Gayle: Eine Abrechnung mit Mittelfinger

Die 17-jährige US-Musikerin Gayle sorgt derzeit mit ihrem Hit „abcdefu“ für Furore.

Eine 17-jährige Texanerin schreibt seit Wochen eine jener Geschichten, die die Popwelt am liebsten schreibt: Vom Nobody an die Spitze der internationalen Charts. Taylor Gayle Rutherford alias Gayle ist derzeit mit ihrer Single „abcdefu“ Nummer eins in vielen Ländern der Welt. Auch in Österreich verweist sie Superstars wie Ed Sheeran auf die hinteren Plätze. Mit einem Lied, das gebrochene Teenagerherzen erstversorgt. Dem Ex wird also nicht lange nachgeweint, sondern der finale Finger gezeigt. Da man aber im Kinderzimmer keine vulgären Kraftausdrücke benutzen sollte, existieren vom Song zwei Versionen: eine abgeschwächte, nettere Radioversion und eine explosivere Fassung, in der sie dem Trottel – Pardon! – Typen statt dem „forget you“ ein „f*** you“ ausrichtet. Gut so. Irgendwo muss der Frust ja abgeleitet werden. Musik ist dabei nicht die schlechteste Option.

Gayle schlägt dazu Bass und Gitarre auf unbekümmert punkige Art und Weise an: „abcdefu“ kommt mit drei, vier Akkorden aus. Das ist erfrischend rockig und nicht auf Pop-Hochglanz poliert. Auch die Aufmachung kommt ohne Instagram-Beauty-Filter daher: Im dazugehörigen, selbstgedrehten und dementsprechend auch verwackelten Video werden die frisch ausgedrückten Pickel und das neueste Nasenpiercing stolz der Kamera präsentiert. Leidgeprüfte Teenager und jene, die sich noch an ihre Jugend erinnern können, fühlen sich verstanden. Kein Wunder also, dass das „„abcdefu“ auf YouTube bereits über 67 Millionen Mal aufgerufen wurde und das Lied seit Wochen auf TikTok nachgesungen wird.

©Warner Music

Schöner Zufall

Gayle hat schon früh mit dem Songwriting begonnen: „Sieben Jahre habe ich alles darangesetzt, einen Hit zu schreiben“, sagt sie in einem Interview. Ihre Mutter hat sie dabei mit Platten von Aretha Franklin versorgt. „Als ich sie singen hörte, wusste ich, was ich mit meinem Leben machen wollte. Das war der Moment, in dem ich mich der Musik verschrieb“, sagt sie. Und jetzt ist Gayle selbst bei Atlantic Records unter Vertrag, jenem einst so einflussreichen US-Label, auf dem Aretha Franklin 1967 mit der Single „I Never Loved a Man (The Way I Love You)“ ihren Durchbruch feierte. Ein schöner Zufall. Mit der Musik der Soul-Sängerin hat Gayles bisheriger Output aber nichts zu tun. Er geht eher in Richtung Alternative Rock der Marke Gwen Stefani (No Doubt) oder Avril Lavigne, als die noch auf dem Skateboard zur Schule fuhr („Sk8er Boi“). Es ist geradlinige wie gefällige „I don’t give a f***“-Gitarrenmusik mit pubertärer Wurschtigkeit. Nachzuhören auch auf Gayles neuer Single „Ur just horny“. Das dazugehörige Debütalbum soll noch heuer erscheinen. 

 

Gebrochener Mittelfinger statt gebrochenem Herz: Das Artwork (oben) zur Single „abcdefu“ ist ein Röntgenbild von Gayles Hand.
 

©Warner/Atlantic
Marco Weise

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