Nestroypossen auf Ibiza

Der Fortpflanz-ET will so sehr nach Hause

Das Kind musste nach Ibiza, um auf einem Musikfestival zu arbeiten, und ist auf Grund totaler Überfüllung in einer All-inclusive-Hölle gelandet. Vom Frühstücksbuffet aus Ballermannheim ruft sie mich im Flüsterton an: „Mama, hier sitzen lauter britische Pärchen mit mehr Tätowierungen am Körper als Haaren auf dem Kopf, sie starren auf ihre Handys und mampfen Toast mit Nutella. Fucking depressing! Aber das Schlimmste: Sie reden kein Wort miteinander.“

Nicht nur die Kommunikation ist am Gefrierpunkt, auch der Google-Translator des Etablissements weist kognitive Lücken auf. Der Fortpflanz schickt ein Foto eines Essens-Wegweisers: „Cooked turkey/gekochte Türkei.“ Ich flüsterte zurück: „Willkommen auf dem Planeten Erde! Diese Art von Realitycheck ist pädagogisch kostbar, das Leben ist nun einmal kein Whirlpool mit Salbei-Minz-Duftnote.“ Meetings mit der Fortpflanz-Chefin finden hingegen in einem Siebenstern-Ressort statt, das Kind muss sich fühlen wie in der Nestroy-Posse „Zur ebenen Erde und im ersten Stock“. Zu seinem Erstaunen stellt das Kind fest, dass die dort residierenden Pärchen ebenfalls stumm nebeneinander sitzen, in ihren Wildfangthunfisch-Filets an Wasabischaum stochern, in ihren Handys wischen oder damit beschäftigt sind, ihre Dolce-Vita-Fadesse in Selfie-Inszenierungen hochzupimpen.
 

Allerdings ist dort das Angebot an Attacken gegen die Langeweile weit bunter: Um 8 Uhr winkt ein „psychedelisches Atemseminar“, um 9 Uhr 30 kann man dann munter in einen nachhaltigen Duftkerzen-Workshop stechen, danach geht’s auf den resortinternen Bauernmarkt (vielleicht ein kleines Picknick aus regionalen Produkten im 1.500-Euro-Suiterl?) und den Abend krönt „eine schamanische Trommelreise“. „Krass, Mama, oder?“, zwitschert das Kind, das bereits erschreckend piefkonisiert ist „wie fad muss einem sein, dass man bei 40 Grad schamanisch trommelt?!“Dann sagt sie den Satz, den ich mir demnächst in Gold fassen werde: „ET will so sehr nach Hause.“

Polly Adler

Über Polly Adler

Polly Adler steht als Chaos-de-luxe-Kolumnistin auf dem satirischen Beobachtungsposten von Alltags-Irrsinn, Beziehungs-Herausforderungen und Brutpflege. Hinter dem Pseudonym versteckt sich die Wiener Journalistin Angelika Hager. Aus Polly Adlers verrückter Welt entstanden inzwischen acht Bücher, eine TV-Serie und diverse Bühnen-Shows, aktuell „Nymphen in Not”.

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