Die Einsamkeit eines elektronischen Supermarkts

Wie einen der Alltag verlässlich in Richtung Zerrüttung schubst.

Man betritt den elektronischen Supermarkt, denn man möchte die Infodefizite eines Online-Kaufs umschiffen und von einem Echtmenschen beraten werden. Lieber gedanklicher Ansatz, Leute. Nach ungefähr 12 Minuten beißender, vollklimatisierter Unbeachtetheit packe ich einen Rossschwanzträger in Beratermontur am Ellbogen, dem es nicht gelingt, mich abzuschütteln. Ich schleppe ihn in die Halde der Drucker und sage, dass ich, wenn geht, ein Gerät brauche, das mich nicht über den Rand der nervlichen Zerrüttung schubst, weil ständig der Papiereinzug an einem Burnout laboriert.

Nach ungefähr 40 Sekunden begreife ich, dass der Rossschwanzträger in etwa soviel Ahnung von Tintenstrahldruck und dem ganzen Schmafu besitzt wie ich. Er will mir ein Gerät von Mannshöhe andrehen, das aber dafür nicht farbdrucken kann. Angesichts meiner Fischvergiftung im Blick meint er, dass er zwar der eine von zwei Druckerspezialisten in der Filiale sei, aber eben noch kein Experte, weil erst kurz da, er würde aber den eigentlichen Print-Guru sofort hierher beordern. Weder der Ponytail-Typ noch sein Kollege waren je wieder gesehen. Ich habe keinen Drucker, sondern einen neuen Föhn, eine Zestenreibe und Schnappatmung, als ich das Etablissement verlasse.

Auf in die U-Bahn. Die „Wiener Linien“ haben ihre App umgestellt. Als ich mein Ticket so wie früher online buchen will, wird mir erklärt, dass eine Zehnerpackung von Fahrscheinen demnächst auf dem postalischen Weg zu mir finden wird. Die liebe Tradition der Brieftauben haben sie offensichtlich schon abgeschafft. Auf der App werden mir auch andere Serviceleistungen wie ein virtuelles Grab und ein digitaler Trauerraum angeboten, damit ich meinen Angehörigen später den Gang auf den Friedhof erspare. Einsamer als in der Druckerabteilung eines elektronischen Supermarkts kann man sich dort aber auch nicht fühlen. „Krisen kann jeder Idiot“, sagte Herr Tschechow, „die wahre Herausforderung ist der Alltag.“ 

Polly Adler

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