Talking Heads und Zucchini-Hochbeete

Spießigkeit ist definitiv keine Frage des Alters

In einer Nacht ausdruckstanzt du in atem(be)raubenden schwarzen Lederhosen zu ,Talking Heads’, bis der DJ um Gnade winselt, verteilst Impulsküsse an Fremde und isst ein Gulasch am Naschmarkt im Morgengrauen. Und kurze Zeit später fotografierst du die Zucchini-Hochbeete in deinem Garten, lässt deine Facebook-Gemeinde an dieser Fadesse teilhaben und tauschst mit den Freundinnen Hüftproblematiken aus“, hielt F ein Kurzreferat über Mutationen in die Spießigkeit und die Brutalität der Vergänglichkeit. „Teuerste, diesen Entfremdungsprozess von der eigenen Jugend nennt man Leben“, versuchte ich sie zu trösten.

Ein Gefühl, das auch dem Fortpflanz nicht fremd ist. Das Kind befindet sich bereits jetzt in dieser Wo-sind-all-meine-besten-Jahre-hin-Panik, ist aber noch keine 30. Dennoch brüllt sie gerne: „Kann bitte irgendjemand die Fast-Forward-Taste meines Lebens wieder auf Stop drücken?“ Von Kindern und Sesshaftigkeit ist sie jedoch so weit weg wie Österreich von einem Steuerparadies. Ich bin generell eine Multi-Generationen-Aficionada, bei meinen Ausspeisungen liebe ich ein angeregtes Durcheinander, wo quirlige 65-plus-Jährige mit aufgeweckten Mittzwanzigern und lebenskriselnden Endvierzigern über die jeweiligen Bergungsversuche von Glück plaudern. Aber unter uns: Die lustigsten Menschen, die ich je in meinem Leben getroffen habe, waren alte, weiße Männer, oft Jahrzehnte älter als ich, heute sind bereits einige davon auf ewig verreist. Ich vermisse euch so sehr, Ari Rath, Werner Schneyder.

Man kennt einfach immer weniger Leute, die von einem Kibbuz aus eine Weltkarriere starteten oder Kästner-Gedichte zu jeder Nachtzeit aus der Hüfte rezitieren können. Heutzutage postet ja schon die etwas betagtere Jugend Trophäen-Botanik auf Instagram und pocht in Rezept-Blogs auf vegane Militanz. O tempora, o mores! Wir waren oft einfach viel jünger, als wir jung waren.

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Nymphen in Not”.

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