming da, um seine heimliche Geliebte in die Arme zu schließen

©Werner Rosenberger »Die Villen vom Wörthersee«

Bei der Sommervilla des Architekten Karl Haybäck in Krumpendorf war vom Glanz vergangener Tage 1977  nur noch wenig übrig. Aber die neuen Eigentümer wollten die Immobilie retten und ließen sie unter Denkmalschutz stellen, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Ingrid Seebers  erster Eindruck bei der Besichtigung seinerzeit weckte bei ihr Assoziationen an das Horrorhaus von Norman Bates in Alfred Hitchcocks Film „Psycho“: „Nur ohne Leiche im Keller. Aber mich hat der Charme des alten Hauses gefangen genommen.“ Es ist ein „Geschenk des Himmels“ für die Besitzerin. „Die Erfüllung all meiner Wünsche. Der Sprung ins kühle Nass, das Flüstern des Schilfes und der Wellen, die Geräusche der Wasservögel versetzen mich zurück in meine glückliche Kindheit am See und waren für mich die totale Entspannung.“

„Leider gibt es keine guten Ansichtskarten, ich wollte, es gäbe welche“, so Egon Schiele, „wo nichts drauf wäre, als der weite, elegante Zug der Karawanken.“

In Krumpendorf atmete ich balsamische Luft“, schrieb seinerzeit Egon Schiele. Bald nach seiner Haft in Neulengbach wegen eines Mädchenakts im Frühjahr 1912 fuhr er mit Wally Neuzil nach Triest und berichtete über seinen Zwischenaufenthalt am Wörthersee: „In Klagenfurt war ich um 3 Uhr 5 Min. angekommen, um halb 5 Uhr bin ich bis Krumpendorf gefahren. Ich muss sagen, dass mir der Wörther See soweit sehr gut gefällt, bis wo die neuen ,Paläste’ beginnen, das schändet die Einheit. Leider gibt es keine guten Ansichtskarten, ich wollte, es gäbe welche, wo nichts drauf wäre, als der weite, elegante Zug der Karawanken, das ist wie ein Kristall.“

Rund um den Wörthersee reihen sich Traumobjekte wie Perlen zu einem Collier: ein scharfer Kontrast zur neu gebauten Hässlichkeit

©Carsten Leuzinger / imageBROKER / picturedesk.com/Carsten Leuzinger/imageBROKER/picturedesk.com

Lange bevor der See durch die Flicks, Porsches, Piëchs, Hortens und  Glocks zur Gegend mit der höchsten Milliardärsdichte weit und breit geworden ist, waren schon ein Weltreisender und ein Heimkehrer von der Expedition auf eine arktische Vulkaninsel 1882/83 da, außerdem einer der ersten Automobilisten – Max Schindler von Kunewald. 

Maria Wörth,  Schloss Reifnitz, Nordansicht: Die    späthistoristische Villa auf dem markanten Felsen  erinnert an die Alsterschlösser in Hamburg

©Werner Rosenberger »Die Villen vom Wörthersee«

Auch in den Uferorten nächst Klagenfurt wie Maria Wörth gibt es ein Glück im Seewinkerl. Schließlich gehört die romantische Kircheninsel zum See wie der Kirchturm zum Dorf. Maria Wörth ist eine reizende Idylle auf einem Felsen im See mit einem zwischen alten Bäumen halb versteckten kleinen gotischen Kirchlein – noch schöner im Winter, wenn sich unter dem eisigen Blauhimmel ungewohnte Friedensstimmung ausbreitet. Reif auf den Wiesen glitzert. Der Wind trägt den Eishauch vor dem Mund weg. Und eine Frage drängt sich plötzlich auf: Wie weiß der Kärntner, wann es Frühling wird? Wenn beim Schneeschaufeln die Vögel zwitschern.

Werner Rosenberger

Die Villen vom Wörthersee

€ 27,75

zum Buch

Buchtipp

 „Die Villen vom  Wörthersee. Wenn  Häuser Geschichten  erzählen“, Werner Rosenberger, Amalthea Verlag, 284 S. mit zahlreichen Abbildungen
 

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