So funktioniert Selbstfürsorge im Alltag

Keine Vorsorge, keine Versorgung. Und irgendwie vielleicht doch. Wie es gelingt, mit kleinen Tools mehr auf sich selbst zu achten.

"Du musst auf dich selbst schauen." - Kennt man. Hört man immer wieder. Von Eltern, Freunden, vielleicht auch von den einem gut gesonnen Kollegen. Und selber? Weiß man es auch. Niemand sonst wird diese lebenslange Aufgabe, für sich selbst zu sorgen, sich selbst Gutes tun, für einen übernehmen (sofern man nicht ein noch ein Kind ist).

Ein großes Thema ist der Blick auf sich selbst in den vergangenen Jahren geworden. Viel zu oft geraten Menschen im alltäglichen Hamsterrad an ihre Grenzen. Oder gehen sogar über diese hinweg, bis sie körperlich - und auch seelisch - gar nicht mehr können. Von Schlaf- bis zu Angststörungen, von Depressionen bis zu Burn-out - die Liste der Beschwerden, die viele Überforderte heute plagen, ist lang. Erst wenn es so weit gekommen ist, halten viele inne und beginnen, sich auch mit sich selbst und ihrer eigenen Rolle zu beschäftigen. 

Bedürfnisse berücksichtigen

Dazu zählt unter anderem, die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen, mit sich selbst gut umzugehen - und sich nicht zu überfordern, wie es der Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff formulierte. Doch genau das kann in einem zwischen Beruf, Familie, Haushalt, Hobbys und noch viel mehr allzu schnell passieren. Und schnell hat man seine persönlichen Grenzen überschritten. Das ist, betont die Musiktherapeutin Vivian Mary Pudelko, aber an sich ja nichts Schlechtes. "Uns auszuprobieren, neue Erfahrungen zu machen, etwas zu riskieren, all das gehört zum Leben dazu." Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Spannungsfeld zwischen Überforderung und körperlich-mentalem Ausgleich.

Wie man diese Selbstfürsorge, wie sie es nennt, in den Alltag integrieren kann, hat sie nun im Buch "Darf ich das" Wie Selbstfürsorge im Alltag gelingt" zusammengefasst. Denn: Ganz so einfach ist die Sache mit dem "Auf-sich-schauen" nicht. Das hat sie auch persönlich erlebt.  Die eigenen Bedürfnisse zu verfolgen oder zu artikulieren, das funktioniert schließlich im Lauf des Lebens nicht immer. Da muss man Kompromisse machen, verlernt vielleicht auch aus anderen Gründen, zu äußern, was uns gut täte. Allerdings: "Selbstfürsorge ist ein lebenslanger Prozess", nennt Pudelko eines der Wesensmerkmale. Und: "Sie ist individuell und braucht eine innere Erlaubnis."

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Fünf Ebenen

Pudelko hat mehrere Ebenen für diese individuelle Versorgung definiert:

- Auf der körperlichen Ebene geht es unter anderem um Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen. Wir sind dafür verantwortlich, sie uns in ausreichendem Maße zuzugestehen. Dazu kommt noch Bewegung, und diese sollte zu uns passen. Egal, ob es Yogaübungen sind, Schwimmen oder Spazierengehen.

- Auf der emotionalen Ebene geht es in Sachen Selbstfürsorge darum, die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Aber auch, Zeit für sich selbst zu nehmen, etwa mit Lieblingsmusik, Filme oder auch einfach mal nur alleine zu sein.

- Selbstfürsorge auf kognitiver Ebene bezieht sich darauf, die eigenen Handlungen, Gedanken, Gefühle zu reflektieren. Aber auch geistige Pausen gehören für die Buchautorin dazu. Sie rät etwa, den Umgang mit dem eigenen Handy zu beobachten, es mal vorübergehend zur Seite zu legen und sich auf das gegenwärtige Erleben zu konzentrieren.

- Auch das Zusammensein mit anderen Menschen zählt zur Selbstfürsorge, und zwar auf der sozialen Ebene. "Daraus ergeben sich Räume für gemeinsame Erlebnisse."

- Umsorgen sollte man auch den eigenen Geist, daher umfasst Selbstfürsorge auch die spirituelle Ebene. Damit meint die Buchautorin aber nicht zwingend religiöse Praktiken. Erhebend könne ebenso die Natur empfunden werden, Dankbarkeit für etwas Schönes, das man erlebt hat - oder auch die fließenden Bewegungen bei Yoga- oder Taj Chi-Übungen. Für sie selbst sei etwa Yoga eine Möglichkeit, im Alltag immer wieder zu sich zu kommen.

©Fitbit Versa 3, Fitbit

Mitgefühl mit und Vertrauen in sich selbst

Diese Aufgabe hätte schneller gelöst werden könne, jene besser: Unzufriedenheit mit sich selbst - oder besser: den inneren Kritiker -  kennt wohl jeder. Zur Selbstfürsorge gehört aber auch, Mitgefühl mit sich selbst zu haben. Pudelko nennt es Selbstfreundlichkeit, man könne sie gut im Alltag üben. Sich auf unangenehme Gefühle einzulassen, ist ebenso ein Teil davon.

Jetzt!

Wer nach Möglichkeiten der Selbstfürsorge sucht, wird zu Beginn nach jenen Dingen suchen, die einem gut tun - das sind seine Ressourcen im Jetzt. Pudelko empfiehlt, diese bewusst zu pflegen, ob Treffen mit Freunden, Lesen oder anderes. "Auch in stressigen Zeiten darauf zu achten, mir regelmäßig Zeit und Platz dafür zu schaffen im Alltag" sei ein guter Plan. Und: In ruhigeren Zeiten schadet eine Besinnung auf die eigenen Ressourcen sicherlich nicht. Sie dann gedanklich parat zu haben, hilft wiederum in schwierigeren Phasen.

Fazit

Die Beschäftigung mit dem Thema Selbstfürsorge zeigt: Es ist die Summe vieler einzelner Teile, die sich durch Wiederholung immer besser verankern lassen. Die Autorin betont jedoch, dass Selbstfürsorge kein weiteres Mittel für Selbstoptimierung werden soll. Und, wie sie betont: Jeder, der ein wenig in sich hineinhöre, einiges ausprobiere, werde die individuell passenden Tools finden. 

Ingrid Teufl

Über Ingrid Teufl

Redakteurin im Ressort Lebensart. Gesundheit, Wellness, Lifestyle, Genuss. Seit 1997 beim KURIER, Studium Geschichte/Publizistik, Germanistik, Politikwissenschaften [Mag.phil.] Mag Menschen, Landschaften und Dinge, die gut tun, gut schmecken, gut riechen, neu sind.....und darüber schreiben.

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