Auch in der Oper jagt der Boulevard die Royals

Peter Jarolin

von Peter Jarolin

Theater an der Wien. Regisseur Keith Warner zeigt ab 17. Dezember seine Interpretation von Georg Friedrich Händels Meisterwerk „Giulio Cesare in Egitto“.

Wenn sich kommenden Freitag (pandemiebedingt allerdings mit ein wenig Verspätung) im Theater an der Wien der Vorhang zur Premiere von Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ hebt, wird ein Mann nicht dabei sein: Regisseur Keith Warner.

Nicht aus Angst, das Publikum könnte seine Deutung dieser Oper nicht goutieren, sondern aus rein juristischen Gründen. Keith Warner im KURIER-Gespräch: „Ich bin sehr traurig. Denn als Brite brauche ich nach diesem unsäglichen Brexit ein Arbeitsvisum für die Europäische Union. Das habe ich für die Zeit der Proben auch bekommen, aber vor der Premiere ist es abgelaufen und es wurde trotz aller Bemühungen von Intendant Roland Geyer einfach nicht verlängert. Dabei ist der ,Cesare’ wohl für längere Zeit meine letzte Arbeit hier in Wien. Denn der neue Intendant Stefan Herheim startet mit einem neuen Team und neuen Ideen. Auch mit der Staatsoper ist nichts vereinbart“, so der 65-jährige Künstler, der die Ära Geyer szenisch exemplarisch mitgeprägt hat.

©Monika Forster

Brexit-Schreier

Warner weiter: „Ich sage das ohne Bitternis. Ich bin nur so wütend auf diese Brexit-Schreier, die sich bei uns durchgesetzt und damit das Land ins Chaos manövriert haben. Dass die Europäische Union den Briten nun nicht mehr entgegenkommt, kann ich gut verstehen.“ Und lachend: „Aber vielleicht sollte ich die irische Staatsbürgerschaft annehmen. Ich habe auch irische Vorfahren und dann könnte ich in Europa leichter arbeiten. Mit viel weniger Bürokratie.“

Die Premiere am Freitag wird Warner also zwangsweise in England verbringen, er verspricht aber: „Ich werde allen Künstlerinnen und Künstlern und dem Wiener Publikum zuwinken und hoffen, dass unsere gemeinsame Arbeit gefällt. Denn so leicht war das in Zeiten der Pandemie auch wieder nicht.“

©Monika Rittershaus

Womit wir bei Händels „Giulio Cesare in Egitto“ wären. Wie sieht Warner diese Geschichte rund um Julius Cäsar, der seinen Feind Pompeio besiegt hat, dem Flüchtenden nach Ägypten folgt, prompt in eine dynastische Machtintrige verwickelt wird und nach vielen Irrungen in den Armen von Königin Cleopatra landet?

Monty Python

Warner: „Bei Händel liegen hier Komik und Tragik nah beieinander. Manche Szenen und Arien gehen ans Herz, andere erinnern eher an die Sketches von Monty Python. Das wollte ich auch herausarbeiten. Denn bitte, wie soll Cäsar reagieren, wenn er quasi als Einstandsgeschenk den abgeschlagenen Kopf seines Gegners erhält und kurz darauf zwischen die Fronten der Herrscherfamilie gerät? Das ist ja herrlich skurril und auch ein sehr britischer Humor.“

Aber, so der Regisseur: „Es gibt noch einen anderen Aspekt, der uns wichtig war. Als Händel 1724 seine Oper im King’s Theatre am Londoner Haymarket zur Uraufführung brachte, begann gerade der Aufstieg der Medien. Jeder wollte Zeitungen kaufen, um über den neuen Klatsch und Tratsch der Gesellschaft informiert zu sein. Das war eigentlich der Ursprung des heutigen Boulevards. Und was macht der Boulevard bis heute zwecks Auflagenmaximierung? Er jagt die Promis, bei uns die Royals, und streut Gerüchte. Da kam ich auf die Idee, auch Cäsar und Cleopatra – die sind ja Royals – in diesen Kontext zu setzen. Die Liebesaffäre eines römischen Imperators und einer ägyptischen Herrscherin – dagegen waren Richard Burton und Elisabeth Taylor harmlos!“

Warner sagt das mit einem Lachen. „Ja, wir sollen die große Kunst, diese wunderbare Musik ernst nehmen. Aber wir haben auch die Verpflichtung, das Publikum auf höchstem Niveau zu unterhalten. Das ist mein Ziel.“

Peter Jarolin

Über Peter Jarolin

Kommentare