Alles eine schöne Katastrophe

Über das grottigste Weihnachten, das Polly je erlebte.

Das Beruhigende an absoluten Tiefpunkten ist, dass es danach wieder  nach oben gehen muss. Ich hatte das grottigste Weihnachtsfest meines Lebens hinter mir. Auf Grund der Tatsache, dass eine Freundin meiner Tochter, mit der sie am Tag zuvor über Stunden im Kaffeehaus gesessen war, am 24. am Morgen uns wissen ließ, dass ihr PCR-Test positiv ausgefallen sei, mussten wir den Heiligen Abend bei meinen betagten Eltern absagen.

Damit nicht genug: In Panik, dass mich meine Tochter ansandeln könnte, hielten wir zwei Zimmer Abstand. So saß ich am Abend allein auf der Couch und war der Überzeugung, dass der Rest dieses Planeten gerade in einem Werbespot von „Merci Schokolade“ abtauchte und alle ein Vollbad in Harmonie  nahmen. Ich tat mir sehr leid. Ich vermisste meine Familie, die mit Sicherheit auch heuer (wie jedes Jahr) sehr anstrengend war. Aus der Distanz neigt man doch gerne zu Idealisierungen. Eine Lebensweisheit, die der Fortpflanz im Sicherheitsabstand auf anderer Ebene erfuhr: Das Kind vertrieb sich die Zeit mit „Hinge“-Sondierungen, Hinge ist quasi das Hipster-Tinder. 

Erstaunlich ist bei den Beschnupperungs-Ritualen, dass alles auf der rasanten Fast-Forward-Taste läuft. Nur nach drei Mal wechselseitigem Korrespondieren war der junge Mann, der „irgendwas Kreatives mit Zukunft“ in Planung hatte („Good luck“ kann ich da nur sagen), der Überzeugung, dass der Fortpflanz und er „miteinander wachsen werden“ und er in ihr „fix einen Soulmate“ gefunden habe. „Mama, der Typ hat mich noch nicht einmal gesehen und denkt bereits, dass wir füreinander bestimmt sind.“ Bei mir war es immer umgekehrt, dachte ich mir, je öfter man sich gesehen hatte, desto mehr kam der jeweilige Mann von diesem Wo-warst-du-mein-Leben-lang-Konzept ab. Auch wurscht. Ich dachte an die Schauspielerin Bibiana Zeller und ihren wunderbaren Satz: „Alles eine Katastrophe, aber ansonsten bin ich sehr glücklich.“ Wir blieben übrigens beide negativ. Was irgendwie zur Stimmung trefflich passte.

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Nymphen in Not”.

Kommentare