Analyse

Teuerung: Wie die Greißler zum Politikum wurden

Die Polit-Debatte über die hohen Lebensmittelpreise wird auch auf dem Rücken kleiner Vollversorger ausgetragen.

Einzelne Zuckerl kaufen, eine Scheibe Wurst gratis bekommen, an der Verkaufsbudel die neuesten Gerüchte aus der Nachbarschaft hören: Hört man das Wort Greißler, kommen einem entweder selbst erlebte Kindheitserinnerungen in den Sinn – oder verklärte Bilder aus einem Astrid-Lindgren-Roman, etwa von rotwangigen Kindern, die mit blechernen Kannen Milch holen. Der Greißler ist hochgradig emotional besetzt.

Kein Wunder also, dass er jetzt für eine politische Debatte herhalten muss. Nach dem gestrigen Lebensmittelgipfel verteidigte Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands, gegenüber der Krone die hohen Preise unter anderem damit, dass sonst ein „Greißlersterben drohe“. Die Aufregung auf Twitter war ihm sicher.

 

©Kurier/Jeff Mangione

Das Problem an der Debatte: Es ist schwierig, die geringe Anzahl der Greißler mit der hohen Anzahl der armutsgefährdeten Menschen im Land gleichzusetzen.

Wenig klassische Greißler

Da die großen Ketten Rewe, Hofer, Lidl und Spar zusammen österreichweit rund 90 Prozent Marktanteil haben, können die kleinen Nahversorger höchstens zehn Prozent ausmachen. Höchstens deshalb, weil Dachmarken wie „Nah& Frisch“ darunter fallen, die auch nicht zu den klassischen Greißlern zählen.

Selbige definieren sich als Vollversorger auf einer kleinen Fläche bis 50m², die neben Lebensmitteln auch Waschmittel und zum Teil Parfümeriewaren anbieten. Diese, so hieß es 2021 bei der Wirtschaftskammer Wien, existierten kaum noch, in Wien seien es maximal 20 Stück.

 

©Kurier/Jeff Mangione

Dem gegenüber stehen 1,3 Millionen Menschen, die im Jahr 2022 in Österreich armutsgefährdet waren.

Neuerfindung

Zugegeben, mehr als 20 gibt es schon – die Greißler haben sich nur sehr verändert und passen sich dem jeweiligen Zeitgeist an. Seit Jahren im Steigen sind Spezial-Feinkostläden (etwa mit veganer Kost) oder spezialethnische Geschäfte mit türkischem, polnischem, englischem oder asiatischem Angebot. Dazu zählen in Wien rund 600 Geschäfte.

Gerade die türkischen Shops erfreuen sich in der Bundeshauptstadt großer Beliebtheit. Diese versorgen die Wiener nämlich fast rund um die Uhr mit Gebäck und Lebensmitteln – und sind damit vor allem an Tagesrandzeiten der Nahversorger der Wahl.

Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Von den 132 angemeldeten Bäckereien in Wien sind 38 Prozent auf türkische Backwaren spezialisiert. Vor 20 Jahren waren es nur 15 Prozent.

 

Trotz zahlreicher Arbeitsplätze, die dadurch gesichert werden, und einer stattlichen Wertschöpfung darf wohl bezweifelt werden, dass die Bundesregierung der Rettung der türkischen Bäckereien einen vorderen Platz auf der Prioritätenliste einräumt. Den Greißler als schützenswert zu bezeichnen, zieht natürlich trotzdem. Schließlich ist er seit ewig ein Teil der österreichischen Identität.

Herkunft

Der Vergleich mit Deutschland macht sicher: Das Wort Tante-Emma-Laden, ist, wie Sprachwissenschafter in der Sendung mit der Maus erklärten, erst nach 1945 entstanden. Die Herkunft des Wortes Greißler ist hingegen nicht ganz klar. Die Historiker der Wissensplattform Wien Geschichte Wiki mutmaßen, dass es eine mögliche Verbindung zu „An dem Gries“, wie der Wiener Salzgries bis 1322 hieß, gibt. Dort legten Schiffe an, mit an Bord mit Salz handelnde „Griesler“.

Eine andere Erklärung ist, dass sich Greißler aus „grūz“, dem mittelhochdeutschen Wort für Getreidekorn entwickelt hat. Welche Version auch stimmt, sie reicht jedenfalls wesentlich weiter zurück als nur ins Jahr 1945.

Anzahl von Greißlern

20 klassische Greißler 
Laut Definition handelt es sich bei  klassischen Greißlern um Vollversorger auf  einer  Fläche bis zu 50. In der Bundeshauptstadt gibt es davon maximal 20. Österreichweit entfallen höchstens zehn  Prozent des Marktanteils auf Greißler 

600 Spezial-Shops
Greißler erfinden sich neu – etwa 
mit rein veganem Angebot 
 

Die Teuerung, speziell die hohen Energiepreise, setzen den kleinen Geschäften sehr zu. Ein Selbstläufer ist der Erhalt dieses Gewerbes nicht. Durch Nostalgie allein werden sie nicht überleben (durch Polit-Plattitüden allerdings auch nicht).

Totgesagte leben länger

Die Greißler sind dem prophezeiten Tod allerdings schon mehrmals von der Schippe gesprungen. Laut Presse stammt der erste Eintrag zum Greißlersterben in der Zeitungsdatenbank Anno der Nationalbibliothek aus dem Jahr 1976.

Das liegt sogar drei Jahre vor der Veröffentlichung des Liedes „Video Killed the Radio Star“ von The Buggles, dessen Titel sich ebenfalls noch nicht bewahrheitet hat.

Agnes Preusser

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