Entlüftung des umglamourösen Ichs

Zu Unrecht gilt Freundschaft als Untermieterin der Liebe

Gegen Ende seines kurzen Lebens war der alkoholkranke Schriftsteller F. Scott Fitzgerald in Hollywood so einsam, dass er sich selbst eine Postkarte schrieb: „Lieber Scott – Wie geht’s dir? Ich überlege, dich zu besuchen. Ich wohne im Garden of Allah. Viele Grüße. Scott Fitzgerald.“ Tatsächlich hatte er wegen seiner oft unerträglichen Verhaltensoriginalität die letzten Freundschaften weggesprengt. In einer auf Zweierbeziehungen manisch fixierten Kultur wurde die Freundschaft zur Untermieterin der Liebe. Zu Unrecht.

Ohne meine Freunde wäre mein Leben nur ein Viertel so lustig. Vor allem in der ersten C-Zeit, als wir alle das noch exotisch anmutende Experiment eines Lockdowns erproben mussten, hielten wir uns aneinander fest wie Kate Winslet an der Holzplanke im Eismeer in „Titanic“. Das Qualitätssiegel einer Freundschaft ist, dass man voreinander keine Pfauenräder schlagen muss und auch sein unglamouröses Ich ohne Schutzmauer zeigen kann. Und natürlich unter Umspülung von erstklassigen Weißweinen gossipen, kichern und auf hohem Niveau blödeln kann. Solche Freundschaften zählen zur E-Klasse ihres Genres. Sie sind aber wie Muskeln, die verkümmern, wenn sie zu lange vernachlässigt, in eine Schieflage des Gebens geraten und als Selbstverständlichkeit betrachtet werden.

Tatsächlich gibt es Menschen, die so ganz ohne ein Freundschaftsdorf auskommen. Es sind oft jene Typen, die ohne Punkt und Komma über sich selbst reden. Und im Zuhören keinen Leistungsnachweis erbringen. Und von tränentreibender Langeweile sind. Freundschaft ist auch keine WhatsApp-Gruppe, wo man sich digital „laust“, indem man sich taggt, einander mit semi-originellen Bildchen zuballert und sich alle sechs Wochen ein halbherziges „Wir müssen uns unbedingt wieder treffen, ich melde mich übernächste Woche“ zuraunt. Denn während man es noch ausspricht, weiß man, dass es nie passieren wird. Weil Attacke auf die Lebenszeit, die stetig schmilzt.

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Nymphen in Not”.

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