Sammlung Chobot in der Albertina: Auf den Spuren der Sonderlinge

Das Ehepaar Chobot hat der Albertina rund 800 Kunstwerke hinterlassen. Sie werden gegenwärtig präsentiert

Alle Kunstsammlungen verraten einen gewissen Zeitgeist, doch manche verraten noch mehr. Einige (meist die Langweiligeren) lassen den Reichtum von Sammlerinnen und Sammlern erkennen sowie deren Wunsch, an Prestigeprojekten zu partizipieren. Andere erzählen von Kennerschaft, von langjährigen Verbindungen oder von Freundschaften.

Die Sammlung der Galeristin Dagmar Chobot und ihres Mannes Manfred, eines Schriftstellers, lässt sich in solche Raster schwer einordnen – wobei sie die Geld- und Prestigeachse gewiss nicht als ihr Rückgrat betrachtet. Die rund 800 Werke, die das Ehepaar 2019 der Albertina nicht bloß lieh, sondern schenkte, schlagen vielmehr einen sehr speziellen Pfad durch die heimische Kunstgeschichte der Nachkriegszeit: Sie wandelt auf den Spuren der Sonderlinge, Außenseiter und Neurotiker, die es in Österreich jener Zeit allerdings in großer Zahl gab. Das vermittelt zumindest die hervorragende Zusammenschau der Sammlung, die nun in der Albertina ausgebreitet ist.

Dichte Atmosphäre

Werke auf Papier sowie Skulpturen im nicht-monumentalen Format machen den Kern der Ausstellung aus, die dichte Atmosphäre generiert und fürs Kennerpublikum einige Aha-Momente bereithält. Da ist zu Beginn Bruno Gironcoli, dessen Objekte und Space-Babys im Konzert mit großen, stark ins Malerische tendierenden Zeichnungen gut zur Geltung kommen.

Die „Künstler aus Gugging“ haben mit tollen Werken von August Walla, Oswald Tschirtner oder Johann Hauser einen großen Auftritt – „die vom klassischen Kanon der hehren Zeichenkunst ausgeschlossene Art Brut ist heute in der Albertina besser vertreten als in jedem anderen österreichischen Museum“, jubelt der Pressetext, wobei man anmerken muss, dass das Kompetenzzentrum für diese Kunstsparte schon noch in Gugging selbst liegt.

Den Chobots gelang es aber, jene intensive und impulsive Kunst, die man lange als „zustandsgebunden“ bezeichnete und deren Schöpfer oft in psychiatrischen Einrichtungen betreut wurden, mit Bildwerken kurzzuschließen, die näher am etablierten Kunstsystem zirkulierten.

Zwischenwesen Ringels

Die janusköpfigen, oft in sexuelle Handlungen verwickelten Figuren von Franz Ringel sind hier als außergewöhnliche Zwischenwesen in der Schau vertreten. Auch die Werke von Verena Bret-schneider – ihnen ist bis 2. 9. auch eine Schau in der Stammgalerie der Chobots in der Wiener Domgasse gewidmet – stehen auf der Kippe zwischen dem modernen und magischen Kunstverständnis, es ist unklar, ob sie als Darstellungen oder als lebendige Kult-Objekte gedacht sind.

Der Parcours bringt darüber hinaus ein Wiedersehen mit Meistern wie Alfred Hrdlicka, Adolf Frohner, Gunter Damisch oder Jürgen Messensee – allesamt radikale Individualisten, die sich einer Anbindung an Strömungen bisher entzogen haben.

Die Frage, was die Musealisierung – in diesem Fall die Überführung der Werke von privaten Liebhabern in eine Institution – mit solchen Künstlerfiguren macht, ist schwierig zu beantworten: Die Werke werden wohl ein Stück weit dem Vergessen entrissen, doch natürlich droht im neuen Kontext auch das Verwischen der Individualität.

Wie vermutlich jede Präsentation einer solchen Sammlung gleicht die Albertina-Schau einer Szene am Bahnhof – der Zug wird beladen, doch wohin die Reise geht, ist noch nicht klar.

Dass einzelne Positionen als Kristallisationspunkte für weitere Ausstellungen dienen werden, ist jedenfalls schon vielversprechend. Als erste Produktion auf Basis der Chobot-Sammlung hat die Albertina eine Solo-Schau zum Maler Karl Anton Fleck angekündigt: Ein großer Teil von dessen Nachlass ist in der Schenkung mit enthalten.

Die Sammlung Chobot

Rund 800 Werke: Die Galeristin Dagmar Chobot und ihr Ehemann Manfred, ein Schriftsteller, haben ihre Sammlung im Jahr 2019 der Albertina als Schenkung überlassen. Sie umfasst rund 800 Exponate, die sie seit 1971 erworben haben

Höhepunkte: Die Ausstellung „Die Sammlung Chobot“ zeigt Höhepunkte der Kollektion: Zu sehen sind unter anderem Werke von Verena Bretschneider, Adolf Frohner, Alfred Hrdlicka, Bruno Gironcoli und Franz Ringel

Wann? Die Ausstellung läuft  bis 18. September 2022

Michael Huber

Über Michael Huber

Michael Huber, 1976 in Klagenfurt geboren, ist seit 2009 Redakteur im Ressort Kultur & Medien mit den Themenschwerpunkten Bildende Kunst und Kulturpolitik. Er studierte Publizistik und Kunstgeschichte und kam 1998 als Volontär erstmals in die KURIER-Redaktion. 2001 stieg er in der Sonntags-Redaktion ein, wo er für die Beilage "kult" über Popmusik schrieb und das erste Kurier-Blog führte. Von 2006-2007 war Michael Huber Fulbright Student und Bollinger Fellow an der Columbia University Journalism School in New York City, wo er ein Programm mit Schwerpunkt Kulturjournalismus mit dem Titel „Master of Arts“ abschloss. Als freier Journalist veröffentlichte er Artikel u.a. bei ORF ON Kultur, in der Süddeutschen Zeitung, der Kunstzeitung und in den Magazinen FORMAT, the gap, TBA und BIORAMA.

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