Hiata, Hauer und Historie: Ein Blick in die Geschichte Neustifts

Agnes Preusser

von Agnes Preusser

Neustift am Walde ist einer jener Orte, die zu Wien gehören, aber eigentlich auch wieder nicht. Wienern steht man mit Argwohn gegenüber.

Im Jahr 1856 beschwerte sich Josef Eischer in einem Wirtshaus bei Neustift über das Kaiserhaus. Die Reformen schritten für ihn zu langsam voran. Ein Spitzel bekam das mit, ließ ihn verhaften – und Eischer wurde in ein Gefangenenlager nach Arad in Rumänien verfrachtet.

Seine Frau versuchte jahrelang, Audienz bei Kaiser Franz Joseph I. zu bekommen, um seine Freilassung zu erbitten. Als sie es schaffte, wurde ihre Bitte tatsächlich erhört. Der Grund: Sie soll Sisi sehr ähnlich geschaut haben.

All das erzählt Michael Eischer, Nachfahre und Heurigenwirt in Neustift. Er hat in jahrelanger Recherchearbeit die Geschichte seiner Familie aufgearbeitet. Und auch jene seines Heimatorts.

Heurigenwirt Michael Eischer hat alte Dokumente und Bilder ausgegraben, um seine Familiengeschichte aufzuarbeiten  

©Kurier/Franz Gruber

Denn Neustift am Walde ist einer dieser Orte, die zu Wien gehören, aber eigentlich auch wieder nicht. Genau wie in Stammersdorf oder Mauer sieht man sich hauptsächlich als Bewohner des Dorfes. Und nur wenn es sein muss auch als Wiener.

Das Bild von vier Weinbauern wurde in allen Zeitungen gezeigt. 

©Kurier/Franz Gruber

Sommerfrischler

Das sei aber immer schon so gewesen, sagt Eischer. Zum Beispiel 1892. Da wurde Neustift zu Wien eingemeindet – bei den Neustiftern soll dieser Schritt nicht gerade für Begeisterung gesorgt haben. Davor hatte man sich sogar gesträubt, Bänke für Ausflügler auf einer Straße nach Wien aufzustellen. „Wenn ich die Wiener nicht brauch’, brauch’ ich die Bankln schon gar nicht“, soll der Neustifter Bürgermeister gesagt haben.

Dabei sind die Wiener selbst es, die für den Wohlstand im Ort gesorgt haben. Die Sommerfrischler aus der Stadt, die früher nach Neustift zum Erholen gefahren sind, haben einen Gutteil dazu beigetragen, dass die ansässigen Bauern – wie auch die Familie Eischer – über die Runden gekommen sind.

Die Geschichte des Orts

Namensgebung
Neustift am Walde  wurde im Jahr 1330 das erste Mal urkundlich erwähnt. Der Name dürfte – wenig kreativ – daher rühren, dass dort eine neue Stiftung neben dem Wald errichtet wurde

Eingemeindung
Neustift am Walde wurde 1892 zu Wien eingemeindet, damals mit anderen Gemeinden noch
 als Bezirk Währing. Erst 1938 wurde der Vorort Döbling
 zugeordnet 

Erster Kirtag im Jahr 1753 
Der Neustifter Kirtag findet jedes Jahr am Wochenende nach dem 16. August statt. Die Idee für die Veranstaltung geht auf Kaiserin Maria Theresia zurück

Publikumsmagnet
In Nicht-Pandemiejahren pilgern mehr als hunderttausend Besucher  zum Neustifter Kirtag – die meisten davon in Tracht. Der ehemalige Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) war hier ebenso schon Gast wie Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ)  

In Eischers Heurigen sind an allen Winkeln historische Fotos und Dokumente angebracht. Die meisten beim Abgang zum WC. „Da schauen die Leute einfach am meisten“, so Eischer. Zu sehen ist etwa ein Bild von vier Neustifter Weinbauern an einem Tisch (siehe oben) – dieses wurde früher als Sujet in allen Zeitungen benutzt, wenn man Heurigenkultur illustrieren wollte.

Prominent platziert im Heurigen ist auch die Hauerkrone, die wahrscheinlich nur jenen ein Begriff ist, die schon einmal den Neustifter Kirtag besucht haben. Zu selbigem pilgert Jahr für Jahr auch die österreichische Politprominenz. Bei Eischer kommt traditionell die FPÖ zusammen – schließlich ist er selbst blauer Bezirksrat.

Das Bild von vier Weinbauern wurde in allen Zeitungen gezeigt. 

©Kurier/Franz Gruber

Der Umzug der Hauerkrone – ein Gebilde aus Blumen, goldenen und silbernen Nüssen und Bändern – geht auf die Regentschaft von Maria Theresia zurück. Sie war ein Dankesgeschenk der Neustifter Weinhauer an die Kaiserin, nachdem sie ihnen nach einem verheerenden Ernteausfall im Jahr 1752 die Steuern erlassen hatte. Gemeinsam mit dem Aufstellen des Hiatabaumes, der für die

Bewachung der Weingärten steht, ist der Kronenumzug von der UNESCO sogar zum immateriellen Kulturerbe ernannt worden.

Der traditionelle Umzug der Hauerkrone. 

©Kurier/Franz Gruber

Der Baum wird jedes Jahr umgeschnitten, nachdem der letzte Winzer seine Trauben hereingeholt hat. Zuletzt im vergangenen September. Dabei versprachen Peter Wolff, Obmann des ansässigen Weinbauvereins, und Bezirksvorsteher Daniel Resch (ÖVP) übrigens einen sehr guten Jahrgang.

Neben den zehn Heurigenfamilien sind auch andere im Ort umtriebig. So etwa der Neustifter Kulturverein, der das Leben im Ort maßgeblich mitgestaltet. „Derzeit erarbeiten wir ein Leitbild“, sagt Wolfgang Burkart von der Initiative. Außerdem sei eine Broschüre in Planung, die zeigt, wo berühmte Persönlichkeiten in Neustift gewohnt haben.

Johann Strauß Vater zum Beispiel. Er hatte allerdings keinen festen Wohnsitz, sondern war einer der besagten Sommerfrischler, weil „die Wiener ihrem Liebling auch im Sommer keine Ruhe gönnten“, wie es auf der Neustift-Website heißt. Besser kann man die Einstellung der Neustifter zu Wien wohl kaum beschreiben.

Der eingangs erwähnte Vorfahre Eischers wurde übrigens dank seiner Frau nicht nur begnadigt. Er wurde auch für die zu harte Strafe entschädigt: Er durfte fortan einmal im Jahr eine Vorstellung im Ringtheater besuchen. Das brachte ihm allerdings kein Glück. Er nutzte seine Karte ausgerechnet an jenem Abend, als es zum verheerenden Ringtheaterbrand kam – und ließ dabei sein Leben.

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