
Polly Adlers Kolumne: Zwinkern mit dem jüngeren Ich
Auf Nostalgietrip im Oswald & Kalb
Es riecht nicht mehr so wie damals, was nicht nur mit den fehlenden Nikotinschwaden zu tun hat. Aber der dunkle Bretterboden, die kleinen Ölporträts der Hundeköpfe, der Blick in die offene Küche, wo einst die steirischen Kochgöttinnen gewerkt haben, beschwören die Erinnerungen an diese endlosen Nächte herauf.
Diese Nächte, wo man mit staunenden, 18-jährigen Augen aus der Thermenperle Baden in die weite Welt der Wiener Bäckerstraße gespült wurde und langsam am Tresen des Oswald & Kalb eine Nahkampfausbildung im Schmähführen absolvierte. Und bei den großen Schreibern, Malern und jenen Künstlern, die ihre Gestaltungslibido ins eigene Leben pfefferten, ab und zu mitspielen durfte.
Es kam dem Glücksgefühl einer Mount-Everest-Besteigung gleich, wenn man es an den Stammtisch geschafft hatte. Es ist eine Begegnung mit meinem frühlingshaften Ich, als ich mit meiner Freundin M nach gut 35 Jahren erstmals wieder den einstigen Umschlagplatz der Wiener Bohème besuche.
Das Kind sagt manchmal eine Frechheit zu mir wie: "Mama, ich beneide dich, dass du deine Blütezeit in den 1980ern erlebt hast." Aber im gnadenlosen Licht der Realität betrachtet, muss ich ihr recht geben. Wir hatten es so viel vergnügter als die armen Kinder. Das Lokal ist inzwischen gepflastert mit Schwarzweiß-Porträts. Niki Lauda, Falco, Hermann Nitsch, Martin Kippenberger, kaum Frauen (es war ein solcher "Machoclub", so die grandiose Su Widl), Maria Lassnig und Elfriede Gerstl lächeln auf einen herab wie Schutzheilige.
Eigenartigerweise verließen M und ich das Lokal ohne Wehmut. Ich war randvoll von Veltliner und einer tiefen Dankbarkeit abgefüllt, jene Tage hier erlebt zu haben, in denen es kein Morgen gab, die Stadt lernte, auf den Tischen zu tanzen, und manche Ideen sogar zu Taten schrumpften. Ich zwinkerte vor dem Abgang meinem Youngster-Ich zu und flüsterte: "Wir haben es irgendwie nicht schlecht hingekriegt.“ Es zwinkerte sogar zurück.
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