Wiederentdeckung Joan Didion: Die Frau, die auf Jim Morrison pfiff

Sie war cool, smart und ein bissl überdreht: Joan Didion. Warum die im Vorjahr hochbetagt verstorbene US-amerikanische Autorin wiederentdeckt wird.

Mit den Doors im Tonstudio, jener Rockband, deren Sänger wegen eines „unsittlichen“ Auftritts verhaftet worden war. Wow! An einem Frühlingsabend 1968, nur wenige Monate nach dem heißen „Summer of Love“ 1967, hat das eine Handvoll Mädchen echt geschafft. Eines davon massierte Ray Manzarek, dem Organisten, die Schultern. Die anderen warteten. Mussten warten.

Denn „alles und jeder, den die Doors brauchten, um ihr drittes Album fertigzustellen, war da, alle bis auf einen: den vierten der Doors, den Sänger Jim Morrison, einen vierundzwanzigjährigen Absolventen der Universität Los Angeles, der schwarze Lackhosen ohne Unterwäsche trug und einen Raum des Möglichen zu verheißen schien, der über einen Selbstmordpakt noch hinausging“.

Der Mann ohne Unterhose

Die Autorin Joan Didion war Zeitzeugin dieser fast gespenstischen Séance. In ihrem wieder neu herausgekommenen Buch „Das weiße Album“ (Ullstein Verlag) findet sich die vielsagende Tonstudio-Episode als Kernstück neben Reportagen über Hawaii, über das Computerhirn einer Freeway-Schleife zwischen Santa Monica und San Diego sowie einem Besuch in Bogotá. Allesamt Essays über ein Amerika, das so zwanghaft wie vergeblich den American Dream leben will. Siehe Jim Morrison.

Ob zu Besuch bei Sammy Davis Jr. oder der „hübschen Nancy Reagan“,  Didions Sicht auf die Sixties war speziell; „Das weiße Album“, Ullstein, 352 S., € 23,70

©Verlag

Als der Sänger Stunden später eintrudelte, passierte einmal nichts. „Das Merkwürdige an Morrisons Ankunft war: Niemand nahm sie zur Kenntnis“, bringt die damals 33-jährige Beobachterin diese Begegnung auf den Punkt. Der Mann mit der Hose ohne Unterhose setzte sich auf eine Couch „und schloss die Augen“.

Niemand sprach Morrison an, kein Mädchen schaute ihn an. „Dann sagte Morrison etwas zu Manzarek. Er redete beinahe flüsternd, als würde er die Worte einer Aphasie entreißen, die ihn am Sprechen hinderte. ,Bis West Covina ist es eine Stunde’, sagte er. ,Ich dachte, wir könnten die Nacht da draußen verbringen, wenn wir gespielt haben.’ Manzarek legte den Korkenzieher weg. ,Warum?’, fragte er. ,Anstatt zurückzukommen.’

Manzarek zuckte die Schultern. ,Wir hatten vor, zurückzukommen.’“

Tarantinos Tante?

Was so lässig dahingelabert wie in einem Film von Quentin Tarantino klingt, war Joan Didion zufolge die ganz normale Konversation unter Musikern. Nicht wirklich das Ding der kultivierten und gewitzten Autorin, die ihre ersten Karriereschritte Mitte der 1950er-Jahre in New York bei der Vogue gemacht hat, der Mutter aller Modemagazine.

„In der Musikbranche wollten die Leute nie normale Drinks“, beschwert sich Joan Didion im selben Essay. „Sie wollten Sake oder Champagner-Cocktails oder Tequila pur. Unter Musikern zu sein war anstrengend und verlangte eine lockere und vor allem passivere Haltung, als ich mir je aneignen konnte.“

Das Tonstudio hat die Frau, die so cool war, dass sie noch als 82-Jährige für Sonnenbrillen warb, übrigens vorzeitig verlassen. „Man hatte den Eindruck, dass keiner diesen Raum jemals verlassen würde“, hielt sie damals fest. „Es würde noch mehrere Wochen dauern, ehe die Doors dieses Album aufgenommen hatten. Ich blieb nicht bis zum Schluss.“

Dass Didions frühe Texte jetzt auch auf Deutsch in zwei Sammlungen vorliegen, hat sicher mit dem anhaltenden Interesse an der Popkultur der 1960er- und 1970er-Jahre zu tun. Aber eben auch an der spezifischen Sichtweise der Schriftstellerin. „Ihre Analysen eines utopischen Moments, in dem sich eine Gesellschaft vor einer grundlegenden Erneuerung glaubt, haben nichts an Strahlkraft eingebüßt“, heißt es etwa im Vorwort zu ihrem bereits im Vorjahr erschienenen Band „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“.

Ihre Übersetzerin Antje Rávik Strubel lobt ihr scharfes Denken. Und der Berliner Ullstein-Verlag wird nicht müde, Didion-Süchtige Jahr für Jahr mit neuem Stoff zu versorgen. Nach dem „Weißen Album“ und „Slouching Towards Bethlehem“ kommt im Sommer 2023 ihr Roman „Play It As It Lays“ neu heraus, ein Abgesang auf die Traumfabrik Hollywood. Diesen Ort kannte die 1934 in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento geborene Journalistin und Schriftstellerin nur zu gut. „Dieser Ort macht aus jedem einen Spieler“, schrieb sie einmal. Denn „der Geist, der hier herrscht, ist schnell, obsessiv, oberflächlich.“

Sie selbst war das Gegenteil davon. Bedächtig, präzise und tiefsinnig. Und doch verfasste sie der höheren Honorare wegen mit ihrem gleichfalls schreibenden Ehemann John Gregory Dunne auch Drehbücher, jenes von „A Star Is Born“ (1976) mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson etwa.

Ihre Corvette Sting Ray - siehe oben in dem Filmausschnitt - konnte sich die zarte Frau schon 1968 leisten. Kurze Zeit später wurde sie Zeugin, welche Macht die Filmstudios ausüben. „Und zwar im Sommer des Katzenjammers von 1970, als niemand das Tor passieren durfte, der nicht eine Zusage von Barbra Streisand hatte.“

Joan Didion erhielt die Zusage Jahre später. Immerhin.

Star auf Netflix

Griffin Dunne ist jener Schauspieler, der in einer Schlüsselszene von Martin Scorseses Komödie „Die Zeit nach Mitternacht“ Peter Patzak anrufen will. Ungewöhnlich auch dieses Projekt: Als Neffe von Joan Didion drehte er für Netflix ein sehr persönliches Porträt der Schriftstellerikone.

In „Die Mitte wird nicht halten“ erzählt Autorin über ihre Kindheit in Sacramento, ihre Zeit bei der Vogue, ihre Sicht auf L. A. nach den Morden der Manson-Family, ihre Drehbücher für Hollywood und  ihre großen Tragödien:  Sie musste knapp hintereinander das Sterben ihres Mannes John Gregory Dunne und ihrer Tochter Quintana Roo miterleben.  

Bernhard Praschl

Über Bernhard Praschl

Bernhard Praschl, geboren 1961 in Linz. Als Stahlstadtkind aufgewachsen zwischen Stadtwerkstatt und Brucknerhaus. Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien. Zivildienst im WUK; 1989-1992 in der Die Presse, seit 1992 Redakteur im KURIER, seit 1995 in der FREIZEIT. "Seinfeld"-Fan der fast 1. Stunde und froh, dass Netflix im Oktober 2021 auch draufgekommen ist, diesen von 1989 bis 1998 entstandenen Kulturschatz ins Programm aufzunehmen. Nach frühen Interrailreisen durch Europa (Portugal bis Irland) und Autofahrten entlang der California State Route und dem Overseas Highway nach Key West jetzt wieder Bahnfahrer - und E-Biker.

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